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Ostmitteleuropa

Zu spät geboren

– Junge Absolventen haben schlechte Chancen auf dem polnischen Arbeitsmarkt

Posen, 21.9.2003, WPROST, poln.

Noch vor wenigen Jahren haben frisch gebackene Absolventen der Informatik ein Monatsgehalt in Höhe von 3 000 bis 4 000 Zloty (etwa 830 bis 1100 Euro) verlangt. Heute, nachdem die geburtenstarken Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängen, sind sie sogar mit 1 500 (ca. 415 Euro) Zloty zufrieden.

Aus den Untersuchungen des Meinungsforschungsinstituts SMG/KRC geht hervor, dass sich die meisten der diesjährigen Hochschulabsolventen die Höhe ihres ersten Gehaltes durchschnittlich mit 1 100 Zloty (ca. 305 Euro) vorstellen.

"Ich wäre aber am Anfang auch mit 500 Zloty (etwa 140 Euro) im Monat zufrieden", sagt Sylwia Gontarek, Studentin im sechsten Semester an der Hochschule für Handel und fügt hinzu: "Zwei Drittel davon würde ich für die Miete im Studentenheim ausgeben und den Rest für Lebensmittel. Wir müssen unsere Vorstellungen nach unten korrigieren, weil wir in solch einer Zeit leben. Manchmal wird sogar das Gehalt bis auf Null reduziert." (...)

Miroslaw Gawlik, einer der Inhaber der Werbeagentur Tuba in Warschau, konnte den eigenen Ohren nicht trauen, als im vergangenen Sommer zu ihm zwei junge Leute kamen und sagten, dass sie für ihre Arbeit überhaupt kein Geld bekommen möchten: "Vor zehn Jahren, als uns ein Bekannter aus Amerika erzählte, dass man in der Werbebranche dort umsonst arbeitet, haben wir schallend gelacht. Aber jetzt ist es auch bei uns ähnlich", sagt Miroslaw Gawlik

Etwa neun Prozent der jungen Polen im Alter zwischen 19 und 26 Jahren haben bereits ihre Erfahrungen als Praktikanten bei Firmen und privaten Organisationen gesammelt. Aus den Untersuchungen des Institutes SMG/KRC geht hervor, dass fast 40 Prozent der Befragten eine Arbeitsaufnahme ohne Entlohnung in Erwägung ziehen, d. h. fast zwei Millionen Personen.

Leute, die ohne Lohn arbeiten, kann man nicht nur bei berühmten privaten Firmen finden, sondern auch in Krankenhäusern: "Das sind zwar nur Einzelfälle, aber es kommt vor, dass die ambitionierten Medizinstudenten an einem Krankenhauspraktikum mehr als am Geld interessiert sind", sagt Dr. Barbara Miedzierska vom Krankenhaus des Innenministeriums in Warschau.

"Es ist doch nichts Schlimmes daran, wenn ein Absolvent kurze Zeit gratis arbeitet", sagt Pawel Garas, ein Abgeordneter der Partei Bürgerplattform, dessen Krakauer Büro Dutzende von Personen aufsuchen, die eine Beschäftigung finden möchten, und fügt hinzu: "Es ist doch klar, dass sie am Anfang keinen Gewinn für die Firma bringen und dass es viel Zeit in Anspruch nimmt, sie auf die Ausübung eines Berufes vorzubereiten". Der Abgeordnete Garas initiierte die Vorbereitungen des Gesetzesentwurfes über Praktika für Absolventen, in dem vorgesehen ist, die Betroffenen dem Schutz zu entziehen, der ihnen durch das Arbeitsrecht gewährt wird. In diesem Entwurf sind keine Belastungen für den Arbeitgeber vorgesehen und ein eventuelles Gehalt kann nur zwischen den beiden Vertragspartnern d. h. zwischen dem Arbeitgeber und dem Praktikanten ausgehandelt werden. Dieser Entwurf ähnelt dem Gesetz, das z. Z. in Frankreich gilt (...)

"Wir beobachten eine Rückkehr zu den Beziehungen zwischen dem Lehrling und dem Meister, die schon seit dem Mittelalter bekannt sind. Warum soll der Arbeitgeber eine Person bezahlen, von der nicht einmal bekannt ist, ob sie imstande sein wird, irgendetwas für die Firma zu verdienen?", sagt Grzegorz Wlazlo, ein Jurist, der den Gesetzentwurf für die Partei Bürgerplattform vorbereitet hat. Die Mehrheit der Schulabsolventen verfügt nicht einmal über die einfachsten Berufskenntnisse. Dies betrifft sowohl die Absolventen von Berufs- als auch von Hochschulen. (...)

"Die jungen Leute werden mit Theorie vollgestopft, aber das ist zu wenig", sagt Zbigniew Hojka, der strategische Direktor der ING Gruppe und fügt hinzu: "Früher musste man in mühsamen Gesprächen herausfinden, was die Leute wirklich können. Heute muss man alles, was sie sagen, durch ein Sieb schütten. Sie tun mir leid, weil sie zu spät geboren wurden. Vor zehn Jahren wurde ich zum strategischen Direktor bei der Bank Slaski ernannt, obwohl ich "von der Straße" kam. Wenn ich mich heute bewerben müsste, hätte ich es mit meinem damaligen Wissen nicht einmal zum Kassierer geschafft."

Die Besten kommen aber doch über die Runden: "Der Wettlauf um einen guten Praktikumsplatz beginnt schon im vierten Semester. Wer bis zum sechsten Semester noch keine Berufserfahrung gesammelt hat, wird von den anderen als ein Verrückter angesehen", sagt Sylwia Gontarek (...)

"Die Absolventen bemühen sich tatsächlich mehr um einen Job als ihre Kollegen noch vor einigen Jahren", sagt Agata Wasowska-Kapler, Personalmanagerin bei der Firma Pricewaterhouse Cooper.

"Die neuen Bewerber sind entschlossener, selbstbewusster und konkreter. Das Praktikum darf sich nicht darauf begrenzen, dass der Praktikant keine Aufgaben hat und seine Arbeit auf das Tragen von Dokumenten beschränkt wird. Jedes Mal soll eine Prüfung der praktischen Kenntnisse stattfinden. Unter den Studenten haben diejenigen die besten Chancen, die die Möglichkeit haben, im Westen ihr Praktikum zu absolvieren", sagt Stanislawa Goleniowska von der Jagiellonen Universität in Krakau. (...)

"Anstatt nach "Vitamin B" zu suchen, sollen die jungen Leute das Risiko eingehen und ihren Zukunftsberuf praktisch erlernen. und zwar überall dort, wo es nur möglich ist. Sie sind auf sich alleine gestellt. Die Situation auf dem Arbeitsmarkt war zwar schon viel besser gewesen, aber um heute in die Zukunft zu investieren, muss man vorgestern anfangen", sagt Grzegorz Plucinski, von der Firma Ernst&Young. (Sta)

  • Datum 23.09.2003
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