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Bücher

Zum Tee bei Christa Wolf

In ihrem neuen Roman blickt Christa Wolf noch einmal auf die Wendezeit zurück. Erinnerungsarbeit und radikale Selbstbefragung sind ihre literarischen Markenzeichen. Ihr privates Modell heißt Partnerschaft. Ein Porträt.

Christa Wolf, deutsche Schriftstellerin

Christa Wolf

Ende März im Wintergarten der weitläufigen Wohnung sitzen wir bei Tee und Erdbeerkuchen und sprechen unter anderem über das neue Buch "Stadt der Engel". Wenn Christa und Gerhard Wolf gemeinsam erzählen, behält sie den roten Faden im Blick, während er hier und da Anekdoten beisteuert, so man sich alles leibhaftig vorstellen kann und doch die Hauptsache nicht aus den Augen verliert.

Sie und er – eine produktive Gemeinschaft

Christa Wolf, seit bald sechzig Jahren verheiratet, Mutter zweier Töchter, Großmutter und inzwischen auch Urgroßmutter, hat gemeinsam mit ihrem Mann Gerhard ein Modell der anderen Art entwickelt und den sich jeweils verändernden Verhältnissen innen und außen angepaßt – eine scheinbar unspektakuläre Lebensleistung, die zur Basis und zum Elixier der Wolfschen Ko-Produktion geworden ist. So wie Leben und Schreiben für die Autorin Wolf zusammen ein Ganzes bilden und das eine ohne das andere nicht zu denken ist, gilt dies auch für die Privatperson Wolf.

Christa und Gerhard Wolf auf einer alten Aufnahme

Sie und er in jungen Jahren

Mit Familienmitgliedern und Freunden zusammensein, in der Wohnung in Berlin und im Haus in Mecklenburg leben, Bücher und Bilder um sich haben, gute Gespräche und gutes Essen genießen, gemeinsam Länder und Städte erkunden und allein am Schreibtisch arbeiten – in solche Zweiklänge fügen sich auch die individuellen Persönlichkeiten in diesem glücklichen Paar. Ein Modell der anderen Art – alltagstauglich und krisenerprobt, produktiv in vielerlei Hinsichten, ein Beispiel gelingenden Miteinanders, dessen "Herzstück", wie Christa Wolf es nennt, ihre Zusammenarbeit ist.

Nachdenken über Christa W. in der Stadt der Engel

Mit "Stadt der Engel" ist Los Angeles gemeint, wo sich Christa Wolf auf Einladung des Getty Center 1992/1993 fast ein Jahr lang aufhielt. Sie nutzte ihren Arbeitsaufenthalt dort, um Distanz zu gewinnen zum sogenannten Literaturstreit, der 1990 nach der Veröffentlichung ihrer im Wesentlichen 1979 geschriebenen Erzählung "Was bleibt" im westdeutschen Feuilleton losbrach. Dieselbe westdeutsche Öffentlichkeit, die Christa Wolf zu DDR-Zeiten als vermeintliche 'Dissidentin' vereinahmt hat, erklärte sie nun zur 'Staatsdichterin'. Die folgende Debatte reduzierte die Autorin auf die drei Jahre von 1959 bis 1962, in denen sie als 'Inoffizieller Mitarbeiter' der Staatssicherheit geführt wurde; danach brach die Stasi den Kontakt ab, weil er nichts Brauchbares ergab. Seit Mitte der sechziger Jahre und bis zum Ende der DDR waren Christa und Gerhard Wolf wegen ihrer kritischen Haltung Gegenstand der Observation - das Material füllte 42 Bände Akten.

Buchcover Christa Wolf: Stadt der Engel (Suhrkamp)

Im Ausland verstand man die Aufregung um die frühen Stasi-Kontakte Wolfs überhaupt nicht. Die Angriffe auf ihre Person riefen vielmehr solidarische Reaktionen in Gestalt von Preisen, Ehrungen und Einladungen hervor – unter anderem wurde Christa Wolf zum Foreign Honorary Member of the American Academy of Arts and Letters in New York ernannt und erhielt die Einladung des Getty Centers in Santa Monica.

Suche nach Orientierung

In Santa Monica bei Los Angeles war Christa Wolf zugleich mit der Emigrationsgeschichte – Heinrich und Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht lebten hier während des "Dritten Reiches" – und mit der US-amerikanischen Intellektuellenkultur konfrontiert. Den Texten, die sie dort schrieb, ist die Suche dieser Lebensphase nach dem Umbruch von 1989/90 nach Orientierung, nach Lebenssinn und nach Deutungsmustern für das Erlebte eingeschrieben – die Anfänge von "Medea" entstanden dort, und die Erzählung "Wüstenfahrt" geht auf einen gemeinsamen Ausflug zurück. Ihre Aufzeichnungen über den Aufenthalt bilden den Rahmen für ihr neues Buch. Natürlich ist es – denn das ist charakteristisch für ihre Prosa – zugleich autobiographisch und fiktiv. Sie bleibt ihrer Definition von realistischem Erzählen treu, die sie 1968 in dem Essay "Lesen und Schreiben" formulierte, nämlich wahrheitsgetreu zu erfinden aufgrund der eigenen Erfahrung.

Malerfreunde

Die Schriftstellerin Christa Wolf und ihr Ehemann, der Schriftsteller und Verleger Gerhard Wolf (Archivfoto vom 20.07.2007).

Sie und er 2007

Die Suche nach Wahrheit führt zu den Schmerzpunkten der eigenen Geschichte, und die Frage nach der Bedeutung des Vergangenen für das Hier und Jetzt läßt die Schnittstellen von Biographie und Zeitgeschichte schärfer hervortreten. So ist es auch bei diesem neuen Buch. Und auch hier, wie in anderen ihrer Texte, ist ihr Mann "zwischen den Zeilen" anwesend, ohne dass sein Name ausgesprochen wird: als Du, als Dialogpartner, als mitdenkendes, mitfühlendes Gegenüber. Man merkt Christa Wolf die große Erleichterung an, dass dieses Arbeitsprojekt, das sie so lange begleitet hat, nun endlich abgeschlossen ist. Als nächstes, da sind sich Christa und Gerhard Wolf im Gespräch einig, steht ein Erholungsurlaub an, und natürlich freuen sie sich schon auf das nächste gemeinsame Projekt, das wenige Tage nach der Buchpremiere stattfindet. Am 20. Juni eröffnen sie die Ausstellung "Malerfreunde" ihrer Kunst-Sammlung mit neuen Werken der beteiligten Künstlerinnen und Künstler und stellen die Neuausgabe des gleichnamigen Bandes mit Essays von ihnen beiden vor.

Autorin: Sonja Hilzinger
Redaktion: Gabriela Schaaf

Sonja Hilzinger, Autorin, Lektorin und Wissenschaftsberaterin lebt in Berlin. Herausgeberin einer Werkausgabe und Autorin einer Biografie über Christa Wolf im Suhrkamp Verlag. Weitere Veröffentlichungen zu Autorinnen, zur Exil- und DDR-Literatur, u.a. Biografien von Anna Seghers, Elisabeth Langgässer, Inge Müller.

Christa Wolf, Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud. Berlin: Suhrkamp Verlag, 416 Seiten, 24,80 Euro.

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