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Wirtschaft

Zu viele Lebensmittel landen auf dem Müll

20 Millionen Tonnen Lebensmittel werden jedes Jahr in Deutschland weggeschmissen. Lange wurde das Problem nicht gesehen - nun entwickelt sich ein Bewusstsein dafür. Handel und Regierung bemühen sich um Lösungen.

Lebensmittel liegen in einer Mülltonne (Foto: picture alliance)

Weg damit? Lebensmittel wandern in die Mülltonne

Fünfzehn Minuten vor Schließung geht es los. Eine Mitarbeiterin stellt leere Plastikbehälter auf den Tisch. Etwa dreißig Menschen stürzen sich darauf. Sie rennen zur Theke und füllen die Schalen mit frischem Salat, warmen Speisen oder Desserts. Der volle Ein-Liter-Behälter kostet vier Euro – nur ein Viertel vom üblichen Preis. Seit zwei Jahren gibt es das Angebot im Restaurant "Cassius Garten" in Bonn. "Das war aus der Not heraus geboren, weil wir abends gesehen haben, wie viel gutes Essen noch da ist, das wir vernichten mussten", sagt Geschäftsführer Jan Lüth. Jetzt kann das Restaurant bis spätabends ein größeres Angebot an frisch zubereiteten Speisen fahren. Und in den Abfalltonnen, "die dazu noch richtig teuer sind", landet weniger "Müll" – aber immerhin 350 Liter jede Woche.

Industrieländer leben im Überfluss

Ein Mitarbeiter schiebt den Wagen mit den Essensresten (Foto: Olga Kapustina)

Trotz der Sonderaktion bleibt im "Cassius Garten" etwas übrig

Essen wegschmeißen – während in den anderen Ländern Menschen an Hunger sterben. "Die Lebensmittel werden außerdem mit viel Energieaufwand produziert und tragen erheblich zur Klimaerwärmung bei", sagt Valentin Thurn, der den Film "Frisch auf den Müll" über die Lebensmittelvernichtung gemacht hat. Bis zu 20 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr weggeworfen, sagt er. Offizielle Statistiken dazu gäbe es in Deutschland jedoch nicht. Anders sei es in Österreich, Schweden, den USA und Großbritannien – dort lägen entsprechende Studien vor. Diese besagen, dass von allen weggeworfenen Lebensmitteln etwa ein Drittel jeweils in der Landwirtschaft, beim Verbraucher und beim Handel vernichtet wird.

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmitteleinzelhandels errechnete die Verluste der Branche. "Der Anteil der Lebensmittel, die nicht mehr verkauft werden können, liegt im Durchschnitt bei einem Prozent des Netto-Umsatzes", sagt Sprecher Christian Böttcher. Bei einem Jahresumsatz von etwa 150 Milliarden Euro macht das 1,5 Milliarden Euro Verlust pro Jahr.

Supermärkte spenden Lebensmittel

Die Lebensmittel werden in den Supermärkten aussortiert, wenn sie nicht perfekt aussehen, wenn die Nachfrage nicht stimmt oder das Mindesthaltbarkeitsdatum naht. Dabei ist dieser Wert ein Grund für die Verschwendung. "Der Hersteller garantiert, dass das Produkt bis zu diesem Zeitpunkt seine spezifischen Eigenschaften behält. Aber nach Ablauf dieses Datums ist zum Beispiel der Jogurt nicht automatisch verdorben", sagt Böttcher.

Regal mit den Milchprodukten im Supermarkt (Foto: Becker & Bredel)

Kunden wollen auch abends volle Regale sehen

Viele Supermärkte sehen die Lösung in der Zusammenarbeit mit den Organisationen für Bedürftige, zum Beispiel mit den sogenannten "Tafeln" - das sind Organisationen, die ärmere Menschen kostenlos versorgen. Die zweitgrößte deutsche Supermarktkette REWE spendet seit 15 Jahren Lebensmittel an die Tafeln, sagt Sprecher Andreas Krämer. Die Kette gäbe nahezu alle aussortierte Lebensmittel an diese Organisationen ab. "Davon ausgenommen sind ausschließlich die Lebensmittel, die wir aus juristischen Gründen nicht mehr verkaufen können, wie zum Beispiel Gehacktes oder Frischfisch. Sie werden entsorgt", sagt Krämer. Wie viel genau weggeworfen werde, wisse er jedoch nicht.

Der Filmregisseur Valentin Thurn hält die Zusammenarbeit der Händler mit den Tafeln für einen falschen Ansatz. "Die eigentliche Lösung wäre, nicht die Überschüsse zu verteilen, sondern sie zu vermeiden", sagt Thurn. Er schlägt vor, Produkte kurz vor Ablauf günstiger anzubieten oder die Regale abends nicht mit den neuen Waren nachzufüllen. "Doch die Angst, die Kunden zu verlieren, ist so groß, dass die Supermärkte lieber Produkte wegwerfen und damit Warenwerte in Millionenhöhe vernichten, als ihre Kunden enttäuschen", sagt Thurn.

Problembewusstsein muss wachsen

Valentin Thurn (Foto: Privat)

Thurn: "Es gibt jetzt ein Bewusstsein für das Problem"

Inzwischen hat die Bundesregierung eine Studie in Auftrag gegeben, die die genaue Zahl der Lebensmittel, die in Deutschland weggeworfen werden, ermitteln soll. "Die Ergebnisse der Studie werden im Herbst erwartet", hieß es im Ernährungsministerium auf Nachfrage.

"Zumindest gibt es jetzt ein Bewusstsein für das Problem", sagt der Regisseur Valentin Thurn. Nachdem sein Film im deutschen Fernsehkanal ARD ausgestrahlt wurde, bekomme er "eine unglaubliche Zahl an emotionalen Anrufen, E-Mails und Briefen". Nicht nur einfache Menschen schreiben ihm, sondern auch Profis – Köche und Lebensmittelhändler.

"Die Menschen sind sehr berührt. Und sie fühlen sich endlich mal nicht hilflos, weil jeder etwas dazu beitragen kann", sagt Thurn. Auch er selbst ist sensibler geworden. Wenn Thurn merkt, dass das Mindesthaltbarkeitsdatum auf dem Glas mit Olivenpaste bereits überschritten ist, sagt er: "Das heißt noch nichts. Man muss daran riechen." Und geht mit dem Glas zum Kühlschrank – nicht zur Mülltonne.

Autorin: Olga Kapustina
Redaktion: Klaus Ulrich

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