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Bücher

Zum 100. Geburtstag des Theologen Helmut Gollwitzer

In der Bundesrepublik der 70er und 80er Jahre galt Helmut Gollwitzer als das gute Gewissen der Republik: strikt gegen Gewalt, aber stets zum Widerspruch bereit, wenn es nötig war. Zwei Bücher erinnern an den Theologen.

Porträtfoto Helmut Gollwitzer

29. Dezember 1908 - 17. Oktober 1993

Von der Judenvernichtung hatte Helmut Gollwitzer früher als andere gehört. In einem Urlauberzug berichtete ein Mitreisender 1942 von Judenerschießungen. Seitdem ahnte der Theologe etwas von dem Grauen. Trotzdem hielt er manche, die deportiert werden sollten, vom Selbstmord ab. Es quälte ihn ein Leben lang. 1980 fragte Gollwitzer, wo Gott in Auschwitz gewesen sei und er kam zu paradoxen Antworten: "Gott war in Auschwitz der Leidende" sagte Gollwitzer und er erklärte: "Jesus ist ein Jude. In Jesus wird Gott geschlagen. Leidet Gott, stirbt Gott; verlassen von Gott – das ist die tiefste Paradoxie."

Im Visier der Gestapo

Helmut Gollwitzer kam im Dezember 1908 in einer fränkischen Kleinstadt zur Welt. Er studierte Ende der Weimarer Republik in München und Erlangen Theologie und wurde nach der Verhaftung Martin Niemöllers 1937 faktisch dessen Nachfolger, geriet wegen seiner Predigten selbst ins Visier der Gestapo.

Gollwitzer als Lehrender am Katheder

Im August 1940 lernte Gollwitzer die junge Schauspielerin Eva Bildt in Berlin kennen und lieben, dann verschlug ihn der Krieg nach Frankreich und später, als Sanitäter, an die Ostfront. Unverblümt konnten die beiden Liebenden in dieser Zeit nicht miteinander korrespondieren, auch wenn sie vom Kriegsalltag im Osten oder dem Bombenkrieg in Berlin berichteten. Die Zensur ist in den nun vorliegenden "Briefen aus dem Krieg" mitzudenken. Doch es findet sich darin etwas von den Zweifeln in verzweifelter Zeit.

Er wollte verstehen

Gollwitzer blieb immer ein Mann der Kirche, ein positiv denkender Zweifler. Eine Konsequenz für Gollwitzer war es, später für den christlich-jüdischen Dialog einzutreten. Eine weitere Folgerung stellte ihn fortan auf die Seite jener, die widersprachen. So wurde der Theologe in der Bundesrepublik zu einer moralischen Instanz. Er trat für den Frieden ein, er sympathisierte mit der 68er Bewegung, er hielt die Trauerrede auf den erschossenen Studenten Benno Ohnesorg. Er leistete es sich, die militanten Frauen aus der "Rote Armee Fraktion", Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, in der Haft zu besuchen. Gollwitzer wollte verstehen, nicht missionieren. Eine schwierige und mutige Position, zwischen allen Fronten. Er sprach die Trauerrede für Ulrike Meinhof, er hielt drei Jahre später, im Dezember 1979, auch die Grabrede für den Studentenführer Rudi Dutschke. Als 74-Jähriger machte Gollwitzer bei der Sitzblockade in Mutlangen mit und trat damit gegen die Raketenstationierung der US-Amerikaner auf. Und immer gab ihm sein tiefer Glaube den Halt und die Zuversicht, "weil es mir hilft, nicht mit den Wölfen zu heulen", wie er sagte.

Gegen Gewalt

Gollwitzer bei einer Sitzblockade

Ein schmales Bändchen im Wichern-Verlag liefert ein Porträt aus theologischer Sicht. Der Verfasser, der Theologe Ralph Ludwig, bezeichnet Gollwitzer darin als "rätselhaften und zugleich fast einfältig frommen Mann". Karola Bloch, die Witwe des Philosophen Ernst Bloch und befreundet mit Gollwitzer, blieb skeptisch gegenüber seinem Gottvertrauen. Sie bekannte sich 1988 in einer Debatte im Fernsehen zur Gewalt in bestimmten historischen Situationen. Gollwitzer blieb auch da der Gottesgläubige, der die Gewalt entschieden ablehnt. Acht Jahre zuvor hatte Gollwitzer bekannt: "Es ist gut, wenn ich leben kann, ohne Gott abzusagen. Wenn ich mit Gott, auf Gott vertrauend, hoffend, leben kann. Es ist schlicht deshalb gut, weil es mir hilft, nicht zu kapitulieren, nicht aufzugeben. Auch gegenüber dem Tod nicht zu kapitulieren."

Ralph Ludwig: Der Querdenker. Wie Helmut Gollwitzer Christen für den Frieden gewann. Wichern Verlag, Berlin 2008. 120 Seiten, 9.95 Euro.

Helmut Gollwitzer / Eva Bildt: "Ich will Dir schnell sagen, daß ich lebe, Liebster". Briefe aus dem Krieg 1940-1945. Herausgegeben von Friedrich Künzel und Ruth Pabst. C. H. Beck, München 2008. (Beck’sche Reihe, Band 1877) 336 Seiten, 14.95 Euro.