1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik & Gesellschaft

"Zum Fremdschämen"

In einem TV-Interview hat Bundespräsident Christian Wulff am Mittwoch zu den Vorwürfen gegen ihn Stellung bezogen. Einen Rücktritt lehnte er ab. Bei vielen Kommentatoren deutscher Medien kam der Auftritt nicht gut an.

Themenbild Presseschau

WESTDEUTSCHE ALLGEMEINE ZEITUNG

"Durch seine Fehler hat Christian Wulff seine Möglichkeiten und die seines Amtes schwer beschnitten. Er ist, aus eigenem Verschulden, nicht einmal ein halber Spitzenstaatsbeamter. Das hat sich auch durch seinen TV-Auftritt nicht geändert. Die Kanzlerin hat nach dem gescheiterten Seiteneinsteiger Köhler einen Politprofi gesucht, einen, auf den Verlass sein würde in punkto Seriosität und Stilempfinden. Gerade von Wulff glaubte sie, Unfallfreiheit erwarten zu können. Ein Irrtum. Ein Präsident, der um Verständnis bittet und um Entschuldigung. Ein Präsident, der seine Familie nach vorne schiebt. Und auch einer, der die seltsamsten Spekulationen um seine Frau noch selbst befeuert, indem er diese als 'Fantasie' bezeichnet. Einer, der sich am Ende selbst freisprechen muss, weil es kein anderer tut. Zum Fremdschämen."

DIE TAGESZEITUNG

"Wenn man mit heruntergelassener Hose erwischt wird, dann stellt sich nicht mehr die Frage, ob man diese Situation anmutig erklären kann. Manche Sachverhalte lassen sich nicht überzeugend rechtfertigen. Und der Versuch, eine nicht beherrschbare Situation kontrollieren zu wollen, verbessert die Lage nicht. Welcher Teufel hat den Bundespräsidenten geritten, seine Sicht der Dinge ausgerechnet jetzt nur sorgsam ausgewählten Fragestellern zu erläutern? Das verstärkt doch nur den Eindruck, dass er der Pressefreiheit - ohne Ansehen von Person und Medium - keinen hohen Stellenwert einräumt. Inhaltlich hat Christian Wulff nichts Neues gesagt, stattdessen um Mitgefühl geworben. 'Das ganze Dorf', in dem er wohne, sei durch die Recherchen 'aufgeschreckt' worden. 'Ohne Vorbereitungszeit' habe er sein Amt angetreten. Er habe sich 'vor seine Familie' stellen müssen. All das ist Kitsch."

SPIEGEL-ONLINE

"Ehrlichkeit, darum geht es Christian Wulff in dieser Affäre. Also gut, sind wir ehrlich: Christian Wulff ist ein mittelmäßiger Politiker, der ein paar ziemlich mittelmäßige Probleme hat, die zum Teil auf mittelmäßigem Niveau breitgetreten werden und die er nun auf ziemlich mittelmäßige Art im Fernsehen aus der Welt zu räumen versucht. Willkommen in Deutschland im Jahr 2012. Wulffs Auftritt zur besten Sendezeit bei ARD und ZDF hat etwas erschreckend Banales. Zu besichtigen ist keine präsidiale Lichtgestalt, sondern ein Präsident, der förmlich um Gnade bettelt. Statt wirklich aufzuklären, simuliert er Transparenz, Offenheit, Ehrlichkeit - 25 Minuten lang. Das ist nicht einmal Staatsschauspiel, das ist Osnabrücker Puppentheater."

NEUE RUHR ZEITUNG / NEUE RHEIN ZEITUNG

"Wieder eine Erklärung, wieder eine Entschuldigung, wieder so ein Wulff-Erlebnis. Schal, halbherzig, wenig staatsmännisch. Und wieder so eine typische Wulff-Stillosigkeit. Warum stellt sich der Bundespräsident nicht der Bundespressekonferenz, sondern gewährt dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen eine exklusive Audienz? Nein, diese persönliche Erklärung im TV-Interview war kein Befreiungsschlag, sondern die Verlängerung einer Qual."

WETZLARER NEUE ZEITUNG

"Das soll es nun gewesen sein. Ein Interview zur allerbesten Sendezeit auf den beiden Hauptkanälen des deutschen Fernsehens. Und abermals eine Entschuldigung. Am Freitag dann empfängt der Präsident die Sternsinger im Schloss Bellevue - als wäre nichts gewesen. Aber war da nicht was? Das ist die Frage, die Christian Wulff von nun an in seinem Amt begleitet. Ganz gleich, was er sagt. Ob zur Solidarität in der Gesellschaft, ob zur Notwendigkeit des Sparens, ob zu den Grundrechten, ob zur Integrität von Politikern, ob zur Aufrichtigkeit im Allgemeinen. Stets wird die die Frage kommen: War da nicht was?"

DIE WELT

"'Durch Weisheit wird ein Haus gebaut und durch Verstand erhalten', heißt es in der Bibel. Den nötigen Durchhaltewillen besitzt Wulff. Das hat er in seinem Fernsehauftritt bewiesen. Es war kein durchweg souveräner Auftritt. Wulff hat noch einmal eine Entschuldigung ausgesprochen, diesmal für den Umgang mit der Presse. Eine weitere Runde von Entschuldigungen möge dem Land erspart bleiben. Stattdessen möge der Bundespräsident zeigen, welche Qualitäten noch in ihm stecken. Die Weisheit, den richtigen Maßstab für Besonnenheit unter schwerem Druck zu finden, sei Christian Wulff zu wünschen. Er hat nur noch eine einzige Chance."

Redaktion: Arnd Riekmann