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Spurensuche

Zu viele Pilger

Die klassischen Pilgerwege sind voller Menschen. Man sucht sich selbst und findet kaum ein Bett. Aber es gibt Alternativen. Jan Schäfer beschreibt eine befreiende Erfahrung.

Pilger auf dem Weg von Gonzar nach Palas de Rei (picture-alliance/blickwinkel/M. Vahlsing)

Pilger auf dem Weg von Gonzar nach Palas de Rei

Pilgern ist in

Hunderte, eher Tausende sind unterwegs. Gleichzeitig. Von den Pyrenäen auf dem mittelalterliche Camino Francés - über die alten Königstädte Jaca, Pamlona, Estella, Burgos und León. Die klassische Route für das Pilgern. Und sehr beliebt. Viele Pilger suchen sich selbst, aber sie finden oft nicht einmal eine ruhige Nacht. Denn die Nacht verbringt man im großen Schlafsaal oder zumindest unter dem Dach der Pilgerherberge. Nur den Hartgesottenen gelingt es wirklich einen erholsamen Schlaf zu finden. Wer in den Sommermonaten auf dem Jakobsweg eine einsame Pilgererfahrung sucht, wird vermutlich  enttäuscht werden. Allein ist man so gut wie nie.

Denn Pilgern ist seit vielen Jahren in Mode. Vor allem der Jakobsweg, der eigentlich eine ganze Reihe von Wegen ist.  In der Mitte Europas beginnen sie und ihr gemeinsames Ziel ist das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela im nordspanischen Galicien. 

 

Mit der Masse gehen

Hierhin pilgern so viele Menschen, dass die Straße oft wie eine Pilgerautobahn erscheint. Dabei sind die Gründe los zu pilgern sehr unterschiedlich. Der Glaube spielt sicherlich bei vielen eine Rolle. Bei nicht wenigen geht es allerdings in erster Linie um die Herausforderung einer Langstreckenwanderung. Die eigene Leistungsgrenze soll erfahren werden, die Fitness bewahrt oder gesteigert werden.

Und dann ist da noch der besondere Reiz der Landschaft in ihrer bezaubernden Vielfalt. Die hohen, majestätischen Gipfel der Pyrenäen - viele über 3000 Meter hoch – bilden eine fantastische Kulisse.  Die karge und herbe Landschaft in Kastilien-Leon nimmt den Wanderer in seinen Bann. Und nicht zuletzt die mittelalterliche Stadt Santiago als Ziel. Mit ihrer beeindruckenden Kathedrale und dem Grab Jakobs scheint dort in den engen Gassen die Zeit seit Jahrhunderten still zu stehen

 

Nach links – der Weg in die Einsamkeit

Den Kopf frei zu bekommen war für mich im vergangenen Sommer der Grund erneut auf dem Jakobsweg zu wandern. Ein beruflicher Wechsel stand an. Die Zeit des Übergangs wollte ich nutzen um Abstand vom Alten zu gewinnen und um mich auch mental auf die neue Herausforderung einzustellen. Die Hoffnung war es, im Hochgebirge mit zwei Begleitern Ruhe zu finden und Zeit zum Durchatmen zu haben.

Dann der Schock, schon bei der Anreise im Linienbus. Die Berge fest im Blick stecken wir im Stau fest. Auf der engen und schmalen Bergstraße steht Auto an Auto. Und das heißt dann Menschen über Menschen.  Krisensitzung am Abend beim Bier im Bergdorf. Sollen wir überhaupt so loslaufen?  Und dann, beim Blick auf die Wanderkarte die Entscheidung. Wir wandern! Aber wir wandern knapp neben dem Jakobsweg mit dem traditionellen Symbol der Muschel.  Ein Tal weiter, auf normalen Wanderwegen. Die gleiche wunderschöne Landschaft mit Rucksack, Zelt und Schlafsack - aber nicht nach rechts mit allen anderen auf dem Weg mit der Jakobsmuschel. Sondern nach links in die Einsamkeit.

 

Luft zum Durchatmen

Mit 16 Kilo auf dem Rücken, mit Zelt, Isomatte und Schlafsack sind wir sieben Tage unterwegs. Während nur wenige Kilometer entfernt so viele Menschen unterwegs sind, erleben wir eine einsame und stille Natur. Nur wenige andere Wanderer kreuzen am Tage unseren Weg. Menschen, die genau wie wir die Natur und die Einsamkeit dieser grandiosen Bergwelt suchen. Menschen, die den Kopf frei bekommen wollen und die ganz bewusst diesen Ort gewählt haben.

 

Der Kopf ist frei!

Ich kann es spüren: mit jedem Tag wird mein Kopf freier. Ich lasse das Alte los. Ich blicke nach vorn, auf das Neue, das kommt. Ich freue mich darauf!

Nach einer Woche in den Bergen ist es vorbei mit der Bergeinsamkeit. Unser Abstieg steht an. Der Weg führt uns zurück ins Bergdorf. Je näher wir kommen, desto mehr Menschen treffen wir. Schon von fern sehen wir die steile Bergstraße die sich in Serpentinen heraufwindet. Wieder sehen wir die Autos, Stoßstange an Stoßstange. Auch an diesem Abend sitzen wir beim Bier zusammen. Diesmal nicht voller Zweifel und Unsicherheit. Sondern zufrieden und glücklich über unsere Entscheidung und die zurückliegenden Tage in den Bergen. Ich bin am Ziel: Der Kopf ist frei!

Jan Schäfer

Geboren 1965 in Siegen und aufgewachsen in Koblenz. Nach dem Studium in Mainz, Marburg und Bonn arbeitete er seit 1996 als Pfarrer im Taunus, in den USA und in Frankfurt/Main. Jan Schäfer war lange Jahre Pfarrer an einer Frankfurter Berufsschule und leitet nun als Direktor das Kirchliche Schulamt der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Offenbach am Main. Jan Schäfer ist verheiratet.