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Digitales Leben

Zum Teufel mit dem Skeuomorphismus

In Amerika gibt es Autos, die mit gefakten Holzpanelen dekoriert sind. Das klingt fürcherlich? Stimmt! Nur warum finden Sie diese Art der Verunstaltung dann auf Ihrem Smartphonedisplay schön?

Sonnenblume

Sonnenblume (Digitalitäten)

Der Skeuomorphismus ist überall. Nur nicht in der deutschen Wikipedia. Da gibt es erstaunlicherweise keinen Eintrag über die digitale Nachbildungen von realen Gegenständen. Gut so! Dem Skeuomorphismus darf kein Platz eingeräumt werden. Es handelt sich um einen schrecklichen Irrweg der direkt in den geschmacklichen Abgrund führt. Glauben Sie mir.

Unerträglich hässlich

Der traurige Weltrekordhalter im visuellen Verhackstückeln von Realität ist derzeit bedauerlicherweise die Computerfirma Apple. Wer auf einem mobilen Gerät des Konzerns friedlich einen Podcast anhören möchte, muss sich mit dem digital nachempfundenen Interface eines Tonbandgeräts aus den 1970er-Jahren herumärgern. Wer auf dem iPhone einfach nur seine Fotos anschauen will, muss - ob er oder sie will oder nicht - auf eine kitschige Sonnenblumenabbildung drücken. Keine Ahnung, ob man bei Apple davon ausgeht, dass man daheim unerträglich hässliche Bilderalben im Regal stehen hat, die natürlich - wie auch sonst - mit hyperreal-grellen Sonnenblumenmotiven bedruckt sind.

Ein Trauerspiel

Die Idee hinter diesem Wahnsinn mag sich mal für eine halbe Minute lang gut und sinnvoll angehört haben. Ich nehme an, dass es ein sehr gewitzter Marketingleiter mit gepunkteter Krawatte und einem Volkshochschulkurs in Psychologie war, der vorschlug, einen digitalen Terminplaner in einen Lederumschlag mit Naht zu verfrachten. Wohlgemerkt: Einem virtuellen Lederumschlag. Fühlt sich an, als ob man mit einer Trickfilmfigur eine Limonade trinkt. Dazu kann man sich dann den Soundtrack von digital nachempfundenen Bimmel-Telefonen, dem Londoner Big Ben und einer lustigen Autotröte denken, die an Klamaukfilme aus den 1950er Jahren erinnern soll. Ein Trauerspiel. Die fortgesetzte Infantilisierung in einer angeblich aufgeklärt-modernen Welt des 21. Jahrhunderts.

Weg mit der Sonnenblume

Als ob es Bauhaus, Minimalismus, Geräte der Firma Braun oder kalte, graue, schnurgerade Autobahnen nie gegeben hätte. Was ist da los? Merkt niemand, dass es sich um einen billigen, miesen Trick handelt? Dem Gefühls- und Erinnerungsklau. Unlauterer Einsatz. Stopp! Schluss damit. Denn natürlich gibt es Alternativen.

Und die sind herrlich schlicht, grau, flach und einfach. Dieser Skeuomorphismus-Kram geht nämlich auch einer wachsenden Zahl von App-Designern gehörig auf die Nerven. Und deswegen schwenken die gerade um. Weg mit der Sonnenblume, her mit digitalen Flächen. Heraus kommen dabei dann Apps wie Letterpress oder Twitterific. Fokus auf Form und Schrift und ein bewusst dezenter Einsatz von Farbe. Entspannung für die Augen. Danke.Das Ganze ist dann aber - nun ja  - ganz vielleicht hier und da auch ein kleines bisschen langweilig. Zugegeben. Aber es muss ja auch nicht für immer sein. Schließlich muss es weitergehen. Dieser Marketingleiter mit der Krawatte hat auch schon wieder umgeschult, macht jetzt irgendwas mit Geometrie. Mal sehen womit der bald so um die Ecke biegt.

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