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Deutschland

Zschäpe nutzt Gerichtssaal als Bühne

Gleich zum Auftakt ist der NSU-Prozess ins Stocken geraten. Nach zwei Befangenheitsanträgen der Verteidigung setzte das Gericht die Verhandlungen bis Mitte Mai aus. Bis dahin glich der Gerichtssaal einer großen Bühne.

Die Angeklagte Beate Zschäpe (rechts) steht zum Prozessauftakt am 06.05.2013 im Gerichtssaal in München (Bayern) (Foto: Peter Kneffel/dpa)

Erster Tag NSU-Prozess

Es ist ein friedlicher Morgen in München. Die Vögel zwitschern und die Luft duftet noch nach dem Regen, der in der Nacht über der Stadt an der Isar gefallen war. Halb fünf zeigt die Uhr, als sich die zwei Warteschleusen vor dem Justizpalast, eine für Journalisten, eine für Bürger, langsam zu füllen beginnen. Einer jedoch war schon viel früher da als alle anderen: Es ist der Münchner Malermeister Helmut S. Der 68-Jährige wartet schon seit Sonntagmittag um 13.30 Uhr geduldig vor dem Eingang am Oberlandesgericht München auf Einlass zum NSU-Prozess. "Ich will unbedingt verhindern, dass die Neonazis hier reinkommen. Dann lieber ich", bekennt der rüstige Antifaschist mit dem bayerischem Zungenschlag.

Porträt von Richter Manfred Götzl (Foto: REUTERS/Michael Dalder)

Manfred Götzl: Vorsitzener Richter im NSU-Prozess

An Schlafen oder Sitzen war den ganzen Tag und die ganze Nacht über nicht zu denken. Denn schon ab 16 Uhr gesellten sich weitere Bürger zu Helmut S. Gegen den Hunger ist er jedoch bestens gerüstet. In einem blauen Jutesäckchen befinden sich 400 Gramm Wurst, vier Semmeln, acht Nussschnecken und jede Menge Kaffee. Vorgedrehte Zigaretten einer preisgünstigen No-Name-Marke, von denen hatte er 120 dabei gehabt. Jetzt um halb fünf sind es noch 60. Die andere Hälfe liegt als Kippen unten am Boden zwischen den gelben Absperrungen. Und wenn er mal einem Bedürfnis nachgehen musste? "Dann bin ich einfach um die Ecke dort", zeigt Helmut S. auf ein Gebüsch, das sich neben dem Eingang zum Gericht befindet.

Münchener Malermeister wird zum gefragten Interview-Partner

Gegen sieben Uhr, als immer mehr Kamerateams von den zahlreichen Morgen-TV-Shows der Fernsehsender von ARD bis ZDF auftauchen, ist der Malermeister mit der dicken braunen Cordjacke, dem fahlen Gesicht und der Raucherstimme schon ein waschechter Medienstar. Jeden von den Hunderten wartenden Journalisten hat die Kunde vom ersten seit gestern 13.30 Uhr wartenden Besucher erreicht, und alle interviewen sie ihn nun hintereinander.

Ein paar Stunden später, um kurz nach zehn Uhr, als die Hauptangeklagte Beate Zschäpe (38) in den Schwurgerichtssaal am Oberlandesgerichts geführt wird, sitzt Helmut S. im Zuschauerbereich neben einem Herrn, der sein Opernglas mitgebracht hat, mit dessen Hilfe er jede Mimik, jede Gestik, jedes kontrollierte oder unkontrollierte Naserümpfen Zschäpes studiert. Und die Mimik und Gestik, die der Prozessbeobachter durch sein schwarzes Opernglas erspäht, ist gelöst und entspannt. Die mutmaßliche Terroristin lacht und scherzt vor den entrüstet dreinblickenden 80 Opfer-Angehörigen, die als Nebenkläger auftreten und deren Gesichter und Blicke im besten Falle Unverständnis ausstrahlen. Unverständnis darüber, wie eine des zehnfachen Mordes Angeklagte vor den Opfer-Angehörigen so unbeschwert auftreten kann.

Die Hauptangeklagte Beate Zschäpe betritt den Gerichtssaal (Foto: REUTERS/Michael Dalder)

Im Fokus des Medieninteresses: Hauptangeklagte Beate Zschäpe

Wie im Theater - Zschäpe und die Presse

Fast könnte man meinen, so fröhlich, heiter, locker, der ganzen Welt offen zugewandt und vor Selbstbewusstsein strotzend wie Beate Zschäpe den Schwurgerichtssaal betritt, dass hier eine Darstellerin eine Bühne betritt. Und wenn es ein Helmut S. in den 15 Stunden seines Anstehens vor dem Gericht schon zu einem lokalen Medienstar geschafft hat, dann ist das auch Beate Zschäpe in den 20 Monaten, die seit dem Auffliegen des NSU vergangen sind und in denen unzählige Coverstorys über sie erschienen sind, gelungen.

Und je mehr sie sich an diesem Morgen, der schon seit Wochen und Monaten zu dem sehnlichst erwarteten Beginn eines historischen Prozesses hochgeschrieben wurde, den Fotografen entzieht, umso mehr verrenken sich die Fotografen und suchen nach Wegen, um ein Foto von ihr zu bekommen. Beate Zschäpe betritt nämlich mit dem Rücken zu den Fotografen die große Bühne des Schwurgerichtssaals und wird sich nicht ein einziges Mal herumdrehen zu den Dutzenden Pool-Fotografen- und Kameramännern in der Mitte des Saals.

"Bildung einer terroristischen Vereinigung"

Der Mitangeklagte André E. versteckt sein Gesicht hinter Akten (Foto: REUTERS/Michael Dalder)

Der Mitangeklagte André E.

Erst als die Bildjournalisten auf Anweisung des Richters den Saal verlassen müssen, wird Zschäpe sich umdrehen. Als daher immer mehr Fotografen durch die Bänke und über die Stühle der Sachverständigen, Nebenkläger, Dolmetscher und Protokollanten zu turnen beginnen, um auf Neben- und Umwegen zumindest ein Profilbild von ihr zu bekommen, da bilden ihre Anwälte Wolfang Stahl, Wolfgang Heer und Anja Sturm eine Burg um sie. Bis einige der 30 uniformierten Polizisten im Saal dem Trio zur Hilfe eilen und die Fotografen deutlich und lautstark zurückweisen. Den anderen vier "wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung" Angeklagten, so steht es auf dem offiziellen Aushang des Gerichts am Eingang, ist ihre Erleichterung deutlich anzumerken, dass nicht sie es sind, die all die Aufmerksamkeit der Bildjournalisten auf sich ziehen.

Prozess bis zum 14. Mai unterbrochen

Polizisten stehen am vor dem Gericht in München (Foto: Karl-Josef Hildenbrand dpa)

Hochsicherheitsbereich: Hunderte Polizisten waren vor dem Gericht im Einsatz

Da ist der NDP-Funktionär Ralf Wohlleben (38), der hochkonzentriert und von all dem Wirbel um sich herum unberührt bleibt und in Seelenruhe Akten studiert. Er trägt einen Kurzhaarschnitt und ein elegantes Hemd mit anthrazitfarbenen Streifen. Da ist der Neonazi Carsten S. (41), der seine beiden Hände ineinander legt, als wolle er beten. Er sieht mit seinem hellblauen Hemd und dem schwarzen bis in die Stirn fallenden Haar jünger aus als Anfang 40. Das ist der angebliche Aussteiger aus der rechtsradikalen Szene, Holger G. (38), der ein dunkelblaues Sakko zu hellblauer Jeans trägt und unbeweglich hinter der Anklagebank sitzt. Und da ist die wuchtige Erscheinung des Neonazis André E. (33), der seine Arme vor der Brust verschränkt und dessen Handknochen an beiden Händen mit hässlichen Vokabeln tätowiert sind.

Aber diese vier Männer sind neben Beate Zschäpe nur die Statisten im Stück NSU-Prozess, das der Vorsitzende Richter am Oberlandesgericht Manfred Götzl an diesem Tag angesetzt hat.

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