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Geschichte

Zuflucht Kuba - ein Hafen für NS-Verfolgte

Der Roman "Landgericht" beleuchtet auch ein bislang wenig bekanntes Thema der Zeitgeschichte: Das Exil jüdischer Flüchtlinge auf Kuba. Ein Gespräch mit dem Lateinamerika-Experten Michael Zeuske.

DW: Schätzungen zufolge emigrierten rund 75 000 deutsche Jüdinnen und Juden zwischen 1933 und '45 nach Lateinamerika. Die größte Gruppe ging nach Argentinien. Aber auch Kuba war ein Ziel für die Zufluchtsuchenden. Was war der Karibikstaat damals für ein Land? Es war ja lange vor Fidel Castro!

Michael Zeuske: Kuba war damals schon eine ganz progressive Gesellschaft, vor allem in der mittleren Batista-Zeit. Batista kommt ja hoch in der Revolution von 1930-33,  und ist dann – vorsichtig formuliert – der Totengräber dieser Revolution, an der er sich zunächst beteiligt hatte. Ab 1936 ist er Strippenzieher hinter allen Präsidenten. Es ist eine sehr stark amerikanisierte, urbane Gesellschaft, die die amerikanische Moderne mit trägt – das sehen Sie heute noch in kubanischen Städten. Bis Mitte der 1960er Jahre sind diese Städte moderner als alle deutschen Städte. Batista geht dann ab 1936/37 mit der Anti-Hitler-Koalition über auf verfassungsmäßig und sozial relativ progressive Positionen. Das heißt, er bindet die Kommunisten ein, lässt eine neue Verfassung ausarbeiten, bringt Schulen und das Medizinwesen aufs Land, er kriegt Tarifkonflikte in den Griff, es gibt eine fortschrittliche Arbeiterschaft und Mittelklasse in den Städten. Und dazu gibt es eben auch eine amerikanische Moderne, wahrscheinlich die modernste Moderne, die außerhalb der USA in großen Städten existiert.

Wie ist man in Kuba mit den Emigranten aus Deutschland umgegangen?

Nicht besonders gut. Das ist im Buch von Ursula Krechel relativ gut beschrieben und reflektiert. Kuba war sozusagen "adjacent territory", also ein anhängendes Gebiet der USA. Und die sagten, wenn die Leute dort sind, bekommen sie präferentiell Visa für die Vereinigten Staaten. Und viele haben versucht, das zu nutzen. Das verhärtet sich später aber in zweierlei Hinsicht. Zum einen versucht man, die Massen insbesondere von jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland fern zu halten. Das ist das Problem mit dem Schiff "St. Louis", das dann auch zurück geschickt wird. Und zweitens: Es ist eine sehr korrupte Gesellschaft , vor allem dann in der Spät-Batista-Phase Ende der 1940er und in den 1950er Jahren und es muss – wie es im Buch auch beschrieben ist – sehr viel gezahlt werden. Die jüdischen Flüchtlinge haben oftmals Kuba gewählt, weil es der Warteraum für die USA oder andere Gebiete wie Mexiko oder Kolumbien war. Aber es gibt eine ganze Anzahl jüdischer Emigranten für die es nicht nur "Hotel Kuba" war – darüber gibt es ein Buch mit diesem Titel – sondern die sich da auch ansiedelten.

Das Bild zeigt Ernest Hemingway und Fidel Castro Foto: ddp images/AP Photo/str)

Nach einer gemeinsamen Angelpartie: Fidel Castro und Ernest Hemingway 1960

Der Fall des Schiffes "Saint Louis" war spektakulär: Es fuhr mit über 900 jüdischen Flüchtlingen an Bord von Hamburg Richtung Amerika. In Kuba durfte es nicht anlegen. Das Schiff musste schließlich nach Europa zurückkehren. Hat es Zusammenarbeit kubanischer und nazideutscher Behörden gegeben? Waren Nazis sichtbar auf der Insel?

Ob man das so pauschal sagen kann, weiß ich nicht. Ich habe mich mit den Akten Deutschland-Kuba im Auswärtigen Amt beschäftigt und dort gelesen: Es gab natürlich Verhandlungen. Batista hat versucht, durch Verhandlungen mit dem Deutschen Reich seinen Spielraum gegenüber den USA zu erweitern. Es gab auch Verhandlungen über Zuckerlieferungen. Man kann also annehmen, dass es Kontakte oder irgendwelche Machenschaften gegeben hat.

Es sind ja nicht nur jüdische Verfolgte nach Kuba geflüchtet, sondern es waren auch politisch Verfolgte, zum Beispiel Kommunisten. Wie ist es denen denn ergangen?

Deutsche sind – und das wird in dem Roman gut beschrieben – erst mal interniert worden. Das verhärtet sich dann noch einmal aufgrund der Situation in den USA, wo es schwarze Listen gibt. Die Deutschen kommen dann in Lager, bei Ursula Krechel wird das auch beschrieben. Auf der Isla de Pinos, der zweiten großen Insel Kubas werden sie faktisch interniert. Und kommen dann auch wieder raus, vor allem wenn sie irgendwelche Gelder bezahlen können. Dann können sie auch einigermaßen normal in der Gesellschaft Havannas leben.

Da ist jemand - wie Krechels Hauptfigur Richard Kornitzer - Anwalt in Berlin, wird von den Nationalsozialisten  bedroht, verfolgt und kommt dann nach Havanna in eine völlig fremde Kultur.

Ja. Die urbane Kultur ist stark von Andalusien geprägt, gerade bei der Gruppe der freien Berufe. Kuba hat immer betont, dass die eine Säule seiner Kultur die spanische ist. Das ist teilweise heute immer noch so, gerade bei den Mittelklasse-Berufen, zum Beispiel den Rechtsanwälten. Dazu kommt die amerikanisierte Gesellschaft, relativ reich mit hohem Pro-Kopf-Einkommen, sehr stark technisiert, mit Telefon, Hausbau, Autos, TV, Medizinerdichte – alles amerikanische Standards.

Gibt es heute in Kuba eine Erinnerungskultur, irgendetwas, das an das Schicksal der Flüchtlinge aus dem nationalsozialistischen Deutschland erinnert?

Es gibt vor allem die Erinnerung an die aschkenasischen Juden, die als Kommunisten in die Partei eingetreten sind und dort wichtige Rollen spielen. Also selbst in der heutigen Zeit, die sich ja sehr von der Batista-Zeit als der Zeit des Diktators und der Korruption absetzt.

Eine deutsche Autorin schreibt 2012 einen Roman, in dem das Kuba der Batista-Zeit eine wichtige Rolle spielt. Wie finden Sie das?

Ich halte das für verblüffend. Und außergewöhnlich. Man sollte natürlich in Deutschland viel über Kuba wissen, das liegt in meinem eigenen Interesse. Aber Kuba im 20. Jahrhundert ist auch eine extrem spannende Geschichte, weil seine Gesellschaft sehr stark durch Transkulturation geprägt ist. Also durch europäische Erfahrungen, die sich mit afrikanischen Erfahrungen zusammen binden, neue Musikformen, neue Sozialisierungsformen, amerikanische Moderne mit spanischen Wurzeln, mit Emigranten, die als Weiße in eine Gesellschaft kommen, die zu siebzig Prozent aus Farbigen, aus Schwarzen besteht, was eine stark rassistische Gesellschaft ist – das kommt im Roman allerdings nicht so stark rüber, weil der im urbanen, weißen Mittelklasse-Oberschichten-Ambiente spielt. 

Michael Zeuske; © Marion Nitsch***ACHTUNG!!!: Bild darf nur einmalig honorarfrei verwendet werden

Michael Zeuske

Sie haben selbst Anfang der 1960er Jahre als Kind mit Ihrer Familie in Kuba gelebt, ein Jahr nach der Kuba-Krise, die sich übrigens heute, wo wir dieses Gespräch führen, zum 50. Mal jährt. Welche persönlichen Erinnerungen haben Sie an Kuba?

Das war extrem spannend. Eine Gesellschaft, die direkt aus einer Revolution kommt, extrem euphorisiert ist, sehr stark abhebt auf diese Revolution. Mit politischen Führern, die damals sehr jung waren, Fidel Castro war 33 Jahre alt, Che Guevara noch im Amt als Minister. Dann kam ich aus der deutschen Nachkriegsgesellschaft der DDR, wo man im Gegensatz zu Kuba ganz andere Bilder im Kopf hat von Kälte, Ruinen, Mangel, Fehlen von Südfrüchten. Und all das gibt es auf Kuba. Kuba ist bis Mitte der 1960er Jahre noch eine voll funktionierende amerikanische Konsumgesellschaft. Und dann kommt so ein kleiner Junge aus der DDR rein, lebt dort, geht zur Schule, das war einfach begeisternd!

Fidel Castro hat sich aus der Politik zurückgezogen – wird er eine legendäre Figur des 20. Jahrhunderts bleiben?

Ich denke schon. Wenn man ihn nur als Diktator sieht wird man ihm nicht gerecht. Ich muss ihn nicht verteidigen, aber dennoch: Fidel Castro ist eine der großen Figuren des 20. Jahrhunderts. Er hat sein Land durch eine fünfzigjährige Blockade der USA geführt. Er war in den 1970er Jahren der Anführer der Blockfreien Staaten, hat also den Süden der Welt angeführt in Verhandlungen oder Konflikten mit den nördlichen Industrieländern und hat weltweit eine extrem wichtige Rolle gespielt.

Große Brecher knallen an die Ufermauern von Havanna am 26.08.2012 bei einem Sturm. Foto: dpa - Bildfunk+++

2012: Kuba gewährt Reisefreiheit, aber nicht alle, die wollen, dürfen das Land verlassen

Jetzt verändert sich einiges auf Kuba. Es gibt Reisemöglichkeiten. Sehen Sie eine Gefahr, dass das Land zurückfällt in die Rolle einer amerikanischen Kolonie?

Die Gefahr sehe ich nur bei einem abrupten Systemwechsel. Das ist sowieso die größte Schwierigkeit für Kuba, Wirtschaftsreformen und stärkere Partizipation hin zu bekommen ohne dass das System zusammenrutscht. Das kann, glaube ich, keiner wünschen, nicht mal in den USA. Weil dann Flüchtlingswellen und ähnliches einsetzen. Aus innerer kubanischer Perspektive besteht die Gefahr aber eher nicht. Weil die Reformen, vergleichbar mit Vietnam, eine sehr dynamische Entwicklung ausgelöst haben. Man wünscht, dass Präsident Raoul Castro noch drei, vier Jahre durchhält, damit die Reformen dann wirklich verankert sind.

Das Interview führte Cornelia Rabitz

Michael Zeuske ist Professor am Historischen Seminar, Abteilung für iberische und lateinamerikanische Geschichte, an der Universität Köln. Zuletzt erschien von ihm im Rotbuch-Verlag das Buch: "Kuba im 21. Jahrhundert. Revolution und Reform auf der Insel der Extreme".

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