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Deutschland

Zschäpe hofft auf freien Donnerstag

Heute ist es soweit: Die lange erwartete Erklärung der Hauptangeklagten Beate Zschäpe im NSU-Prozess soll verlesen werden. Sie selbst will nicht sprechen und Fragen beantwortet sie nur zu ihren Bedingungen.

"Frau Zschäpe, wie geht es Ihnen?", fragt Manfred Götzl am Dienstag zu Beginn des 248. Verhandlungstages im NSU-Prozess vor dem Münchener Oberlandegericht. Der Vorsitzende Richter hat anscheinend Anlass, sich nach dem Befinden der Hauptangeklagten zu erkundigen. Sie habe kürzlich einen Nervenzusammenbruch erlitten, hatte "Spiegel Online" tags zuvor spekuliert. Zschäpes Pflichtverteidiger Mathias Grasel bestätigte dieses Gerücht allerdings nicht. Als seine Mandantin im anthrazitfarbenen Hosenanzug den Sitzungssaal A 101 betritt, wirkt sie erschöpft. Trotzdem signalisiert sie Götzl, dem Geschehen folgen zu können.

Was Zschäpe sagt, ist auf der voll besetzten Zuhörer-Tribüne, nicht zu verstehen. "Gut", sorgt Grasel im Namen seiner Mandantin für Aufklärung. Der Münchener Anwalt vertritt die 40-Jährige erst seit Juli als vierter Pflichtverteidiger. Mit den drei anderen vom Staat bezahlten Anwälten - Wolfgang Heer, Wolfgang Stahl und Anja Sturm - kommuniziert Zschäpe schon seit Monaten nicht mehr. Anders verhält es sich mit ihrem seit kurzem offiziell tätigen Wahlverteidiger Hermann Borchert. Der will am Mittwoch erstmals neben Zschäpe im Gerichtssaal Platz nehmen.

Nebenkläger-Anwalt Scharmer spricht von "Kaffeesatzleserei"

Sebastian Scharmer , Nebenkläger-Anwalt im NSU Prozess (Foto: DPA)

Sebastian Scharmer und seine Mandantin Gamze Kubasik erwarten von Beate Zschäpe keine Aufklärung

Wer Grasels Kanzlei-Kollegen bezahlt, ist nicht bekannt. Über Zschäpes Antrag, Borchert ebenfalls als Pflichtverteidiger zu bestellen, muss der Strafsenat unter seinem Vorsitzenden Götzl noch entscheiden. Das Verwirrspiel um ihre Verteidigung nimmt inzwischen groteske Züge an. Entpflichtungsanträge des seit dem ersten Prozess-Tag tätigen Trios Heer, Stahl und Sturm wurden abgelehnt. Ob die drei von ihren Kollegen Grasel und Borchert in die geänderte Prozess-Strategie eingebunden wurden, lässt Heer am Dienstag offen: "Dazu werde ich mich nicht äußern."

Als "Kaffeesatzleserei" bezeichnet Nebenkläger-Anwalt Sebastian Scharmer die aktuelle Situation im NSU-Prozess. Scharmer vertritt die Interessen von Gamze Kubasik, deren Vater Mehmet 2006 in Dortmund erschossen wurde. Als Täter gelten Zschäpes Komplizen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, die am 4. November 2011 in Eisenach erschossen in ihrem ausgebrannten Wohnmobil aufgefunden wurden.

Vier Tage später stellte sich Zschäpe der Polizei. Eineinhalb Jahre danach, im Mai 2013, begann der NSU-Prozess. Seitdem hat die Rechtsextremistin aus Jena geschwiegen. An diesem Mittwoch aber will Pflichtverteidiger Grasel eine schon im November geplante Erklärung abgeben.

Mehmet Kubasiks Tochter ist tief enttäuscht

Gamze Kubasik rechnet nicht mehr damit, die Wahrheit über den Tod ihres Vaters zu erfahren. "Das wird niemals geschehen", glaubt sie. Nach zweieinhalb Jahren NSU-Prozess hat sich bei ihr ein Gefühl der "Enttäuschung" verfestigt. Trotzdem ist sie wieder einmal zum NSU-Prozess nach München angereist. Ihr Anwalt wird aber wohl keine Gelegenheit erhalten, Fragen an Zschäpe zu stellen. Die will nach der in ihrem Namen verlesenen Erklärung lediglich vorher vom Gericht schriftlich eingereichte Fragen beantworten - ebenfalls schriftlich.

Pflichtverteidiger Grasel würde sich dazu am Wochenende mit seiner Mandantin beraten, lässt er wissen. Und um seine Mandantin zu schonen, wäre er "froh", wenn der Donnerstag als Verhandlungstag gestrichen würde. Die Entscheidung darüber wird der Vorsitzende Richter Götzl wohl erst nach Verlesung der Zschäpe-Erklärung treffen. Die soll etwa eineinhalb Stunden dauern - sagt Grasel.