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Bücher

"Zu einem Mord ist jeder imstande"

Deutsche Gegenwartsautoren werden im Ausland wieder beliebter. Beflügelt hat diesen Wandel besonders Juli Zeh. Nach ihrem gefeierten Debütroman und einem zweiten Buch legt die 33-Jährige jetzt ihren ersten Krimi vor.

Buchcover Schilf (Quelle: Schöffling)

"Deutschland wird sexy" so titelte neulich die Branchenzeitschrift für den deutschen Buchhandel, das "Börsenblatt". Gemeint ist, dass deutsche Gegenwartsautoren wieder eine Chance auf dem angloamerikanischen Buchmarkt haben. Lange Zeit galten ihre Bücher dort als "zu dunkel, zu schwerfällig und völlig humorfrei". Jetzt ist ein Imagewandel im Gange und eine Autorin, die dabei Pionierarbeit geleistet hat, ist Juli Zeh. Die beiden Romane der heute 33-Jährigen sind mittlerweile in 28 Sprachen übersetzt. Auch für ihren neuen aus diesem Herbst sind die Rechte – laut ihrem Verlag Schöffling & Co. – schon in die USA, nach England und drei weitere Länder verkauft. Er heißt "Schilf", ist ihr erster Kriminalroman und behandelt, wie alle ihre Bücher, die Themen Gerechtigkeit und Moral.

Mord ist eine Verhaltensoption

Porträt Juli Zeh (Quelle: dpa)

Juli Zeh: Die Autorin und die Juristin beschäftigen sich mit einer Frage der Moral

Juli Zeh, eine schlanke Frau mit Jeansjacke, dunklen, mittellangen Haaren und hellblauen Augen, wirkt ausgelassen. Das Make-up ist nicht ihr eigenes, sondern das Überbleibsel eines Fernsehauftritts. Von Stress aber keine Spur. Die 33jährige Schriftstellerin ist schon das Medieninteresse gewohnt, das entsteht, wenn ein neues Buch von ihr erscheint. Diesmal ist es ein Krimi. Mord interessiert sie, juristisch ebenso wie moralphilosophisch:

"Ich glaube, das ist einfach eine Option menschlichen Verhaltens, auch wenn wir immer denken, zu so etwas wären wir nie imstande. Ich habe das Gefühl, jeder ist dazu im Stande. Selbst beim gebildetsten Menschen können Umstände auftreten, die ihn eben doch dazu verleiten, zu diesem allerletzten Mittel zu greifen."

Es ist kein Zufall, dass Juli Zeh ihren Krimi "Schilf" in der Universitätsstadt Freiburg angesiedelt hat.

"Freiburg ist für mich eine Stadt, die das Heile-Welt-Bild perfekt verkörpert, wo also nur gute und glückliche Menschen leben, ökologisch korrekt und all das. Grad in solch einer Umgebung einen relativ perfiden Mordfall anzusiedeln, der moralisch bis an die Grenze geht, die Menschen anspannt und zermürbt, fand ich gut als Kontrast."

Juristin und Autorin blicken auf die Moral

Buchcover Adler und Engel (Quelle: btb)

Ihr Debütroman machte sie 2001 schlagartig bekannt

Vor acht Jahren hatte sie einen Freund aus Freiburg und verbrachte deshalb einige Wochen am Stück in der Stadt. Allerdings nur in den Semesterferien. Damals studierte sie nämlich noch Jura und Kreatives Schreiben in Leipzig. 2001 dann wurde Juli Zeh schlagartig bekannt: mit ihrem Debütroman "Adler und Engel". Der hat den Balkankrieg ebenso zum Thema wie die Problematik des Völkerrechts, ein Thema, über das Juli Zeh gerade ihre Doktorarbeit schreibt. Im ersten wie im zweiten Roman ("Spieltrieb") geht es um die Frage der Moral:

"Es ist einfach nicht so, dass ich nur Juristin bin, weil ich diese Ausbildung gemacht habe, sondern ich identifiziere mich da auch mit bestimmten Fragen, die mich persönlich sehr interessieren. Die Frage, was wir als falsch empfinden und was als richtig, ist eine der zentralsten Fragen für die Menschen überhaupt. Und da ich immer das in Texten verarbeite, womit ich mich persönlich viel beschäftige, kommt das immer auch in die Bücher hinein."

So wie die Frage: Wie stark wiegt die Schuld, wenn ein Mann erpresst wird und einen Mord begeht, um seinen entführten Sohn zu retten?

"Da kommt es manchmal auch dazu, dass Richter eine Entscheidung treffen, die vielleicht juristisch sogar falsch ist oder zumindest auf ganz wackligen Füßen steht. Aber jeder, der die Entscheidung liest, würde sofort wissen, warum die das gemacht haben. Das Gefühl sagt einfach: 'Man kann den nicht verurteilen. Er ist nicht schuld.' Und das Recht muss dann aber ganz stark verbogen werden, um zu dieser Entscheidung zu kommen."

Der Fluch der dritten Person

Juli Zeh, die Tochter eines Juristen und bekennende Hundeliebhaberin, macht sich unter anderem für den Tierschutz stark. Klingt nach der perfekten Frau. Aber auch sie hat so einige Macken in ihrem Leben gehabt, erzählt Juli Zeh grinsend:

"Ich hatte ganz lange in meinem Leben – ich glaube, bis ich erwachsen war – die Angewohnheit, von mir selbst in der dritten Person zu denken. Und das ist unglaublich anstrengend. Wenn andere Leute vielleicht denken: 'Ich muss mal kurz über die Straße und da drüben noch etwas kaufen’, dann habe ich immer gedacht: 'Sie musste noch kurz über die Straße und da drüben etwas kaufen'. Das lag wahrscheinlich am zu vielen Lesen, oder so. Ich hab schon als Kind damit angefangen und habe das wirklich als einen Fluch empfunden."

Den Tick konnte sie ablegen. Jetzt hat sie ihn an Schilf, den Kommissar ihres neuen Romans, weitergegeben.

Juli Zeh: Schilf. Roman. Schöffling & Co. 2007. 380 Seiten. Preis: 19,90 Euro.

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