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Deutschland

Zukunftsprojekt oder Milliardengrab?

Stuttgart bekommt einen neuen Hauptbahnhof, die Stuttgarter wollen den alten behalten. 30.000 Menschen demonstrierten am Freitag gegen das Bahnprojekt "Stuttgart 21". Doch warum ist das Großprojekt derart unbeliebt?

Gegner des Bahnprojekts (Foto: dpa)

Sie wollen den alten Bahnhof behalten

Stuttgart, Hauptbahnhof - von allen Seiten strömen Menschen in den denkmalgeschützten Bau. 300.000 Personen steigen hier täglich ein oder aus und machen den Bahnhof mit seinen 16 Gleisen zu einem der größten in Deutschland.

Mitten in der Stadt schlängeln sich Züge über ein kompliziertes Gleissystem durch das enge Tal der Schwabenmetropole. Am Kopfbahnhof, der aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts stammt, ist zunächst einmal Fahrtende wie in einer Sackgasse. Beim Ein- und Ausfahren der Züge verliert der Reisende wertvolle Zeit. Doch aus der Sackgasse soll nun ein neuer unterirdischer Durchgangsbahnhof werden, mit Anbindung an den Flughafen und das internationale Hochgeschwindigkeits-Netz.

Gegner des Bahnprojekts (Foto: dpa)

Mehr als 30.000 Stuttgarter gingen am Freitag auf die Straße

Weniger Gleise = mehr Flexibilität?

Für den Bahnsprecher Jürgen Friedmann hat das Megaprojekt, das erst nach jahrelangen Verhandlungen beschlossen wurde, naturgemäß nur Vorteile. "Dieses moderne Konzept des Durchgangsbahnhofs bedeutet, dass ein innerstädtischer Ring in Stuttgart entsteht, wo man flexibel aus allen Richtungen in alle Richtungen fahren kann." In Zukunft, so der Bahnmann, sollen sich die Züge nicht mehr bei der Ein - und Ausfahrt ständig in die Quere kommen. "Künftig werden wir die doppelte Kapazität haben und wir werden zukünftig die Fahrzeit zwischen Stuttgart und Ulm halbieren können. Heute ist man da eine knappe Stunde unterwegs, künftig nur noch 28 Minuten."

Für die nächsten zehn Jahre wird im Herzen Stuttgarts Europas größte Baustelle entstehen. Noch ist die Landeshauptstadt ja vor allem bekannt für ihre Automarken Porsche und Mercedes. Doch Oberbürgermeister Wolfgang Schuster sieht die Zukunft in einem modernen öffentlichen Verkehrsnetz, "weil Europa solche Hochgeschwindigkeits-Trassen braucht. Denn was wäre die Alternative in Mitteleuropa? Wir müssten die Autobahnen ausbauen oder den Flugverkehr verdichten, was aber ökologisch nicht erwünscht ist. Deshalb lohnt sich auch der hohe finanzielle Einsatz.“

Ein neuer Stadtteil entsteht

Der ist in der Tat enorm: Die Europäische Union will das Projekt mit 250 Millionen Euro fördern. Das Land Baden-Württemberg gibt fast eine Milliarde aus. Der Bund ist mit 1,5 Milliarden an dem Projekt beteiligt. Doch das reicht nicht. Damit die Bahn das gigantische Projekt finanzieren kann, hat die Stadt Stuttgart ihr schon vor Jahren alle Grundstücke abgekauft, die nach Tieferlegung der Gleisanlagen an der Oberfläche frei werden. Dann soll im Zentrum Stuttgarts ein ganz neuer Stadtteil entstehen. Städteplaner sprechen von einer Jahrhundert-Chance. Und Stuttgarts Oberbürgermeister Schuster schwärmt von neuen öffentlichen Plätzen, von "Begegnungsmöglichkeiten" und "Raum für Kultur und Gastronomie." "Wir brauchen aber auch eine Vielfalt baulicher Typen und das in einer hohen ästhetischen und architektonischen Qualität. Dann sehe ich eine echte Chance, dass daraus echte Urbanität entsteht", so der Stadtchef.

So soll im neuen Stadtteil oberhalb des alten Bahnhofs zum Beispiel die neue Bibliothek Stuttgarts entstehen. Die ortsansässigen Wirtschaftsverbände begrüßen die Entscheidung für "Stuttgart 21", vor allem aus verkehrspolitischer Sicht. "Baden-Württemberg ist eine sehr exportorientierte Region. Jeder zweite Euro wird im Ausland verdient", sagt Andreas Richter, Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer. "Unsere Wirtschaft ist deshalb auf sehr gute Verkehrsverbindungen angewiesen".

Gegner des Bahnprojekts (Foto: AP)

Viele Bürger halten das Projekt für ein Milliardengrab

"Regionalverkehr wird ausgedünnt"

Für die Gegner des Großprojekts ist der unterirdische Bahnhof ein Milliardengrab. Der Widerstand gegen "Stuttgart 21" ist über viele Jahre gewachsen. Und er ebbt nicht ab – obwohl mit dem Abriss des alten Bahnhofs in dieser Woche bereits begonnen wurde. Gangolf Stocker ist Sprecher der Bürgerinitiative "Leben in Stuttgart", die den unterirdischen Bahnhof für überflüssig hält - die Milliardenausgaben gingen schließlich auf Kosten des Regionalverkehrs. "Die Landesregierung hat bereits angekündigt, dass sie die zwei Milliarden mehr oder weniger von den Regionalisierungsgeldern, mit denen der Regionalverkehr bestellt wird, zu bezahlen gedenkt. Das heißt, das Geld, das eigentlich in den Regionalverkehr fließen sollte, fließt in das Projekt "Stuttgart 21". Damit wird der Regionalverkehr ausgedünnt."

Aber auch den Nutzen für den Fernverkehr halten die Kritiker für zweifelhaft – und sehen sich durch ein Gutachten eines europaweit renommierten Gutachterbüros bestätigt. Demnach wäre der neue Bahnhof mit seinen nur acht Gleisen deutlich weniger leistungsfähig als der heutige Kopfbahnhof mit seinen 16 Gleisen. Die Gutachter befürchten ein Verkehrschaos insbesondere für den Fernverkehr, der ja eigentlich von dem Projekt profitieren soll.

Bausünde oder Öko-Bau?

Außerdem müssen für das Megaprojekt zahlreiche Bausünden begangen werden. Nicht nur die denkmalgeschützte Außenfassade des alten Bahnhofes soll verschwinden, auch wertvolle Baumbestände im historischen Schlossgarten sind bedroht: "Wir stehen hier im mittleren Schlossgarten. Hier werden etwa 220 alte Bäume, große mächtige Platanen, geopfert werden müssen", erläutert Kritiker Stocker. Den Park in seinem jetzigen Zustand werde es dann nicht mehr geben weil das Dach des Bahnhofs bald diesen Teil des Parks durchschneide. "Der Park wird so nicht mehr zu erleben sein. Und dann wird man noch auf die etwas sechs Meter hohen Bullaugen stoßen, die Licht in den unterirdischen Bahnhof bringen sollen."

Bei der Bahn betont man hingegen den ökologisch zukunftsweisenden Charakter des Bahnhofes. "Wir haben es hier nahezu mit einem so genannten Nullenergie-Bahnhof zu tun", sagt Bahnsprecher Jürgen Friedmann. "Das heißt, wir brauchen hier tagsüber keine künstliche Beleuchtung, obwohl die Verkehrsstation zehn Meter unter der Erdoberfläche liegt. Für den Umweltschutz ist das Projekt hier in Stuttgart ein Meilenstein."

Die Gegner werden sich mit diesen Argumenten nicht überzeugen lassen. Sie wollen mit ihren Protesten einen Baustopp und eine Bürgerbefraung erreichen. Der Stuttgarter Kunsthistoriker Matthias Roser rief die Demonstranten am Freitag dazu auf, nicht nachzulassen. "Unumkehrbar ist nur eins: unser Widerstand".

Autor: Daniel Scheschkewitz
Redaktion: Manfred Götzke

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