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Sprachbar

Zufall

Tritt ein Ereignis ein, das sehr unwahrscheinlich ist und das Leben verändert, sprechen gläubige Menschen gern von Schicksal. Die anderen nennen es Zufall. Aber was bedeutet "Zufall" eigentlich ursprünglich?

Eine Interjektion bezeichnet in der Sprachwissenschaft eine lautliche Äußerung, der meistens eine Empfindung zu Grunde liegt. Angenommen, man/frau findet beim Blättern in den Kontoauszügen, die bekanntlich jahrelang aufbewahrt werden müssen, rein zufällig eine Millionenüberweisung. Zugegeben, ein ziemlich blödes Beispiel. Als für diese rein zufällig angenommene Situation angebrachte Interjektion empfiehlt sich zum Beispiel ein deutliches "Huch?!" mit Frage- und Ausrufezeichen; denn wie kommt die Million aufs Konto? Es wird Ihnen aufgefallen sein, dass – und damit sind wir mitten im Stichwort dieser Woche – bereits zweimal das Wort "zufällig" gefallen ist. Das ist kein Zufall. Ob es ihn überhaupt gibt, den Zufall, dieser Frage wollen wir heute ein wenig nachspüren.

Was einem zufällt, ist kein Zufall

Das Verb "zufallen" ermöglicht uns ohne allzu große Schwierigkeiten, den Zusammenhang zwischen Fallobst und – sagen wir Vermögenszuwachs – zu zeigen. Es ist ganz einfach: Der Apfelbaum in Nachbars Garten ragt mit einigen Zweigen auf ihr Grundstück. Der Apfel reift, der Apfel fällt, der Apfel plumpst auf ihr Grundstück und geht damit in ihren Besitz über. Er fällt ihnen zu.

In Deutschland ist in den letzten Jahren die so genannte Erbengeneration herangereift, der durch die anstehenden Erbschaften ein Vermögenszuwachs zufallen wird. Das Obst aus Nachbars Garten und der Geldsegen aus Papas Betrieb in unseren Beispielen haben eines gemeinsam: Die neuen Besitzer mussten nichts dafür tun. Das ist angenehm, aber keineswegs Zufall. Ebenso wenig, wie wenn jemand der Erfolg einfach so zufällt; man kann auch sagen "in den Schoß fällt".

Der Zufall und die Ursache

Der Zufall, der mit "zufallen" so eng verbunden ist, dessen Ursache also letztlich bekannt ist, war bis ins 17. Jahrhundert fester Begriff der deutschen Sprache. Dann kam der Wandel. In der abendländischen Philosophie wurde die Frage nach der Kausalität, der Ursache, zum wichtigsten Problem der Fragestellung überhaupt. Für alles aber, dessen Ursache und gesetzmäßige Entstehung noch – und das ist der entscheidende Punkt – unbekannt war, brauchte man einen Begriff.

Es ist alles andere als ein Zufall, dass dieser Begriff das Wort "Zufall" war. Also: Etwas ist so, aber man weiß noch nicht warum. Das ist der Zufall im philosophisch-naturwissenschaftlichen Sinn. Dieses Verständnis von Zufall hat, überträgt man es aufs tägliche Leben, etwas Verführerisches. Alles, was nicht gleich zu erklären ist, was aller Voraussicht nach so nicht zu erwarten war, wird zum Zufall. Dies ist unser heutiges Verständnis von Zufall.

Zufall, zufällig, zufälligerweise – der Sprachgebrauch

So wird der Zufall zum reinen oder puren Zufall, zum glücklichen oder unglücklichen und auch zum blöden Zufall. Zufälligerweise passierte das und das, zufällig begegnen wir einer alten Freundin und treffen – was für ein Zufall – die Müllers auf Gran Canaria.

Die Worte "Zufall", "zufällig" und auch "zufälligerweise" werden im Grunde genommen oft gedankenlos gebraucht. Das ist nicht schlimm, aber es muss in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Der so genannte Zufall ist niemals aus einem ursächlichen Zusammenhang herausgelöst. Oder philosophisch ausgedrückt: Er widerspricht nicht den Gesetzen der Kausalität, nach denen ein Ereignis notwendig eintritt beziehungsweise eintreten kann.

Welch ein Zufall: die Müllers im Urlaub getroffen

Machen wir die Probe aufs Exempel. Sie beschließen während der Sommerferien drei Wochen auf Gran Canaria zu verbringen. Die Müllers haben auch schulpflichtige Kinder, wollen ebenfalls ins Warme und denken sich, Gran Canaria wäre doch mal ganz nett. Müllers schauen in die Prospekte, Sie schauen in die Prospekte. Müllers buchen, Sie buchen auch. Müllers fliegen am Dienstag, Sie am Donnerstag. Leider war nur noch in San Nicolas was frei. "Nun gut" sagen Sie, "nun gut" sagen auch die Müllers. San Nicolas also. Am Samstagabend gehen Sie essen und treffen absolut rein zufällig die Müllers. Es hätte natürlich auch ganz anders kommen können. Das ist unbestritten. Aber Sie wären bestimmt nicht auf die Idee gekommen zu erzählen, dass Sie zufällig die Müllers nicht getroffen haben. Es gibt ihn aber doch, diesen Zufall, werden Sie sagen. Stimmt. Sie haben Recht. Es gibt ihn. Aber nicht zufällig.


Fragen zum Text:

Wem etwas in den Schoß fällt, der …?
1. wird schmutzig.
2. musste nichts dafür tun.
3. erntet die Früchte harter Arbeit.

Als "Zufall" wurde in der Philosophie all das bezeichnet, dessen Ursprung …?
1. übernatürlich war.
2. unbekannt war.
3. sofort zu durchschauen war.

Welchen dieser Zufälle gibt es nicht?
1. den reinen Zufall
2. den dummen Zufall
3. den klugen Zufall


Arbeitsauftrag:
Erzählen Sie im Kurs von dem größten Zufall, an den Sie sich erinnern können.

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