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China

Zuflucht Shanghai

Als Ende der 1930er Jahre immer mehr Juden aus Deutschland und Österreich verzweifelt versuchten, dem Nazi-Terror zu entkommen, gab es kaum noch Orte, wo sie hingehen konnten. Shanghai aber war eine Option geblieben.

Die europäischen Nachbarstaaten hatten de facto Aufnahmestopps verhängt, die USA hatten ihre Einreisequote auf 25.000 Personen pro Jahr begrenzt. Auch andere Auswanderernationen wie Australien und Neuseeland nahmen kaum noch Flüchtlinge auf. Für Juden aus dem nationalsozialistischen Deutschen Reich, das damals auch Österreich umfasste, war es fast unmöglich geworden, zu emigrieren.

Eine kleine Gasse in der Shanghaier Altstadt (Foto: DW/Mathias Bölinger)

In den kleinen Gässchen Hongkous spielt sich das Leben auch heute noch draußen ab

Eine der letzten Zufluchtsstätten war Shanghai, das traditionell eine offene Stadt war. Seit den Opiumkriegen im 19. Jahrhundert unterstanden Teile der Stadt ausländischen Kolonialmächten. Es gab eine französische Konzession und ein internationales Gebiet ("international Settlement"), das aus den britischen und amerikanischen Pachtgebieten hervorgegangen war und von örtlichen Geschäftsleuten verwaltet wurde. Jeder konnte hier einreisen und sich niederlassen. Die Stadt lebte vom Handel. Nach Shanghai kamen auch politisch Andersdenkende aus China. Hier war 1921 die Kommunistische Partei Chinas gegründet worden. Nach der Oktoberrevolution hatten sich zarentreue Russen in der Stadt angesiedelt. Daneben zog Shanghai auch Abenteurer und Kriminelle aus aller Welt an. Organisierte Kriminalität, Opiumhandel und Prostitution florierten. Überliefert ist der Satz eines amerikanischen Missionars: "Wenn Gott Shanghai duldet, dann schuldet er Sodom und Gomorrha eine Entschuldigung." Diese einzigartige Metropole war Ende der dreißiger Jahre der letzte Ort der Welt, den die jüdischen Flüchtlinge noch ohne Visum erreichen konnten.

Der Ghettoausweis von Sonja Mühlbergers Mutter (Foto: Privatarchiv Sonja Mühlberger)

Ghettopass, ausgestellt wenige Monate vor Kriegsende

Eine Hürde gab es allerdings: Um die Ausreisegenehmigung zu bekommen, mussten sie den deutschen Behörden unter anderem eine Bestätigung vorlegen, dass sie am Zielort einreisen dürfen. Einige chinesische Konsulate stellten daraufhin solche Bescheinigungen aus. Besonders der chinesische Konsul in Wien, Ho Feng Shang, tat sich dadurch hervor, dass er massenweise solche "Visa" unterschrieb. Er rettete so Tausenden Juden das Leben, Insgesamt konnten sich bis zum Kriegsausbruch 1939 zwischen 15.000 und 20.000 deutsche und österreichische Juden nach Shanghai flüchten.

Hauseingang mit Kochstelle in Hongkou(Foto: DW/Mathias Bölinger)

Auch heute noch haben viele alte Wohnungen keine eigene Küche

Die jüdischen Flüchtlinge, die zum größten Teil mittellos einreisten, kamen im Nordwesten des internationalen Gebiets unter. Der Stadtteil Hongkou war eins der ärmsten Viertel der Stadt. Die Japaner, die seit 1941 die internationalen Gebiete übernommen hatten, verfügten 1943, dass die jüdischen Flüchtlinge nur noch in einem bestimmten Teil Hongkous leben durften. Diese "Designated Area for Stateless Refugees" wird häufig als "Ghetto" von Shanghai bezeichnet. Allerdings betraf die Anordnung nicht alle Juden der Stadt: lediglich die "staatenlosen", also die aus Europa geflüchteten Juden, mussten hier hinziehen. In Hongkou lebten die jüdischen Flüchtlinge, anders als in den europäischen Ghettos, Seite an Seite mit anderen Nationalitäten. Um das Ghetto zu verlassen brauchten sie aber eine Genehmigung. Erst nach dem Krieg durften sie sich wieder frei in der Stadt bewegen.

Die meisten jüdischen Flüchtlinge wanderten nach 1945 in die USA, nach Palästina und Australien aus. Nach Deutschland kehrten nur einige hundert zurück.