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Ostmitteleuropa

Zum Haareschneiden nach Polen

- Deutsche Kundschaft nimmt polnische Dienstleistungen sehr gern in Anspruch

Warschau, 10.06. 2002 Businessman Magazine, poln., Witold Bachorz

Der primitive Markthandel stellt in Pomorze (Pommern - MD) nur noch eine seltene und folkloristische Erscheinung dar. Vorherrschend sind nicht mehr die polnisch-deutschen Wirtschaftsbeziehungen zwischen kleinen und mittleren Firmen, sondern eine spezielle Formen der Dienstleistung.

Der Besuch bei einem Zahnarzt oder Arzt kostet heute 20 Euro oder mehr. Der Preis schreckt jedoch die Patienten jenseits der deutschen Grenze nicht ab. Die Qualität der Dienstleistung, der medizinischen Geräte und Medikamente ist heute durchaus vergleichbar. Das Personal spricht Deutsch und die Praxen genießen seit Jahren einen guten Ruf.

In der Stadt Szczecin (Stettin - MD), die etwa zehn Kilometer von der Grenze entfernt liegt und von Berlin in zwei Stunden Autofahrt erreichbar ist, nehmen die deutschen Kunden die Leistung polnischer Spezialisten gern in Anspruch. Sie entscheiden sich für die Firmen, in denen Deutsch gesprochen wird und bei denen feste Preise verlangt werden, die immer noch niedriger sind als in Deutschland. (...)

Als die Einwohner der benachbarten deutschen Ortschaften erfuhren, dass sie für umgerechnet zehn Mark medizinische Versorgung in Anspruch nehmen können, die in der Regel fachlich besser ist als in ihrem Wohnort, machte die Nachricht von den Stettiner Ärzten jenseits der Oder schnell die Runde. Heute kostet der Besuch bei einem Zahnarzt oder Arzt zwanzig Euro. Dies schreckt aber die deutschen Patienten nicht ab. (...)

"Ein Zertifikat? Wir brauchen keines. Mehrere Jahre Marktpräsenz sind das beste Zertifikat", sagt Dr. Graf und fügt hinzu: Natürlich entsprechen die medizinischen Geräte und Präparate, die wir benutzen, der Norm ISO 2001. Wir benutzen die Instrumente renommierter Firmen, weil dies sowohl auf dem deutschen als auch auf dem polnischen Markt verlangt wird. Wir sorgen auch für einen gewissen Dienstleistungskomfort. Den Patienten steht beispielsweise ein bewachter Parkplatz zur Verfügung, damit der Besuch beim Arzt nicht zu Stress wird, weil das Auto eventuell gestohlen werden könnte.

Eine zusätzliche Motivation für die Deutschen ist das deutsche Krankenversicherungssystem (...). Ein gut verdiender und sparsamer Deutscher entscheidet sich eher für die billigeren Dienste der polnischen Ärzte und rechnet diese Kosten mit der privaten Krankenversicherung nicht einmal ab. Die Mitglieder der Krankenkassen müssen sich aber anders helfen, da die Krankenkassen Rückerstattungen nicht anbieten, in Einzelfällen aber die Behandlungskosten im Ausland erstatten. (...) In Szczecin und Umgebung gibt es aber viele Zahnarztpraxen, zu deren Kundenstamm Bewohner von Mecklenburg-Vorpommern und sogar von Berlin gehören. Dabei bemerkt Dr. Piotr Niewiadomski, Leiter einer der größten privaten Praxen in Szczecin, dass es sich dabei vor allem um Polen handelt, die vor zehn oder zwanzig Jahren nach Deutschland ausgereist sind und die Vorteile des dortigen Sozialversicherungssystems nutzten können. "Entscheidend hierbei ist natürlich der Preis, aber auch die Tatsache, dass z.B. die Familie in Szczecin wohnt, oder dass man bei der Gelegenheit einkaufen kann", sagt Dr. Niewiadomski.

Seit Juni 2001 gibt es auf der rechten Seite des Flusses in Szczecin die erste und bisher einzige private Tierklinik in Pomorze Zachodnie (Westpommern). Der Inhaber und Chefarzt, Andrzej Pepiak, sammelte seine Berufserfahrungen in den USA und in Deutschland. Seine Kontakte verschafften ihm einen guten Ruf auch außerhalb Polens (...). In dieser Klinik sind fünf Ärzte, drei medizinisch-technische Assistenten und eine Krankenschwester beschäftigt (...) "Innerhalb einer Woche operieren wir drei oder vier Tiere aus Deutschland oder Skandinavien", sagt Andrzej Pepiak. Seine Diagnosen werden auch in Deutschland geschätzt. (...). Die Preise sind durchaus konkurrenzfähig: Die Behandlung mit Osteosynthese z.B., die bei älteren Hunden oft vorgenommen werden muss, kostet bei ihm zwischen 400 und 500 Zloty (ca. 111 und 139 Euro) - in Berlin zwischen 800 und 1 200 DM.

Auf die neuen wirtschaftlichen Gegebenheiten in den polnisch-deutschen Grenzregionen reagierten schnell und flexibel auch die ... Friseure. In der Ortschaft Krajnik Dolny entlang der Straße nach Szczecin, die von der deutschen Stadt Schwedt in Brandenburg durch eine Brücke getrennt ist, wurde ein richtiges "Friseur -Center" gegründet. Die untereinander konkurrierenden polnischen Meister der Schere bieten Harreschneiden schon für zehn Zloty (etwa 2,7 Euro) an. In Schwedt müssen dafür zehn Euro bezahlt werden. Die deutschen Friseure können diesem Wettbewerb nicht stand halten und senken entweder die Preise oder schließen ihr Geschäft. Das war der Grund für so manchen "Branchen"-Konflikt, aber die unsichtbare Hand der Marktwirtschaft streichelte diesmal die Polen. (Sta)

  • Datum 11.06.2002
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2PJN
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