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Deutschland

Zu welchem Volk gehören eigentlich "Ossis"?

Vor zwei Jahrzehnten, in den Tagen zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung, fielen oft die Worte "0ssis", "Wessis", "Befindlichkeit" und "Wahnsinn". Manchmal scheint sich nicht viel verändert zu haben.

Ein Gartenzwerg mit einem Messer im Rücken liegt zusammen mit einem Aktenordner (Foto: dpa)

"Ossi" oder "Wessi"?

10. November 1989: Deutsch-deutsche Euphorie am Brandenburger Tor (Foto: AP)

10. November 1989

Tatsächlich gibt es weiterhin eine besondere deutsche Befindlichkeit, eigentlich sogar zwei. Denn die Deutschen in Ost und West sehen sich selbst und andere offenbar unterschiedlich: Wahnsinn vielleicht, oder eben Wirklichkeit. Denn auch rein statistisch unterscheiden sich heute immer noch Deutsche im früheren "Osten" von Deutschen im früheren "Westen". 1989 erwarteten noch 71 Prozent der Ost- und 52 Prozent der Westdeutschen, dass die Wiedervereinigung ihr Leben verbessern würde. 20 Jahre später meinen nur noch 46 Prozent der Deutschen im Osten beziehungsweise 40 Prozent der Deutschen im Westen, dass diese Verbesserung dann auch tatsächlich eingetreten sei. Befindlichkeit ist eben Befindlichkeit.

Einigkeit und Recht auf Freiheit

Neben dieser sonderbaren Befindlichkeit gibt es auch noch deutsche Tugenden, die mitunter schon von unmittelbaren Nachbarn als sonderbar empfunden werden. Nein, nicht um Pünktlichkeit oder Fleiß geht es, sondern um Gründlichkeit. Motto: Wenn schon, dann wenigstens gleich richtig und gründlich. Seinen Ausdruck findet dieses Prinzip in Ost und West in dem Streben, im Zweifels- oder gar Streitfall doch lieber die Richter entscheiden zu lassen:

Symbolbild Justitia und Akten (Foto: DW)

Politiker wenden sich in kniffligen Fragen gerne an die Verfassungsrichter, Nachbarn zogen schon wegen angeblich beleidigter Gartenzwerge vor ein Gericht oder wegen eines Maschendrahtzaunes, durch den Schneebeerenzweige ragten. In jedem Fall wurde in solchen Fällen mit deutscher Gründlichkeit dann Recht gesprochen. Höchst kompliziert und voller Brisanz ist auch ein Fall, der jetzt vor dem Arbeitsgericht in Stuttgart landete:


Ein sonderbarer Sonderfall

Symbolbild Bewerbungsschreiben (Foto: Bilderbox)

Die Buchhalterin Gabriela S. aus Schwaben hatte sich bei einer Fensterbaufirma in der Region beworben, den Job aber nicht erhalten. Dafür erhielt die Mittvierzigerin die Bewerbungsunterlagen zurück und musste feststellen, dass auf ihrem Lebenslauf ein handschriftlicher Vermerk des Personalers prangte: Ein Minus in Klammern, dahinter stand "Ossi". Frau S. in Schwaben war sauer.

Mal abgesehen davon, dass die inzwischen meist "Human Ressources Manager" genannten Personalbeauftragten nicht auf den Bewerbungsunterlagen herummalen sollen - Frau S. war erbost über das umgangssprachliche Wort "Ossi". Denn "Ossi" steht für Ostdeutsch in allen seinen Zusammensetzungen und hat vor allem im Westen des eigentlich einigen Deutschland bis heute einen pejorativen Klang. Da klingt das bayerische Wort "Depp" irgendwie freundlicher.

Noch erboster war Frau S. allerdings, dass sie mit dem hier offenbar diskriminierenden Wort "Ossi" belegt worden war. Sie, die seit mehr als zwei Jahrzehnten im Schwabenländle lebt und inzwischen schwäbelt wie die indigenen Schwaben. Andererseits war Frau S. tatsächlich 1988 aus dem Osten, der damals noch DDR hieß, durch den Eisernen Vorhang ins zum damaligen Westdeutschland gehörende Schwaben gekommen - als Flüchtling sozusagen.

Eine unbequeme deutsche Frage

Daraus ergeben sich praktische, juristisch sehr knifflige und zugleich typisch deutsche Fragen: Wie lange ist oder bleibt jemand "Ossi" - trotz erfolgreicher Integration (im Westen)? Zur regelrechten Zeitbombe mutiert die Frage, wenn der Begriff "Ossi" durch den Begriff "Mitbürger mit Migrationshintergrund" ersetzt wird: Über wie viele Generationen werden "Ossi"-tum oder Migrationshintergrund vererbt? Ist da individuelle Integration innerhalb eines Menschenlebens überhaupt möglich?

Noch unbequemere Antworten

Der Liedermacher Wolf Biermann und Bundeskanzlerin Angela Merkel 2007 in Berlin (Foto: AP)

Wolf Biermann (links) und Angela Merkel (rechts)

Nicht minder explosiv sind die möglichen Schlussfolgerungen aus jeder der denkbaren Antworten: Sind "Ossis" - Menschen also, die vor oder nach dem Fall der Mauer aus westlicher Sicht östlich derselben lebten oder leben - eine ethnische Gruppe für sich? Falls ja - wie lange bleiben "Ossis" oder auch deren Nachfahren dann "Ossis"? Wobei hier eine Parallele zum Migrationshintergrund deutlich wird. Sind denn nicht auch "Ossis", die einst vom einen in den anderen deutschen Teilstaat oder später innerhalb des einheitlichen Deutschland an einen Ort jenseits der einstigen Demarkationslinie wanderten, in gewisser Weise einerseits Migranten, andererseits aber auch irgendwie indigene Deutsche?

Und wie verhält es sich mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel oder dem Liedermacher Wolf Biermann, in deren Biografien das "Ossi"-Land DDR eine nicht unwesentliche Rolle spielte? Beider Geburtsort war bekanntlich Hamburg, was Merkel und Biermann zu geborenen "Wessis" macht.

Sind die "Ossis" ein Volk?

Dominosteine symbolisieren den Mauerfall (Foto: DPA)

Wie sähe es eigentlich aus, wenn den "Ossis" tatsächlich die Eigenschaft einer eigenen Ethnie zukommen sollte? Das klingt zwar scheinbar politisch korrekter als etwa eine Eingliederung der früheren "Brüder und Schwestern in der Zone" in die Kategorie "deutsch ja, aber Unterkategorie Ost". Davon würden sich nicht nur die Väter des Grundgesetzes verletzt fühlen.

Andererseits könnten die "Ossis" als unterdeutsche eigene Ethnie natürlich vom europäischen und deutschen Antidiskriminierungsgesetz profitieren. Denn das verbietet die Benachteiligung bei der Jobvergabe aus ethnischen, religiösen oder anderen Gründen. Genau deswegen hatte ja die vor dem Mauerfall aus dem Osten in den Westen gekommene schwäbische Buchhalterin Gabriela S. die Stuttgarter Arbeitsrichter eingeschaltet.

Nicht alle "Ossis" klagen immer

Gartenzwerg-Demo mit Transparent Gartenzwerge aller Länder vereinigt Euch! (Foto: AP)

Droht der Aufstand?

Im Unterschied dazu war eine ähnlich behandelte Erzieherin aus Berlin nicht vor den Kadi gezogen. Eveline B. aus dem früheren Ostberlin hatte sich bei einer Kindertagesstätte im früheren Westberlin beworben. Auch sie bekam statt des Jobs ihre Unterlagen zurück. In diesem Fall trugen sie den dienstlichen Vermerk "Absagen, DDR".

Frau B. war empört und verwies auf die inzwischen vergangenen 20 Jahre. Sie zog aber nicht vor Gericht, um zu klagen. Soviel zum westlichen Klischee, die "Ossis" würden immer nur klagen.

Nachtrag der Redaktion: Das Arbeitsgericht Stuttgart hat die Klage von Frau S. am Donnerstag (15.04.2010) abgewiesen. Die Begründung: "Ossis" sind kein eigener Volksstamm.

Autor: Hartmut Lüning
Redaktion: Kay-Alexander Scholz