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Europa

Zum zweiten Mal Eltern

Oma und Opa als die wahren Kindererzieher und Alltagsmanager - in Italien ist das keine Seltenheit. Kindergeld gibt es nicht, öffentliche Kindergärten zu wenige und familienfreundliche Arbeitszeiten sind die Ausnahme.

Ein kleiner Junge steht vor seinen Großeltern und einem weiteren älteren Paar (Foto: dpa)

Alt betreut Jung - in Italien ein Konzept vieler Großfamilien

Der zweijährige Alessandro und der 69-Jährige Aldo sind ein perfektes Team. Aldo holt Alessandro um halb zwei vom Kindergarten ab, in den ihn die Eltern am Morgen gebracht haben. "Dann macht er Mittagsschlaf und danach gehe ich mit ihm raus. Wir fahren mit der U-Bahn, gehen in den Park oder ein Eis essen", erzählt der Großvater. "Bis sieben Uhr abends, dann holen ihn seine Eltern ab."

Alltag mit dem "Nonno"

Gut besuchter Spielplatz (Foto: AP)

Viele italienische Paare haben keine Zeit für die Betreuung des Nachwuchses

So geht das jeden Tag. Und oft auch am Wochenende, wenn die Eltern Ruhe brauchen. Nonno, also Großvater Aldo, kennt inzwischen sämtliche Spielplätze der Stadt, hat immer ein paar Buntstifte in der Tasche, ist Spezialist für Fangen spielen, Bauchweh und Trotzphasen und bleibt auch dann noch gelassen, wenn sein Enkel fast vom Klettergerüst fällt.

Geduldig, zärtlich, humorvoll - so beschreiben fast 80 Prozent der italienischen Großeltern ihr Verhältnis zu den Enkeln. Das steht jedenfalls in einer Studie der Europäischen Gesellschaft für Psychoanalyse. Mit überwältigender Mehrheit spielen die Kinder lieber mit dem Opa als mit dem Papa. Nonno Aldo und Alessandro sind also keine Ausnahme. Was Kinder brauchen, mögen und können, hat der Opa aber erst durch sein Enkelkind gelernt. "Als meine Kinder klein waren, war ich ständig auf Geschäftsreise und habe gar nicht mitbekommen, wie sie groß geworden sind, das sehe ich jetzt bei ihm", beschreibt er die Vorzüge der Großelternschaft.

Der Nachholbedarf ist nicht nur bei ihm groß. Italienische Väter waren bis in die 90er-Jahre hinein praktisch nicht zuständig für die Kinderbetreuung, und auch heute sind sie in der Woche meistens mit dem Geldverdienen beschäftigt. Ein Gehalt allein reicht aber in einer Stadt wie Mailand nicht aus, um die Familie zu ernähren. So steigt die Zahl der arbeitenden Mütter von Jahr zu Jahr. Und die Zahl der Großeltern, die ihre Enkel betreuen, ebenfalls.

"In Italien entscheiden die Alten"

Eine alte Frau geht mit einem Gehwagen einen Weg entlang (Foto: AP)

Senioren mit Familienanschluss sind weniger oft einsam

Nonna Sibilla wirft ihrem Enkel Alessandro einen zärtlichen Blick zu: "Wir retten die Familie, weil wir die Kinder betreuen. Die armen Mütter, die arbeiten gehen, wüssten sonst nicht, wohin mit ihnen", meint sie. "Oma und Opa springen oft ein. Aber ich mache das sehr gerne. Ich wüsste sonst gar nicht, wie ich die Zeit totschlagen soll."

Rotgefärbtes Haar, blitzende Augen, Hände, die beim Reden durch die Luft fliegen. Eine rüstige Rentnerin. Nonna Sibilla kocht nicht nur oft für ihren Sohn, ihre Schwiegertochter und den Enkel, sie hat auch bei Erziehungsfragen ein Wörtchen mitzureden. Daumenlutschen ist verboten, Fernsehen ebenso. Wer eine so wichtige Rolle bei der Bewältigung des Familienalltags spielt wie das Ehepaar Sibilla und Aldo Termini aus Mailand, dessen Stimme hat Gewicht. "In Italien entscheiden die Alten" lautete die Zeitungsüberschrift zu einem Artikel über die Rolle und den Einfluss der Großeltern in den italienischen Familien. Das liegt auch daran, dass in wirtschaftlichen Krisenzeiten eine sichere Rente das einzige Einkommen ist, auf das man sich verlassen kann, und so unterstützen viele Senioren ihre Kinder und Enkelkinder auch finanziell.

Wenn Oma Sibilla mit ihrer Nachbarin Elena, 63 Jahre alt und Oma von vier Mädchen, im Park über die guten alten Zeiten plaudert, dann geht es dabei auch um die Finanzen. "Leider reicht ein Gehalt heute kaum noch aus, also müssen die Frauen mitarbeiten", meint Sibilla. "Die Frauen haben heute studiert, die können doch nicht mit dem Arbeiten aufhören, weil sie Kinder bekommen. Wenn sie das tun, schaffen sie den Wiedereinstieg nicht mehr", so Elena. "Bei uns ist der Familiensinn noch sehr ausgeprägt. Und der Kleine ist Teil meiner Familie. Die Großfamilie gibt es eben immer noch."

Autorin: Kirstin Hausen
Redaktion: Mareike Röwekamp