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Deutschland

Zu viel WM-Patriotismus in Deutschland?

Ganz Deutschland ist ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer: Reine Fußballeuphorie oder doch Deutschtümelei? Sozialpsychologen warnen: Es ist ein schmaler Grat zwischen Party-Patriotismus und gefährlichem Nationalismus.

Die 63. Minute im Spiel gegen Ghana: Eine Zitterpartie für deutsche Fans, die Nationalelf liegt jetzt einen Punkt zurück. Prompt wird auf Twitter kommentiert. "Hoffentlich sterben ein paar Schwarze mitten auf dem Spielfeld an AIDS": Das war nicht der einzige rassistische Kommentar, der unter #GERGHA um die Welt geschickt wurde. Ein klarer Fall für eine rote Karte, sagen viele. Doch der umstrittene Tweet macht ein Dilemma deutlich: Ab wann gehen Fans einer Nationalmannschaft zu weit?

"Mit dem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer geht nicht nur Fußball-Enthusiasmus einher, sondern auch die Aufwertung der Nation", sagt der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner. Es ist ein schmaler Grat zwischen WM-Patriotismus und Nationalismus: Wer Fußballfan ist, identifiziert sich natürlich mit seiner Mannschaft. Schließlich ist es eine grundlegende Idee des Spiels, auf einer Seite zu stehen - und gegen die andere Mannschaft zu sein. Doch genau hier lauert die Gefahr. Denn Identität hängt immer mit der Abgrenzung von anderen zusammen. Sozialpsychologen warnen daher: Der vermeintlich harmlose Party-Patriotismus kann auch kippen.

Nationalstolz kann in Fremdenfeindlichkeit umschlagen

Dabei wirkt es so harmlos. Hawaii-Ketten in Schwarz-Rot-Gold, Fähnchen über Fähnchen, Schminke in den Nationalfarben im Gesicht: Ganz Deutschland ist zur WM-Zeit mit nationaler Symbolik überzogen. Was soll daran gefährlich sein? In vielen Fällen wollen Fußballfans hier einfach nur zeigen: Mich interessiert dieses Event. Oder etwa nicht? "Ich bin äußerst skeptisch bei all diesen Formen der nationalen Identifikation", sagt Sozialpsychologe Wagner. Die vermeintlich harmlosen Deutschland-Symbole könnten eine nationale Gesinnung verstärken.

WM 2014: Deutscher Fan mit schwarz bemaltem Gesicht beim Spiel Deutschland gegen Ghana (Foto: Reuters/Paul Hanna)

Rassismus unter deutschen Fans?

Denn Studien zeigen: Nationalstolz kann in Fremdenfeindlichkeit umschlagen. Sowohl Nationalisten als auch Patrioten identifizieren sich stark mit dem eigenen Land. Beim Nationalismus schwingt jedoch immer das Prinzip "Wir sind besser als alle anderen" mit. Patriotismus bezieht sich hingegen mehr auf sich selbst. Auch hier identifiziert man sich mit Deutschland, preist dabei jedoch bestimmte Errungenschaften wie etwa die demokratische Kultur an.

Sommermärchen - nur eine Mär?

Rückblick auf die WM 2006

: Deutschland gibt sich weltoffen und gastfreundlich. Endlich darf man Flagge zeigen, so das vorherrschende Meinungsbild.

Andreas Zick von der Uni Bielefeld (Foto: Universität Bielefeld)

Zick: "Wir können nicht unverkrampft Nationalstolz empfinden"

"Das Problem ist: Wir können als Deutsche historisch keinen unverkrampften Zugang finden", sagt Andreas Zick, Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld. Geschichte könne man auch in der vierten oder fünften Generation nicht einfach wegwischen. "Diese lockere Art, sich auf Nationalstolz zu konzentrieren, war eigentlich immer der falsche Ansatz", so Zick.

Auch Ulrich Wagner kritisiert die Mär vom Sommermärchen 2006: "Solche Ereignisse werden politisch instrumentalisiert." Nicht zuletzt von der Bundesregierung, die sich damals über die patriotischen Gefühle beim Public Viewing gefreut hat. Nach dem Motto: Jetzt kann man Deutscher sein, ohne dafür schief angeschaut zu werden. Ein gefährlicher Schluss, sagen Sozialpsychologen.

"Fußball ist eine emotionale Angelegenheit, da werden Schleusen geöffnet", sagt Andreas Zick, der zum Thema gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit forscht. Gültige Normen, Höflichkeit, Toleranz - bei einer WM kurzfristig über Bord gekippt, weil es ja um maximale Emotionen geht. Zutage kommen dann jahrhundertealte Stereotype. So greifen Fußballkommentatoren und Radiomoderatoren in die altbekannte Klischeekiste: "Wie kann ich die Afrikaner beschreiben? Indem ich auf afrikanische Stereotype zurückgreife", beobachtet Zick. Ganz unabhängig davon, dass der internationale Fußball längst grenzenlos geworden ist und Spieler aus Ghana oder Südafrika hauptberuflich in europäischen Fußballclubs kicken.

Sieg-Rufe sind Warnsignale

Fragwürdig erscheint da so mancher Fan-Auftritt beim Deutschlandspiel gegen Ghana. Afro-Perücken und schwarz angemalte Gesichter sollten wohl als Witz verstanden werden. Antidiskriminierungsorganisationen werfen diesen deutschen Anhängern jedoch "Blackfacing" vor (Anm. d. Red.: sich schwarz anmalen, um Schwarze darzustellen - oftmals als Parodie und Beleidigung). Mit den Vorwürfen konfrontiert, überlegte selbst die Fifa, rechtliche Schritte einzuleiten, entschied sich dann jedoch dagegen.

Ein weiterer Moment, der irritiert: "Sieg, Sieg"-Rufe nach dem Auftaktspiel gegen Portugal. Hier mischt sich plötzlich nationales Gedankengut in den fröhlichen Party-Patriotismus. Darin sieht Wagner einen eindeutigen Anklang an die deutsche Vergangenheit - und damit sei eine gefährliche Grenze überschritten.

Özil-Effekt inzwischen verpufft

WM 2014: Die deutsche Nationalmannschaft

Die deutsche Nationalelf: Längst eine multikulturelle Mannschaft

Dabei ginge das mit der nationalen Identifikation auch ganz anders. "Man könnte auch stolz darauf sein, dass man so eine Multikulti-Truppe ins Feld schickt", findet Andreas Zick. Sechs von 23 Spielern der Nationalmannschaft haben einen Migrationshintergrund. Doch der "Özil-Effekt" nach der WM 2010 in Südafrika ist inzwischen wieder verpufft. Kurzzeitig sorgte er dafür, dass der Rassismus während des Turniers abnahm, weil man stolz auf eine so vielfältige Mannschaft war. Kurz danach waren die Ressentiments jedoch wieder unverändert groß.

Spaß am Fußballspiel - das will niemand in Frage stellen. Aber wäre es nicht an der Zeit, den Nationalstolz neu zu definieren? Als einen Stolz auf das Einwanderungsland Deutschland mit einer tollen, multikulturellen Nationalelf?

Nicht zuletzt offenbaren die Twitter-Kommentare, dass dieses Umdenken nötig ist. Die minderjährige Verfasserin nahm ihren rassistischen Kommentar übrigens schon wenige Minuten nach der Veröffentlichung zurück. In einer Stellungnahme entschuldigte sie sich für ihre unbedachte Äußerung nach dem 2:1 für Ghana. Da war der Aufruhr im Netz jedoch schon in vollem Gange - und die Frage, ab wann der Party-Patriotismus gefährlich wird, längst auf dem Spielfeld.

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