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Politik & Gesellschaft

"Zu Besorgnis besteht kein Anlass"

In der DDR wurde über Tschernobyl nur spärlich informiert. Der Unfall passte nicht ins Bild von der hochgelobten sowjetischen Technologie. Die Bevölkerung hörte aber Westsender und verzichtete auf frisches Gemüse.

Der Sozialismus ist die beste Prophylaxe. Losung vor einer Poliklinik in Zwickau, 1981 Foto aus der Austellung Die heile Welt der Diktatur

Losung vor einer DDR-Poliklinik in Zwickau (Foto aus: "Die heile Welt der Diktatur")

Es ist am 28. April, kurz vor 20 Uhr, als das DDR-Fernsehen erstmals über das Unglück in Tschernobyl informiert: "Wie TASS meldet, hat sich im Kernkraftwerk Tschernobyl in der Ukraine eine Havarie ereignet. Einer der Kernreaktoren wurde beschädigt. Es wurden Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen der Havarie eingeleitet. Den Betroffenen wird Hilfe erwiesen."

Die Eilmeldung der Moskauer Nachrichtenagentur TASS ist die offizielle Bestätigung von Gerüchten, die in den Westmedien schon seit Stunden zirkulieren und natürlich auch von den Ostdeutschen verfolgt werden. Auch in den folgenden Tagen erfahren diese im Westfernsehen und sogar in der Sowjetpresse mehr, als in den eigenen zentral gesteuerten Medien, erinnert sich der Physiker Sebastian Pflugbeil: "Da gab es einmal ein paar Zahlen, und dann nie wieder Zahlen in den Medien, und die üblichen beruhigenden Äußerungen von willigen Fachleuten." Die interessanten Informationen, sagt der Fachmann, habe er damals aus der Moskauer "Prawda" bezogen. Es sei das erste Mal für ihn lohnend gewesen, das sowjetische Parteiorgan zu lesen.

Porträt von Sebastian Pflugbeil, Physiker

Sebastian Pflugbeil: "Das war eine böse Geschichte"

"Üble Hetzkampagne"

Unter dem verinnerlichten Motto "Sowjetisches Atom ist gutes Atom" übertreffen manche DDR-Wissenschaftler in jenen Tagen noch ihre sowjetischen Kollegen darin, die Katastrophe herunterzuspielen. Vier Tage nach Unglück, das - wie später bekannt wird- durch eine verheerende Kombination von Leichtsinn und zu schwachen Sicherheitssystemen ausgelöst wurde, erklärt der prominente Kernphysiker Karl Lanius im DDR-Rundfunk: "Die Sicherheitsvorkehrungen, die wir aus persönlicher Erfahrung in sowjetischen Anlagen kennen, sagen uns, dass irgendwelche schwachen Sicherheitssysteme, menschliches Versagen in breitem Maße, Unfähigkeit oder so etwas nur eine üble Hetzkampagne sind."

Was in der DDR zu lesen, zu hören und zu sehen sein darf, lässt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Die sowjetischen Genossen haben alles im Griff, alles andere ist Propaganda des Klassenfeindes.

So erfahren die Ostdeutschen nicht, dass sich nach einem Gewitter in der Magdeburger Gegend Anfang Mai die Strahlenbelastung am Boden auf das Hundert- bis Tausendfache der natürlichen Belastung erhöht. Und sie erfahren natürlich auch nicht, dass in manchen Gegenden die Milch so hoch belastet ist, dass sie mit anderer Milch gemischt wird, um die Grenzwerte zu unterschreiten.

Viele Daten, aber nicht fürs Volk

Die Messungen des Staatlichen Amtes für Strahlenschutz bleiben geheim, auch für Physiker Pflugbeil, der wegen seiner atomkritischen Einstellung unter Beobachtung des Staatssicherheitsdienstes steht: "Die haben tatsächlich gemessen wie die Teufel, und systematischer gemessen als das in der Bundesrepublik der Fall war. Aber das wurde eben nicht publik gemacht."

Die Regierung weiß zum Beispiel von tausend Prozent Überschreitung der Grenzwerte bei radioaktivem Jod in der Milch im Bezirk Cottbus, von wo Berlin einen großen Teil der Milch bezog. Aber diese Berichte enden stets mit der lakonischen Feststellung, dass es nicht erforderlich sei, die Bevölkerung zu informieren und irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Die in den Medien veröffentlichten Meldungen kommen in jenen Tagen meist direkt aus dem Zentralkomitee der SED und sind von den Journalisten unverändert zu übernehmen.

Tabu: "Strahlende Sieger"

39. Friedensfahrt 1986: Ankunft in Kiew wenige Tage nach dem Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl - 06.05.-09.05.1986. ullstein bild - Nowosti

Friedensfahrer in Kiew 1986: Keine "strahlenden Sieger"

Unvergessen ist, dass die DDR wenige Tage nach dem Atomunfall ihre Radsportler zum Start der "Friedensfahrt" ins 130 Kilometer von Tschernobyl entfernte Kiew schickt. Die DDR-Sportreporter werden instruiert, auf gar keinen Fall den sonst gerne gebrauchten Begriff "strahlende Sieger" zu verwenden.

Blattsalat nicht westtauglich

Das Volk wundert sich über das plötzlich so reichhaltige Obst- und Gemüseangebot in den Läden, erfährt aber aus dem Westradio, dass man dortzulande einen Einfuhrstopp für diese Produkte aus dem Osten verhängt hat. Daran habe man sich auch orientiert, sagt Pflugbeil, "wir verzichteten ebenfalls auf Gemüse und gaben den Kindern keine frische Milch". Man habe aber erleben müssen, dass zum Beispiel Blattsalat, der nicht mehr absetzbar war, an Schulküchen geliefert dort den Kindern vorgesetzt wurde: "Das war natürlich eine böse Geschichte, die uns sehr verärgert hat. Das ist so ein Detail, das man nicht vergisst."

Blick in die Reaktorsäle 1und 2 der Energiewerke Nord am 15.08.2003 im ehemaligen Kernkraftwerk Lubmin bei Greifswald.

Demontiert: Das Atomkraftwerk Greifswald

Man müsse vermuten, sagt Physiker Pflugbeil, dass die Politik des systematischen Verharmlosens der Tschernobyl-Katastrophe durch die DDR-Führung auch gesundheitliche Spätfolgen hatte und hat. Im Einzelfall nachweisbar sei das aber kaum.

Die Zeitschrift "Superillu" berichtete im März 2011 über das tragische Schicksal von acht Arbeitern, die 1986 im VEB Kraftverkehr Mühlhausen ohne Schutzkleidung Hunderte verstrahlte Lkw wuschen. Sieben Mitglieder der achtköpfigen Putzkolonne seien mittlerweile an Krebs gestorben, bevor sie das 60. Lebensjahr erreichten.

Die Umweltbewegung in der DDR fühlte sich durch die Tschernobyl-Katastrophe bestärkt in ihrer Kritik am Bau und Betrieb von Atomkraftwerken. Der Physiker Sebastian Pflugbeil hatte mit seinen Recherchen wesentlichen Anteil daran, dass das DDR-Kernkraftwerk sowjetischen Typs in Lubmin bei Greifswald 1990 noch vor der deutschen Einheit abgeschaltet wurde.

Autor: Bernd Gräßler
Redaktion: Hartmut Lüning