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Asien

Zum Surfen nach Nordkorea

Urlaub in Nordkorea: Jedes Jahr buchen mehrere tausend Touristen einen Trip ins Reich Kim Jong Uns. Inwieweit können Veranstalter für die Sicherheit der Gäste garantieren? Und ist eine solche Reise ethisch vertretbar?

Zum ersten Mal in Nordkorea war Markos Kern im Juni 2015. Als Teilnehmer einer organisierten Gruppenreise. Er wollte unbedingt hin, erzählt er, wollte sich mit eigenen Augen ein Bild von dem Land machen, über das man so viel Schlimmes höre. Reisen auch zu ungewöhnlichen Zielen, das gehört für ihn zum Leben dazu, sagt der 33-jährige über sich selbst. Doch die Reaktionen seines Umfelds auf dieses spezielle Reiseziel seien nicht nur positiv ausgefallen. "Da kam sofort die Frage: Wie kannst du sowas tun? Damit spielst du doch nur der Führung in die Karten: Die wollen Tourismus, wollen Devisen. Und jeder Dollar, den du da ausgibst, kommt einem Regime zugute, das foltert."

Flughafengebäude in Pjöngjang (Foto: picture-alliance/dpa/Andreas Landwehr)

Hier, am Flughafen von Pjöngjang, beginnt für die Touristen das Erlebnis Nordkorea - im Frühjahr 2015 wurde der neue Flughafen eröffnet

Natürlich habe er sich auch Gedanken über die Menschenrechtslage gemacht. Darüber könne man nicht hinwegschauen. "Aber wir treiben auch Handel mit anderen Ländern, in denen schlimme Dinge passieren. Und ich kenne niemanden, der sagt: Ich fahre nicht nach China, weil dort die Menschenrechte verletzt werden." Markos Kern entschied sich zu fahren - mit dem Vorsatz, die Reise im Zweifel auch abzubrechen, wenn er das Gefühl hätte, instrumentalisiert zu werden oder an einen Punkt zu kommen, an dem er ethische Bedenken gehabt hätte.

Gepackt von Land und Leuten

Die Organisation der Reise sei ganz einfach gewesen, innerhalb weniger Tage habe er ein Visum bekommen, berichtet Kern, der in München eine eigene Unternehmensberatung leitet. "Ich habe Nordkorea als sehr angenehm erlebt. Es hat einen extremen Reiz auf mich ausgeübt, weil es ganz anders ist als alles, was wir kennen." Land und Leute faszinierten Kern - auch wenn er nur einen kleinen und gesteuerten Ausschnitt zu sehen bekam: Denn Tourismus in Nordkorea ist nicht mit Reisen in andere Länder vergleichbar. Die Gäste sind immer in Begleitung eines Guides, können sich nicht allein im Land bewegen.

Deutschland Kern Innovations Unternehmensberater Markos Kern (Foto: www.kerninnovations.com)

Markos Kern war in den vergangenen anderthalb Jahren schon dreimal in Nordkorea – und schon bald steht die nächste Reise an

Auch der Kontakt mit Nordkoreanern - genau das, was Markos Kern besonders interessierte - war nur in kleinen Maßen möglich. "Als normaler Tourist kennt man eben seine Guides und spricht vielleicht hier und da mal kurz mit einer Bedienung oder der Dame an der Rezeption. Aber es gibt eigentlich nur sehr wenige Situationen, in denen man mit den Menschen auf Tuchfühlung gehen kann."

Anbieter setzen auf gute Vorbereitung und Benimm-Regeln

Kern reiste mit dem US-amerikanischen Reiseveranstalter Uri Tours. Seit 15 Jahren gibt es das Unternehmen, das sich auf Nordkorea-Tourismus spezialisiert hat. "Wir bieten voll organisierte Reisen von Peking oder Shanghai aus an. Unsere Angebote gehen vom Tagestrip bis zur 2-Wochen-Reise", erklärt Mitgründerin und Leiterin Andrea Lee. Und auch Ungewöhnliches kann man über Uri Tours buchen: eine Teilnahme am jährlichen Pjöngjang-Marathon zum Beispiel. Ganz wichtig: Vor der Reise werden die Teilnehmer umfassend über Gepflogenheiten und Regeln informiert, an die sie sich unbedingt halten müssen. "Die Touristen müssen immer bei ihren lokalen Guides bleiben, dürfen das Hotel nicht allein verlassen und beispielsweise kein Militär fotografieren", so Lee.

Und: Es ist auch verboten, angeschnittene Fotos von Mitgliedern der Kim-Familie zu machen, berichtet Rubio Chan. Auch er bietet Reisen nach Nordkorea an, gründete zusammen mit einem Partner im Jahr 2013 das in Hongkong sitzende Unternehmen "Eastern Vision". Und legt Wert auf möglichst umfassende Vorbereitung. "Unser Team unterrichtet die Gäste über aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen im Land." Ungefähr 300 Gäste haben Chan und seine Mitarbeiter bisher nach Nordkorea gebracht. Zielgruppe sind wie bei Uri Tours vor allem junge Menschen.

Menschen auf einem Platz in Pjöngjang vor großformatigen Porträts von Kim Il Sung (links) und Kim Jong Il (Foto: www.kerninnovations.com)

Es ist streng verboten, angeschnittene Fotos von den verstorbenen Herrschern Nordkorea, Kim Il Sung und Kim Jong Il, zu machen

"Unsere Angebote sollen in die Tiefe gehen", meint Chan. So stünden zum Beispiel Besuche an weiterführenden Schulen und Universitäten auf dem Programm, wo die Teilnehmer auch mit Studenten ins Gespräch kommen könnten. "Außerdem gibt es die Möglichkeit, Bauern bei der Ernte zu helfen oder eine Wasserflaschenfabrik zu besichtigen. Wir wollen unseren Kunden einfach den größtmöglichen Eindruck in dieses Land ermöglichen."

Die Frage der Sicherheit

Sowohl Rubio Chan als auch Andrea Lee betonen, Nordkorea sei ein sicheres Reiseland. "Solange sich die Touristen an die geltenden Regeln halten, geraten sie nicht in Schwierigkeiten", sagt Lee. Sicherheit habe oberste Priorität. "Wir stehen immer in engem Kontakt mit unseren Verbindungsleuten im Land." Noch nie sei einem Gast von "Eastern Vision" in Nordkorea etwas passiert, sagt auch Chan. "Sollte so ein Fall eintreten, würden wir auf jede mögliche Unterstützung lokaler Botschaften vor Ort zurückgreifen."

Skifahrer vor einem Hotel im Skigebiet am Masik-Pass (Foto: www.skinorthkorea.com)

Das Skigebiet Masik-Ryong ist das einzige seiner Art in Nordkorea – eröffnet wurde das ehrgeizige Prestige-Projekt der Führung vor gut zwei Jahren

Die meisten Kunden von Uri Tours stammen aus den USA. Die Regierung in Washington allerdings steht dem Nordkorea-Tourismus kritisch gegenüber. "Das US-Außenministerium rät allen US-Bürgern dringend von Reisen nach Nordkorea ab." So steht es auf der Internetseite des State Department. Der Eintrag stammt vom 20. November 2015. "Ausländische Besucher können in Nordkorea verhaftet oder ausgewiesen werden - für Dinge, die in anderen Ländern nicht als kriminelle Handlungen gelten würden", heißt es dort weiter.

Kein amerikanischer Tourist sei sicher im Land, auch nicht als Mitglied einer organisierten Gruppenreise. "Denken Sie nicht, dass die Mitgliedschaft in einer Reisegruppe oder ein Guide Sie beschützen und die nordkoreanischen Behörden abhalten kann, Sie gefangen zu nehmen. Versuche privater Anbieter, Festnahmen zu verhindern oder zu vermitteln, waren nicht erfolgreich und führten nicht zu einer Freilassung."

Totale auf Sessellift und Piste am Masik Pass (Foto: www.skinorthkorea.com)

Das Skigebiet wurde nach internationalen Standards gebaut, hat neun Abfahrten sowie verschiedene Liftanlagen

Ausländische Bürger als Faustpfand

Wenige Monate später - am 22. Januar - wurde bekannt, dass wieder ein Amerikaner in Pjöngjang festgenommen wurde: Es heißt, dem mit einem Touristenvisum eingereisten Studenten aus Virginia würden "staatsfeindliche Handlungen" vorgeworfen. Wiederholt wurden in den vergangenen Jahren Ausländer inhaftiert und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, dann aber nach Gegenleistungen ausländischer Regierungen oder nach Vermittlungen ranghoher Politiker wieder freigelassen. So reiste beispielsweise Ex-US-Präsident Bill Clinton im Jahr 2009 nach Nordkorea, um zwei inhaftierte US-Journalistinnen freizubekommen.

Trotz solcher Meldungen zieht es jedes Jahr westliche Touristen nach Nordkorea. Mehrere tausend sollen es sein, offizielle Zahlen findet man nicht. Natürlich verfolgen Reiseanbieter die Meldungen aus Nordkorea genau. Von der Festnahme des US-Studenten hat auch Rubio Chan gehört. "Aber die Umstände sind in diesem Fall nach wie vor sehr unklar, deshalb kann ich dazu nicht mehr sagen. Wenn Ausländer festgenommen werden, handelt es sich meist um Fälle von Tabu-Brüchen, zum Beispiel das Zerreißen von Visa-Papieren vor den Augen eines nordkoreanischen Offiziellen."

Surfen und Ski fahren in einem abgeschotteten Land

Skifahrer auf der Piste im nordkoreanischen Skigebiet am Masik-Pass (Foto: www.skinorthkorea.com)

Das Luxus-Skigebiet steht im krassen Gegensatz zu den Meldungen von Armut, Hunger oder Menschenrechtsverletzungen in Nordkorea

Markos Kern jagen solche Meldungen keine Angst ein. "Ich persönlich habe keine Sicherheitsbedenken. Man muss einfach die Regeln kennen und sich daran halten." Für den Deutschen war die Nordkorea-Reise im Sommer 2015 ein so prägendes Erlebnis, dass er seitdem schon zwei weitere Male in Nordkorea war. Mittlerweile nicht mehr als normaler Tourist - sondern als Partner von Uri Tours. Seine Unternehmensberatung versucht jetzt gemeinsam mit dem US-Unternehmen, zwei neue Tourismuszweige aufzubauen und bekannt zu machen: Es geht um Surfen an der Ostküste und um Ski fahren im einzigen nordkoreanischen Luxus-Ski-Ressort am Masik Pass.

Mehrere Reisen ans Meer und in den Schnee sind in diesem Jahr im Programm von Uri Tours. Und bei diesen Touren - so erzählt Markos Kern - würden sich genau die Möglichkeiten bieten, mit der Bevölkerung in Kontakt zu kommen, die er sich gewünscht habe. Denn nicht nur ausländische Touristen können teilnehmen, sondern auch Einheimische - und die Menschen seien begeistert gewesen. "Beim Surfen ist man ja immer mehrere Stunden zusammen im Wasser, und selbst wenn es eine Sprachbarriere gibt, entsteht trotzdem eine gewisse Art von zwischenmenschlichem Kontakt." Auch die ständige Begleitung von nordkoreanischer Seite sei da quasi weggefallen. Genau wie auch Ski fahren am Masik Pass. "Das ist ein sehr großes Ski-Resort, und es wird auch komplett von den Locals genutzt. Wenn man auf so einer Piste ist, werden die Regularien spürbar lockerer."

Eine Sache des Gewissens

Warum Nordkorea? Was bringt der Tourismus - dem Land, den Touristen, dem Reiseanbieter? Und ist es ethisch vertretbar, Touren in das abgeschottete Reich Kim Jong Uns anzubieten?

Andrea Lee und Rubio Chan kommen zu einer eindeutigen Antwort. " Wir glauben fest daran, dass der Tourismus mehr gegenseitiges Verständnis und Frieden zwischen Nordkorea und der internationalen Gemeinschaft aufbauen kann", sagt Lee. Und Chan glaubt, dass es nur durch den direkten Kontakt mit Bürgern gelingen kann, gegenseitige Ängste oder Vorurteile abzubauen. Isolation bringe Nordkorea auf Dauer nicht weiter, sagt er. Es gehe um Austausch. "Auch deshalb organisieren wir Reisen nach Nordkorea."

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