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Kultur

Zu Besuch am Geburtsort des WWW

Vor 50 Jahren wurde Europas größtes Forschungszentrum, das CERN, gegründet. Eine der populärsten Erfindungen des CERNs ist eigentlich nur ein Nebenprodukt: das World Wide Web.

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Der erste Web-Server des CERN

Das Kürzel CERN steht für Conseil "Européen pour la recherche nucléaire" - auf Deutsch "Europäischer Rat für Kernforschung". Heute heißt das Institut offiziell "Europäisches Laboratorium für Teilchenphysik", doch die alte Abkürzung ist geblieben. Mit seinen 3000 Mitarbeitern ist es das größte Forschungszentrum für Teilchenphysik der Welt. Etwa 6500 Gastwissenschaftler - das ist die Hälfte aller Teilchenphysiker weltweit - nutzen die einmaligen Anlagen für ihre Arbeit.

Die Forschungseinrichtungen liegen auf der Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz - im Westen der Stadt Genf. Hier suchen die Wissenschaftler nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, nach den Ursprüngen des Kosmos. Bei diesen Experimenten werden oftmals Verfahren und Techniken entwickelt, die weit über die Kernforschung hinaus Bedeutung erlangen. So wird die populärste Errungenschaft des CERN heute von weltweit mehr als 700 Millionen Menschen benutzt: das World Wide Web.

Wenig Pomp, viel Geist

Gäbe es einen Nobelpreis für Informatik, so hätte ihn sicher Tim Berners-Lee bekommen, der Schöpfer des WWW. Bis 1990 war das Internet ein kompliziert zu bedienendes Kommunikationsmedium, das einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern und Militärs vorbehalten war. Berners-Lee machte es zusammen mit seinem Kollegen Robert Caillau zu einem demokratischen Massenmedium.

Robert Cailliau porträtfoto 1995 CERN

Robert Cailliau (Aufnahme aus dem Jahr 1995)

Während Tim Berners-Lee mittlerweile CERN verlassen hat und Direktor des World-Wide-Web Konsortiums in Boston ist, arbeitet Robert Caillau noch immer bei CERN. Der Weg zum Miterfinder des WWW führt durch niedrige dunkle Flure, an der Decke führen mehrere Rohre entlang. Sein Büro ist klein, bescheiden und der Schreibtisch quillt über mit Papieren, es sieht so aus wie in fast jedem Büro im CERN, sei es bei einem Nobelpreisträger oder bei einem einfachen Techniker.

Zusammen denken macht stark

Am Anfang des Web standen Überlegungen, wie man mehreren hundert an einem CERN-Projekt beteiligten Forschern bestimmte Computerdaten zugänglich machen konnte. "Wenn du vor deinen Computer sitzt und versuchst, die Daten deiner Experimente zu speichern und du weißt, ein Teil der Daten ist auf dem Computer, und ein anderer Teil auf dem Computer von jemandem anderem, dann brauchst du eine Möglichkeit, um beide miteinander zu verbinden. Denn sonst müßtest du immer bei dem anderen anrufen, um die Informationen zu bekommen", erzählt Robert Caillau.

Ziel war es, eine Sprache, einen Modus zu entwickeln, den alle verstehen und benutzen konnten, um so die unterschiedlichsten Informationen miteinander zu vernetzen. "Es ging einfach nur darum, dass einer festlegt: Wir einigen uns auf diese Konventionen, dann können wir alles miteinander verbinden. Das ist, was zum Web geführt hat, die Festlegung auf die Computersprache 'html', das Protokoll 'http' und dann wähle ich mich über 'www' ein", fasst Caillau zusammen. "In dem Augenblick, wo man sich auf diese Konvention geeinigt hatte, war alles miteinander vernetzt."

Cern Genf Hauptgebäude

CERN-Hauptgebäude in Genf

Doch recht bald kam dann auch die Entscheidung, dieses fantastische Werkzeug nicht nur den CERN-Mitarbeitern, sondern der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen - aus rein pragmatischen Überlegungen. "Wir standen vor dem Problem, wer das WWW in Zukunft pflegen würde. Wenn wir es aus der Hand gäben, so unsere Hoffnung, dann würden sich bestimmt Firmen finden, die Browser, Service-Möglichkeiten zur Verfügung stellen würden. Dass es viele Leute in den Informatikzweigen der Universitäten geben würde, die das Web weiterentwickeln würden. Und so würde sich ganz von selbst eine Gemeinschaft ergeben, die das Web am Leben erhält und weiterbringt."

"Manche wissen bis heute nichts damit anzufangen"

Auch wenn es bestimmte Risiken birgt: Das World Wide Web ist aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken, es war sicherlich eine der folgenreichsten Erfindungen der letzten Jahrzehnte. Robert Caillau könnte heute ein reicher Mann sein, wenn er und Tim Berners-Lee ein Patent für ihre Erfindung angemeldet hätten. Doch, so stellt sich diese Frage einfach nicht, sagt Caillau: "Wenn wir für eine privates Institut gearbeitet hätten, dann hätten wir das World Wide Web nie erfunden. Das Web konnte nur in einem solchen offenen, nicht kommerziellen Rahmen erdacht und ausgearbeitet werden."

Immerhin ist Tim Berners-Lee für die Erfindung des Web mehr als zehn Jahre später mit dem mit einer Million Euro dotierten ersten Millenium-Technologie-Preis ausgezeichnet worden. Eine verdiente, aber zu späte Anerkennung, findet Robert Caillau: "Warum haben Sie so lange gebraucht, um das zu honorieren? Wir haben viele Preise von Kulturorganisationen für die Erfindung des WWW bekommen. Und das fand ich schon erstaunlich, dass Künstler viel eher als die wissenschaftliche Gemeinschaft erkannt haben, wie wichtig diese Erfindung war. Die Medien haben Jahre gebraucht, um zu erkennen, worum es hier geht, manche Politiker haben es bis heute nicht begriffen."

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