1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Amerika

Zoff um mehr als Stoff: Rassismus im US-Wahlkampf

Im Streit um die Flagge der Konföderierten verdichtet sich die Kernfrage dieser US-Wahl: Wie rassistisch müssen Politiker sein, um nach der Präsidentschaft Obamas erfolgreich zu sein? Ines Pohl aus Mississippi.

Jim Huffmann (Foto: DW/I. Pohl)

Heute im Gestern unterwegs: Jim Huffmann

Mindestens zweimal im Monat tauscht Jim Huffmann seine Jeans gegen weiße Leinenhosen und spielt mit einer Gruppe von Männern den amerikanischen Bürgerkrieg nach. Dann knüpft der gemütliche Typ mit Rauschebart die rote Jacke, die etwas über dem Bauch spannt, mit weißen Knöpfen zu, schlüpft in eine andere Zeit und wird zum Mitglied der "7 Stars Artillery", die ihre Kanonen noch mit echtem Schießpulver befüllen. "Ich hab mich früher nie so wirklich für die Geschichte meiner Familie interessiert", sagt der ehemalige Deutschlehrer aus Picayune, unweit von Biloxi in Mississippi. "Vielleicht ging es mir wie vielen Deutschen auch: Man möchte nicht zu viel über die 'schlimmen Dinge' wissen." Hier im Süden haben die "bad things" fast immer etwas mit der Sklaverei zu tun.

Confederate Flag Day in Beauvoir (Foto: DW/R. Walker)

Flaggen-Anhänger am "Confederate Flag Day" in Beauvoir

Irgendwann, erzählt er, habe er einen Friedhof besucht, auf dem auch Mitglieder seiner Familie beerdigt sind. "Dort habe ich dann festgestellt, wie viele von meinen Vorfahren im Bürgerkrieg gefallen sind. Und habe angefangen, Geschichtsbücher zu lesen." Wichtig, erklärt er plötzlich ganz oberlehrerhaft, sei es die richtigen Bücher zu lesen, diejenigen, die von Südstaatlern selbst geschrieben wurden. "Wir alle wissen, dass es immer unterschiedliche Möglichkeiten gibt, Tatsachen zu interpretieren."

Streit um Minderheitenrechte

Die Flaggen der Konföderierten, es gibt mehrere Versionen, spielen bei diesen nachgestellten Bürgerkriegsschlachten eine zentrale Rolle. "Diese Flagge steht für mich für Familie, für Geschichte und Heimat." Der pensionierte Lehrer versteht sich dabei als eher links - und wünscht sich Hillary Clinton als Präsidentin. Er sieht keinen Widerspruch zwischen seiner politischen Heimat und seinem Kampf für den Verbleib der Konföderierten-Flagge auf öffentlichen Gebäuden und Plätzen in Mississippi. Schließlich seien die Sklaven nicht unter der Flagge der Konföderierten nach Amerika gebracht worden, sondern unter dem Sternenbanner. "Und niemand denkt darüber nach, das abzuschaffen."

Südstaaten-Flagge wird von Regierungssitz entfernt

Mittlerweile abgehängt: die Flagge am Kapitol von South Carolina in Columbia

Huffmann spricht viel von "denen" und "uns", meint damit aber nicht Schwarze und Weiße. Er spricht von denen im fernen Washington. "Sie verstehen nicht, dass diese Flagge ein Teil unserer Geschichte ist und uns ein Gefühl von Zugehörigkeit und Zuhause gibt." Sein Kampf für Hillary wäre so viel einfacher, sagt er, wenn jetzt nicht auch noch versucht werden würde, den Menschen die Flagge wegzunehmen. "Wenn das passiert, endet das böse. Dann werden sie uns irgendwann alles wegnehmen, was wir überhaupt noch haben.

Der ehemalige Lehrer, der so gerne in die Vergangenheit reist, will die Gefühle nicht akzeptieren, die viele Schwarze formulieren, wenn sie über diese Flagge sprechen. Davon, dass über der Schule ihrer Kinder die Flagge weht, in deren Schatten ihre Vorfahren gedemütigt, gelyncht und geschändet wurden. "Warum sollen die Gefühle einer Minderheit wichtiger sein als unsere?", so Huffmann.

Flatternde Projektionsflächen

"In Deutschland ist es nicht erlaubt, eine Hakenkreuzfahne zu hissen, oder?" Carlos E. Moore lebt und arbeitet seit Monaten für ein einziges Ziel: Die Flagge, unter der sich die Südstaaten im Kampf gegen die Sklavenbefreiung versammelten, soll endlich auch in Mississippi verschwinden. Zumindest als Teil der offiziellen Beflaggung. "Stimmt es, dass man in Deutschland auch auf seinem Privatgrundstück die Hakenkreuzfahne nicht hissen darf? Das würde hier nie passieren, wegen des Rechts auf freie Meinungsäußerung."

Porträt Carlos E. Moore (Foto: DW)

Flaggen-Gegner: Rechtsanwalt Carlos E. Moore

Moore ist Anwalt. Er lebt in Grenada, Mississippi. Dem letzten der Südstaaten, in dem die Flagge der Konföderierten noch immer über Postämtern, Schulen oder Polizeistationen weht. Für ihn, wie für so viele Schwarze, ist und bleibt sie das Symbol der Sklaverei. "Auch wenn wir die Gleichberechtigung auf dem Papier haben, so lange es diese Flagge noch gibt, werden wir zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. Und das ist unakzeptabel."

Millionen Männer und Frauen wurden aus afrikanischen Ländern in die Vereinigten Staaten verschleppt und mehr als 200 Jahre lang versklavt. Hunderttausende starben, schon bei der Überfahrt oder später auf den Feldern unter den brutalen Arbeitsbedingungen. Sie wurden geprügelt, vergewaltigt, gefoltert. "Diese Flagge ist einfach ein Angriff", sagt Moore.

"Let's make America White again"

Bis Mitte des vergangenen Jahres wehte die Fahne der Konföderierten auch noch über den öffentlichen Gebäuden in South Carolina. Nach dem rassistisch motivierten Massaker in Charleston bei dem neun Menschen starben, wurden die Gesetze geändert. Der Mörder hatte Bilder im Netz veröffentlicht, auf denen er mit der Fahne posierte. Daran war nicht vorbei zu kommen.

Mutmaßlicher Amokschütze Dylann Roof

Mutmaßlicher Amokschütze: vor den Morden von Charleston zeigte er sich so im Netz

Donald Trump gewann vor wenigen Tagen die Vorwahlen in diesem Bundesstaat. 38 Prozent seiner Wählerinnen und Wähler gaben bei einer anonymen Befragung an, sie wünschten sich, der Süden hätte den Bürgerkrieg gewonnen, mit allen Konsequenzen für die Gleichberechtigung von Schwarzen. Trump ist der Mann der weißen Christen, der nicht aufhört, sich klar in Stellung zu bringen gegen Muslime, Mexikaner und Chinesen.

In diesem Streit um die Fahne der Konföderierten verdichtet sich ein Kernthema dieses Wahlkampfes: Wie weiß soll die amerikanische Regierung nach den Obama-Jahren wieder werden? Denn genau das meint Donald Trump, wenn er fordert: "Let's make America great again." Das Ergebnis im November wird zeigen, wie rassistisch Politiker sein dürfen oder müssen, um im Jahr 2016 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt zu werden.

Die Redaktion empfiehlt