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Zugvögel kennen keine Grenzen

Irene Quaile10. Mai 2013

Störche, Wildgänse oder Schwalben - viele Vogelarten pendeln jährlich über tausende, oft gefährliche, Kilometer zwischen ihren Brut- und Winterquartieren. Der Weltzugvogeltag soll helfen, sie zu schützen.

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Trauerschnäpper-Weibchen mit Schmetterling im Schnabel auf einem Ast. (Copyright: picture alliance/Wildlife)
Ein Trauerschnäpper-Weibchen mit Schmetterling im SchnabelBild: picture alliance/Wildlife

Der Frühling ist gekommen. Die Schwalben sind wieder da. Seit Jahrhunderten gelten sie als zuverlässige Frühlingsboten. Nach einem langen Winter im wärmeren Afrika sind die blau-schwarzweiß gefiederten Vögel tausende Kilometer nach Europa zurückgeflogen, um hier zu brüten. Und um ihre Jungvögel dann auch zu ernähren, brauchen sie Insekten und saftige Raupen. "Zugvögel sind so programmiert, ihre Brütstätten genau dann zu erreichen, wenn ihre Beute zur Verfügung steht. Wenn die Bäume ausschlagen, gibt es zum Beispiel viele Raupen, mit denen die Vögel ihre Küken im Nest ernähren", erklärt Fernando Spina im Gespräch mit der DW. Der wissenschaftliche Leiter des Italienischen Instituts für den Schutz und die Erforschung wilder Tiere ISTRA, in Bologna, ist gleichzeitig Vorsitzender des Wissenschaftlichen Rats der UN-Konvention zur Erhaltung der wandernden wildlebenden Tiere, CMS, mit Sitz in Bonn, Deutschland.

Eine Rauchschwalbe auf einem Ast. (Copyright: ROMEO GACAD/AFP/Getty Images)
Die Rauchsschwalbe versucht, sich an die neuen Klimabedingungen anzupassenBild: ROMEO GACAD/AFP/Getty Images

Klimawandel macht Zugvögeln zu schaffen

"Durch die globale Klimaerwärmung fängt der Frühling in vielen Teilen Europas allerdings immer früher an", erklärt Spina. "Wissenschaftler haben gezeigt, dass Vögel, wie der Trauerschnäpper, der den Winter südlich der Sahara verbringt, inzwischen oft zu spät zurückkommen, um die Raupen zu erwischen. Das führt zu großen Problemen für die Aufzucht der Küken."

Rauchschwalben beispielsweise versuchen, sich dem Klimatrend anzupassen, indem sie immer früher in Europa ankommen. Dafür reduzieren sie die Entfernung, die sie fliegen, so der Vogelkundler.

"Das heißt, dass die Rauchschwalben in Afrika im Winter immer weiter nördlich überwintern. Das ist problematisch, weil sie dann in trockenen Gegenden landen, mit weniger Luftfeuchtigkeit. Dort gibt es weniger Insekten, von denen sie sich ernähren können", erklärt Spin.

Die Ausbreitung der Wüsten bereite Zugvögeln zudem Probleme. Die Sahara stelle beispielsweise eine wachsende Barriere für sie dar.

Sanderling (Zugvogel) mit dem Ornithologen Jeroen Reneerkens (project leader International Wader Study Group Sanderling project) auf Grönland; Copyright: Jeroen Reneerkens
Sogenannte Ornithologen, also Vogelkundler, beobachten Zugvögel. Die Sanderlinge pendeln zwischen Afrika und Grönland.Bild: Jeroen Reneerkens

Und auch die menschliche Entwicklung macht den fliegenden Wanderern das Leben schwer. Der Klimawandel ist eine der Hauptbedrohungen für Zugvögel. Eine andere ist der Verlust von Lebensflächen durch die intensive Landwirtschaft. Lebensnotwendige Feuchtgebiete werden ausgetrocknet und bepflanzt oder besiedelt. In manchen Ländern werden Vögel gejagt.

Naturschutz ist ein kompliziertes Geschäft. So gefährden Windturbinen, die die Klimaerwärmung und die Umweltverschmutzung durch Kohlekraftwerke vermeiden sollen, vielerorts Zugvögel, erklärt Bert Lenten, stellvertretender Direktor der "Bonner Konvention", wie CMS auch genannt wird.

Artenschutz braucht internationale Zusammenarbeit

"Zugvögel bewegen sich zwischen ihren Winterquartieren und ihren Brutstätten über Tausende von Kilometern", erklärt Lenten im Interview mit der DW. "Es ist deshalb nicht möglich, eine Spezies zu schützen, ohne in vielen Ländern aktiv zu sein. Deshalb bemühen wir uns mit dem CMS-Übereinkommen um internationale Zusammenarbeit." 119 Länder sind der Konvention bis jetzt beigetreten. Leider gibt es keinen zentralen Mechanismus, um vereinbarte Schutzmaßnahmen zu kontrollieren. "Aber indem wir die Länder und die Nichtregierungsorganisationen zusammen bringen, können wir sehr viel erreichen", so der niederländische Experte.

Die Bonner Organisation ist nicht nur für Zugvögel, sondern für alle wandernden wilden Tierarten auf Land, im Meer und in der Luft zuständig. Naturschutz kennt keine staatlichen Grenzen. Während Elefanten oder Gorillas nur eine oder zwei nationale Grenzen überschreiten, fliegen die Vögel über mehrere Kontinente.

Aktionstage gewinnen junge Menschen für den Naturschutz

Seit 2006 gibt es jedes Jahr den "Weltzugvogeltag". Lenten gehört zu den Gründungsvätern der Aktion:

Menschen fotografieren und beobachten die Zugvögel. (Copyright: Jerome Spaggiari)
Am Weltzugvogeltag beobachten interessierte Bürger rund um die Welt die gefiederten ReisendenBild: Jerome Spaggiari

"Als die Vogelgrippe 2005 Europa zum ersten Mal erreichte, haben die Vögel einen Imageverlust erlitten. Viele sahen sie als Todesboten. Wir wollten den Menschen in Erinnerung rufen, dass Vögel eigentlich etwas sehr Positives sind."

Noch ein Aktionstag. Lohnt sich das? Lenten schmunzelt und erzählt von einem Besuch im afrikanischen Botswana vor einem Jahr. "Sie haben ganz viele Veranstaltungen mit Schulen und begeisterten jungen Menschen organisiert. Wenn man bei der Jugend eine positive Einstellung zu Vögeln erwecken kann, wird es in Zukunft leichter sein, gefährdete Arten zu schützen."

Für die Artenvielfalt und den Erhalt der unterschiedlichen Ökosysteme spielen Zugvögel eine wesentliche Rolle, sagt Fernando Spina: "Und das heißt, auch für uns Menschen. Die Zugvögel sind für die Bestäubung vieler Pflanzen notwendig. Sie regulieren die Schädlingsbestände. Sie sind aber auch von großer kultureller Bedeutung. Wer kann sich den Frühling ohne Vogelgesang vorstellen?"

Diese Verbindung inspirierte Spina zu einer Veranstaltung der besonderen Art im Rahmen des diesjährigen Weltzugvogelwochenendes. Neben den zahlreichen Vogelexkursionen, die rund um den Globus stattfinden, wird der Musikliebhaber mit seinem Chor aus Bologna in der "Hauptstadt des Zugvogelschutzes" Bonn in den Frühlingsgesang mit einstimmen.

Der Kronenkranich ist in Afrika beheimatet. Er gilt als bedrohte Art auf der Roten Liste der Weltnaturschutzunion IUCN. (Copyright: John Birch, www.johnbirchphotography.com)
Der Kronenkranich ist vor allem durch den Handel für Zoos und Sammlern bedrohtBild: John Birch

Der San Rocco-Opernchor gibt ein Benefizkonzert zugunsten des Kronenkranichs, der in Afrika beheimatet ist. Der bunte Vogel ist auf der Roten Liste der bedrohten Arten. "Wenn wir sie nicht schützen, laufen wir Gefahr, eine der größten Schönheiten Afrikas und der Welt zu verlieren", sagt Spina. Italienischer Gesang in Deutschland zum Schutz eines afrikanischen Vogels - Naturschutz ist eben eine Angelegenheit, die keine Grenzen kennt.