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Musik

"Zuerst also Manhattan": Leonard Cohen-Songs auf Deutsch

Zu seinem 80. Geburtstag erscheint mit "Poem" eine Hommage in deutscher Sprache an Leonard Cohen. 17 Künstler, darunter Reinhard Mey und Madsen, haben sich an die Interpretation einiger seiner schönsten Songs gewagt.

Leonard Cohen auf Deutsch?! Bisher hatte sich das niemand getraut. Adaptionen seiner Lieder gibt es indes viele – angefangen beim "Halleluja" des unvergessenen Jeff Buckley bis hin zu Madeleine Peyrouxs Jazz-Version von "Dance me to the end of love". Bob Dylan, neben Cohen der wohl bedeutendste nordamerikanische Songpoet, wurde bereits mehrfach ins Deutsche übertragen. Doch Cohens introvertierter Sprechgesang, die leisen, zarten musikalischen Arrangements, und vor allem seine kunstvolle und hochsensible Lyrik schienen sich einer Übersetzung in eine andere Sprache schlichtweg zu verweigern. Hinzu kommt: Kaum ein Repertoire im Singer/Songwriter-Genre ist so eng verknüpft mit der Persönlichkeit seines Schöpfers wie das des Kanadiers, der seine Karriere in den späten 60ern begann.

Und genau zu dieser Zeit entdeckte ein junger Mann in Deutschland die Werke dieses geheimnisvollen Sängers, der eigentlich Dichter werden wollte. Misha G. Schoeneberg, damals um die 20, reiste seinem Idol durch die halbe Republik hinterher, um bei dessen Konzerten dabei zu sein. Ganz besonders ist Schoeneberg ein Konzert in Köln in Erinnerung geblieben: "Cohen stand auf der Bühne, wie der Heilige auf einem Berg", erzählt der Produzent und Übersetzer von "Poem". Schon damals fragte er sich, was die Texte, deren Bedeutung er in der rebellischen Gestik ihres Interpreten und dessen unnachahmlicher Stimme zu erahnen meinte, eigentlich wirklich sagen wollten.

Kanada Musik Pop Sänger Leonard Cohen

Ursprünglich wollte Leonard Dichter werden. Wie gut, dass er sich dann auch für die Musik entschieden hat

20 Jahre von der Idee zum Album

Und so entstand schließlich die Idee zu "Poem" – die Umsetzung zog sich indes über 20 Jahre hin. In der Zwischenzeit lebte Schoeneberg im indischen Goa, schrieb Texte für Rio Reiser, übernahm viele Jahre lang gemeinsam mit der Grünen-Politikerin Claudia Roth das Tourmanagement der Band Ton Steine Scherben, schrieb Bücher und veröffentlichte seinerseits Alben. Cohens Werk ließ ihn dabei nie los. Anfang der 90er Jahre traf Schoeneberg auf Cohen und erzählte ihm von seiner Übersetzungsidee. Cohen war einverstanden und so machte sich Schoeneberg an die Planung: Rio Reiser sollte die übersetzen Songs interpretieren.

Doch dazu kam es nicht. Durch den tragischen Tod Rio Reisers und Cohens jahrelanger Bühnenabstinenz kam das ambitionierte Unterfangen ins Stocken. Erst 2010 nahm das Projekt mit dem Sänger Max Prosa wieder Fahrt auf: Schoeneberg legte Cohens Management eine deutsche Version von "Halleluja" vor und erhielt daraufhin die Erlaubnis für weitere Adaptionen. Entstanden ist schließlich eine Auswahl von 17 Titeln - allesamt von Leonard Cohen persönlich freigegeben - interpretiert von den verschiedensten deutschen Künstlern interpretiert. Und genau darin liegt wohl der Knackpunkt: Die Compilation wirkt zusammengewürfelt. Nina Hagen singt hier neben Anna Loos, Reinhard Mey neben Tim Bendzko und das will nicht so recht passen. Nichtsdestotrotz hat "Poem" wirklich schöne Momente.

Bekannte und weniger bekannte Künstler an Bord

Leonard Cohen Albumcover poem, 2014

Plattencover der Compilation "Poem"

Den Opener machen Madsen mit einer wirklich gelungenen Version von "Hey that's not the Way to Say Good-Bye". 47 Jahre alt ist das Original und doch glaubt man Sänger Sebastian Madsen, dass er fühlt, was er singt: "Hey, das ist nicht der Tag zu gehen" - einfühlsam und zärtlich. Ähnlich geht es einem mit Reinhard Meys Version von "Famous blue raincoat" / "Sternblauer Trenchcoat". Selber ein Liedermacher, fügt sich seine Stimme harmonisch in die Gitarrenklänge und die melancholischen Arrangements ein. Jan Plewka, seines Zeichens Frontmann der Band Selig, bittet um einen letzten Kuss, ohne dass es kitschig wirkt in "Dance me to the end of Love" / "Küss mich bis die Welt vergeht".

Leider weniger gut gelungen ist das "Halleluja" der Beautiful Losers. Hinter diesem Bandnamen verbirgt sich niemand anderes als alle Beteiligten. Ihre Version des Cohen-Klassikers klingt sehr nach Kirchenfreizeit. Von der Verruchtheit und wunderbaren Zweideutigkeit des Originals ("Remember when I moved in you. And the holy dove was moving too.") ist nichts mehr zu spüren. Ähnlich geht es einem mit Cäthes "Lover, lover, lover, komm zurück zu mir". Gesungen mit Cohens rauchiger Stimme bekommen diese flehentlichen Worte doch eine andere Intensität und Sex Appeal.

Einfach unnachahmlich

Leonard Cohen beim Montreux Jazz Festival

Cohens Konzerte sind oft bis zu drei Stunden lang

An Leonard Cohen, der die Rebellen der 70er genauso begeisterte wie die verlorenen Romantiker der 2000er Jahre, kommt man eben nicht so schnell ran. Muss man auch nicht und will man auch nicht, wenn man diese Compilation als das versteht, was sie ist: eine Hommage an einen herausragenden Musiker, entstanden aus der liebevollen Idee, seine Texte, seine tiefe, traurig-schöne Lyrik einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Und dabei darf dann durchaus auch ein junger Tim Bendzko neben dem alten Recken Peter Maffay vertreten sein, die beide gleichermaßen berührt sind von Cohens zeitloser Musik. Zuerst also Manhattan… und dann die Welt?

Leonard Cohens neuestes Album "Popular Problems" erscheint ebenfalls am 19. September 2014. Genau zwei Tage vor dem 80. Geburtstag des legendären Sängers.

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