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Kultur

Zuhause im Dazwischen – das Stadtprojekt Slubfurt

Die Stadt Frankfurt/Oder trennt nur noch eine Brücke vom polnischen Slubice. Theoretisch zumindest. Denn in den Köpfen der Menschen sind keineswegs alle Grenzen gefallen. Anlass für ein bemerkenswertes Kunst-Projekt.

Ausweis eines Slubfurter Bürgers (Quelle: slubfurt.net)

Slubfurter können sich auch ausweisen

Die Verwirrung beginnt vor dem Bahnhof. Man meint, in Frankfurt/Oder ausgestiegen zu sein, wird aber von Michael Kurzwelly sogleich eines Besseren belehrt. "Sie sind in Slubfurt ausgestiegen", sagt er. Auf dem Hauptbahnhof, gelegen im Stadtteil Furt. Hier begrüßt der Künstler die Touristen, die er durch die Stadt führt. Das dauere im Schnitt vier bis fünf Stunden. Ganz treuherzig guckt Kurzwelly, als er das sagt, und stapft dann los, rein in eine Stadt, die noch auf keiner Landkarte verzeichnet ist.

Landkarte von Slubfurt (Quelle: slubfurt.net)

Konstruierte Wirklichkeit

1999 hat der gebürtige Darmstädter, der lange in Frankreich und noch länger in Polen gelebt hat, dieses Kunstgebilde gegründet. Hervorgegangen ist Slubfurt aus dem polnischen Slubice und dem deutschen Frankfurt an der Oder. Hier sollen zwei Kulturen, zwei Realitäten und Menschen mit zwei Sprachen zusammenwachsen, das ist Kurzwellys Vision. Um sie den Slubfurtern näher zu bringen, überrascht er sie seit nun schon neun Jahren mit immer neuen humorgetränkten Projekten.

Von der Freiheit der Künste

Gründer von Slubfurt: Michael Kurzwelly (Quelle: DPA)

Gründer von "Slubfurt": Michael Kurzwelly

Die Idee ist so simpel wie genial: Kurzwelly hat ganz einfach die Wirklichkeit neu konstruiert und füllt sie nun kontinuierlich mit Leben. So verfügt Slubfurt mittlerweile über einen Oberbürgermeister, der abwechselnd aus den Stadtteilen Slub und Furt stammt und sein Rathaus auf der Mitte der Oderbrücke im ehemaligen Zollabfertigungsgebäude hat, eine Slubfurt-Touristinformation wurde eingerichtet und natürlich auch ein zweisprachiger, brückenüberschreitender Wirtschaftsverband. Im Slubfurt Kino läuft der beliebte "Tatort Slubfurt", die Nachfrage nach Slubfurter Personalausweisen steigt. Der Slubfurter Dialekt, ein natürliches Gemisch deutscher und polnischer Begriffe, entwickelt sich erfreulich, und demnächst sollen sogar die ersten Slubfurter Kommunalwahlen stattfinden - nach erfolgter Gründung paritätisch besetzter Parteien. Kurzwelly grinst, aber nur ganz kurz.

Grenzen überwinden

Acht Jahre lang hat der Künstler Michael Kurzwelly in Poznan gelebt. In dieser Zeit hat er nicht nur die Landessprache gelernt, sondern sich auch in die polnische Kultur eingelebt und verstanden, wie die Menschen miteinander kommunizieren. "Jede Kultur hat ja so ihre Codes", sagt er. Und die muss man erst mal knacken. Eben das schien im Dialog der Grenzstädte Frankfurt/Oder und Slubice, in die es Kurzwelly dann verschlagen hat, so gar nicht zu funktionieren. So entstand die Idee Slubfurt.

Slubfurter Percussion-Umzug auf der deutsch-polnischen Grenzbrücke (Quelle: slubfurt.net)

Slubfurter Percussion-Umzug auf der deutsch-polnischen Grenzbrücke

Vorurteile den anderen gegenüber gibt es auf beiden Seiten der Oder, sagt Kurzwelly. Deshalb sei auch längst nicht jeder vor Ort von der Idee Slubfurt begeistert. Angst vor Vereinnahmung hätten manche, vor allem die Älteren klammern sich an ihre nationale Identität und grenzen sich ab. Aber wenn dann am Slubfurter Wandertag deutsch-polnische Teams ihr Können im Rückwärtsgehen unter Beweis stellen, dann ist das Zusammengehörigkeitsgefühl in den Mannschaften sofort da. Und manchmal entdeckt der eine oder andere Zuschauer dabei auch neue Wege in die Zukunft.

Eins und eins macht Slubfurt

Deshalb, sagt Kurzwelly, sei Slubfurt auch nicht nur eine spinnerte Phantasie, sondern etwas, was im Bereich des Machbaren liege. Schließlich gibt es hier tatsächlich einen gemeinsamen Stadtraum – mit zwei Zentren, die direkt mit einer Brücke verbunden sind. Und warum sollen die nicht auch zusammen funktionieren? Als transkultureller Stadtraum, in dem Deutsche und Polen und wer auch immer sonst noch möchte zusammen leben, voneinander lernen und eine gemeinsame Sprache sprechen. Welche? Slubfurtisch wahrscheinlich!

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