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Lebensmittelverschwendung

Zu viel Essen landet in der Tonne

Riesige Mengen Lebensmittel werden grundlos weggeworfen, beklagt das Europaparlament. Viele Europäer verstehen offenbar nicht, was Mindesthaltbarkeit bedeutet. Jetzt gibt es Vorschläge gegen die Verschwendung.

Die Zahlen der Europäischen Union sind gigantisch - und beschämend: Jeder europäische Bürger verschwendet im Jahr durchschnittlich 173 Kilo Essen. Ulrike Müller von den Freien Wählern im Europaparlament hat das umgerechnet: "Jeder Europäer wirft in der Woche fast zwei Kilo Lebensmittel in den Abfall." Wenn das durch verdorbene Ware unvermeidlich wäre, könnte man es noch verstehen, aber das Schlimmste daran ist: Ein Gutteil der weggeworfenen Lebensmittel wäre absolut noch essbar. Leute werfen Essen oft weg, weil sie glauben, es sei ungenießbar, das stimmt aber längst nicht immer.

"In den Industrieländern werden die meisten Lebensmittel am Ende der Versorgungskette verschwendet, nämlich beim Vertrieb und beim Verbrauch. Jeder trägt einen Teil der Verantwortung, um das Problem in den Griff zu bekommen", fasst die Berichterstatterin, die kroatische Sozialdemokratin Biljana Borzan, die Misere zusammen. Die EU hat sich vorgenommen, die Menge weggeworfener Lebensmittel bis 2030 um die Hälfte zu verringern. Das Europaparlament hat der Kommission jetzt eine Reihe von Vorschlägen gemacht, wie man das erreichen könnte.

Falsch verstandenes Haltbarkeitsdatum

Die Vorschläge setzen bei zwei Erkenntnissen an: Einmal, das haben europäische Untersuchungen ergeben, liegt die Verschwendung vor allem an den privaten Haushalten. Unternehmen wie Restaurants oder Kantinen sind entweder besser organisiert, so dass weniger verschwendet wird, oder in Privathaushalten wird einfach insgesamt mehr gegessen. Vielleicht trifft auch beides zu.

Die Europaabgeordnete Ulrike Müller sagt: "Die Verbraucher sind der Schlüssel zum Erfolg. Deshalb müssen wir mehr Bewusstsein für das Problem schaffen, die Ernährungsbildung wieder mehr in den Vordergrund rücken und den Verbrauchern wichtige Informationen besser zugänglich machen." Im Mittelpunkt - das ist die zweite wichtige Erkenntnis - steht bei der Wegwerf-Entscheidung offenbar das Mindesthaltbarkeitsdatum.

Agrarminister wollen Mindesthaltbarkeitsdatum überprüfen lassen (picture-alliance/dpa)

Mindesthaltbarkeitssdatum 16.5. heißt nicht, dass die Milch ab 17.5. ungenießbar wäre

Es hat sich nämlich herausgestellt, dass viele Verbraucher die Angabe der Mindesthaltbarkeit falsch verstehen: Sie glauben, wenn ein Joghurt das Mindesthaltbarkeitsdatum um auch nur einen Tag überschritten hat, er sei verdorben und gehöre auf den Müll. Dabei ist das Datum genau das: ein MINDEST-Haltbarkeitsdatum, nicht eines, nach dessen Ablauf man sich sofort eine Lebensmittelvergiftung holt. Geschmack, Farbe und Konsistenz eines Produkts sind bis dahin und bei richtiger Lagerung voll gegeben. Die englische Bezeichnung "best before" macht es besonders deutlich: Bis dahin sind Qualität und Geschmack "am besten", danach aber immer noch gut.

Kaffee, Nudeln oder Reis künftig ohne Datum?

Das Parlament fordert, die Verbraucher müssten darüber besser informiert werden, es wirft aber auch die Frage auf, ob man auf ein Mindesthaltbarkeitsdatum bei bestimmten Lebensmitteln nicht ganz verzichten sollte. Jan Huitema, niederländischer Landwirt und Abgeordneter der Volkspartei, zitiert mehrere Untersuchungen mit dem Ergebnis: "Wenn man bei lange haltbaren Produkten wie Kaffee, Nudeln oder Reis auf das Haltbarkeitsdatum verzichtet, werden zwölf Prozent weniger verschwendet."

Außerdem möchte die große Mehrheit des Parlaments, dass die Mitgliedsstaaten Lebensmittelspenden von der Mehrwertsteuer befreien, damit Unternehmen einen Anreiz haben, weniger wegzuwerfen.

Deutschland Startup eröffnet Restaurant gegen Lebensmittelverschwendung (picture-alliance/dpa/P. Zinken)

Der Name ist Programm: das Berliner Restaurant "Restlos glücklich"

"Zu gut für die Tonne"

Doch es tut sich etwas. Es gibt immer mehr kleinere und größere Projekte, die nicht nur das Problem erkannt haben, sondern wirklich etwas dagegen unternehmen. Deutschlands Ernährungsminister Christian Schmidt vergab kürzlich zum Beispiel den "Zu-gut-für-die-Tonne"-Preis der Kategorie Produktion an die Initiative "Knödelkult". Sie produziert Knödel aus nicht verkauftem Brot lokaler Bäckereien.

Die Handelskette Edeka Südwest bekam den Preis in der Kategorie Handel für ihre "Warenbörse". Darüber bietet die Firma per Intranet ihren Verkaufsmärkten Artikel mit verkürztem Mindesthaltbarkeitsdatum oder schnell verderbliches Obst und Gemüse zu geringeren Bezugspreisen an. Und das Berliner Restaurant "Restlos Glücklich" gewann in der Kategorie Gastronomie. "Restlos glücklich" bereitet seine Gerichte aus aussortierten Lebensmitteln zu.

Es sind solche Ideen, die auch die EU dankbar aufgreift. Sie sollen den Berg an Essensresten vermindern, die großangelegten Gesetzesinitiativen aus Brüssel ebenso wie die Projekte auf lokaler Ebene, die ihren Beitrag leisten, damit weniger wertvolles Essen in der Mülltonne landet.

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