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Ostmitteleuropa

Zu viel Geld, zu wenig Leistung?

– Ansehen der ungarischen Manager schlecht wie noch nie

Budapest, 10.7.2002, PESTER LLOYD, deutsch, Mária Lakatos

Die Helden unserer Tage kleiden sich in dunkle Anzüge, hören laufend ihr Handy ab, tragen Rolex-Uhren und fahren einen Audi auf dem Weg zum nächsten Geschäftsabschluss. Das rührt die Gesellschaft aber nicht; das Prestige der Manager ist nämlich laut jüngsten Erhebungen empfindlich gesunken.

Aufgaben und Verantwortung der Manager haben es in sich, erkennen die Menschen an, doch erhalten sie für ihre Leistungen nicht gerade ausreichendes, sondern bei weitem zu viel Geld. In dieser Beurteilung mag der Neid derjenigen stecken, die es nicht so weit geschafft haben und mit ihren Einkünften nicht klar kommen. Hier handelt es sich keineswegs um eine osteuropäische Spezialität; bemerkenswert ist nur, dass die Negativeinschätzung von den Weißkragenakteuren, die zu viel verdienen und dafür zu wenig tun, am stärksten die Stimmungslage der ungarischen Arbeitnehmer widerspiegelt. Diese Einstellung könnte damit zusammenhängen, dass beide politischen Lager – zunächst das konservative MDF (Ungarisches Demokratisches Forum - MD) und später der Fidesz bzw. auf der anderen Seite die gerade an die Macht zurückgekehrte Koalition aus MSZP (Ungarische Sozialistische Partei - MD) und SZDSZ (Bund Freier Demokraten - MDS) – in den vergangenen zwölf Jahren die Auffassung in den Vordergrund rückten, Arbeitslosigkeit ist eine nötige Begleiterscheinung der Transformation, die man mit mehr (oder besser weniger) staatlicher Hilfe überleben muss.

Somit kam es gleich nach 1990 zu einer ersten Entlassungswelle nie gesehener Ausmaße: Etwa 700.000 Menschen wurden aus Staatsbetrieben auf die Straße gesetzt. Damals boomten Stellenanzeigen mit dem Wunschkandidaten eines 25-Jährigen, der wenigstens zwei Westsprachen beherrscht und fünf Jahre Berufserfahrung für eine Position im mittleren Management mitbringt. Die Mitvierziger jener Zeit traf es noch schlechter, weil ihre Produktionsjahre in der kommunistischen Ära bei der Personalauswahl der multinationalen Unternehmen auf einmal nichts mehr taugen sollten. Die Ausländer mochten glauben, dass die Planwirtschaft wie eine Fäule in den Köpfen wirke, von der sich die angehenden Mitarbeiter selbst mit teuersten Umschulungslehrgängen nicht bereinigen lassen.

In den ersten Jahren der Marktwirtschaft wurden Leute ohne Ausbildung und Sprachkenntnisse, denen die extensive Wirtschaft im Sozialismus wenigstens ein sicheres Auskommen gegeben hatte, mit Vehemenz vom Arbeitsmarkt verdrängt. Die Privatisierung nahm keine Rücksicht auf die Erhaltung von Arbeitsplätzen; die neuen Eigentümer konnten praktisch ungestört machen, was sie wollten. Die Massenentlassungen wurden von den Medien totgeschwiegen, sei es die Lampenfirma Tungsram, die von GE übernommen und abgespeckt wurde, oder die Handelsbanken wie eine MHB, bei der jedem zweiten Angestellten der blaue Brief zugestellt wurde. Heute finden wir kein ungarisches Unternehmen, wo ein höherer Beschäftigungsstand als vor der Wende verzeichnet werden könnte.

Im nachhinein kann man vieles besser wissen, doch ist es eine Tatsache, dass andere Reformstaaten wie die Tschechen oder Polen einen derartigen Stellenabbau nicht zuließen. Die dortigen Regierungen und die maßgeblichen Unternehmer trauten sich nicht zu, was hierzulande mit den lohnabhängig beschäftigten Ungarn massenweise veranstaltet wurde.

Ungarn hat den Schock der Wende auf dem Arbeitsmarkt bis heute nicht verdaut. Auch gegenwärtig ist nur die Hälfte der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter aktiv tätig, während es in Westeuropa häufig 75 Prozent sind. Dabei hat sich im Vergleich zur Situation vor fünf Jahren durchaus schon einiges gebessert.

So gibt es echte Stellenangebote und kann man für netto 50.000 Ft. (ca.198,4 Euro - MD) im Monat ohne Probleme einen Job finden. Doch geht der genauso leicht wieder verloren. Und wer weiter oben steht, wird tiefer fallen. Die Angestellten sind den Umständen hilflos ausgeliefert, werden wie eh und je nicht in die Gestaltung ihres Schicksals eingeweiht. Die Zukunft der Familien hängt an Entscheidungen von Leuten in den dunklen Anzügen, die in den Augen der Erfahrenen als "Grünschnabel" und "Pinguin" erscheinen.

Die schmerzlichen Erlebnisse der letzten zwölf Jahre haben die ungarischen Arbeitnehmer das Urteil fällen lassen, dass ihre Chefs zu viel einstreichen und zu viele Fehler machen, die obendrein für eine unerhebliche Gehaltsverbesserung ihrem Unternehmen ohne Zögern den Rücken kehren. Die Mobilität der Arbeitskräfte mag nützlich sein für den Arbeitsplatzwechsel, behindert jedoch die Herausbildung von Produktionskulturen und großen nationalen Unternehmen. Auch die Ganz-Werke hätten schließlich nie den Welterfolg feiern können, wenn die Mitarbeiter nicht bedingungslos an Talent und Menschlichkeit von Firmenchef Ábrahám Ganz geglaubt hätten. Doch einen Ganz suchen die Arbeitnehmer unter den heutigen Managern offenbar vergeblich. (fp)

  • Datum 10.07.2002
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