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Deutschland

Zoellick: "Wir standen auf der richtigen Seite der Geschichte"

Robert Zoellick, US-Chefunterhändler bei den Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen, erklärt der DW, was ein Mittagessen mit dem philippinischen Präsidenten mit dem Mauerfall verbindet.

DW: Im Leben vieler Menschen gibt es Ereignisse, in deren Zusammenhang sie niemals vergessen werden, wo sie zu dem Zeitpunkt waren und was sie gerade gemacht haben. Für viele Deutsche ist der Tag, an dem die Mauer fiel, so ein Tag. Wissen Sie noch, wo Sie an dem Tag waren und wie Sie auf die Nachricht reagiert haben?

Robert Zoellick: Ja, ich nahm an einem Mittagessen teil, das Außenminister James Baker für den philippinischen Präsidenten gab. Wir befanden uns oben im achten Stock im Außenministerium, es war eine sehr große Gesellschaft, und irgendjemand reichte Außenminister Baker eine Mitteilung über die Maueröffnung. Natürlich waren wir genauso erstaunt wie der Rest der Welt und ich entsinne mich, dass wir uns nach dem Essen zusammengesetzt und darüber diskutiert haben, was das bedeutet und was wir nun zu tun hätten.

Vermutlich glaubten die meisten Deutschen nicht daran, dass sie jemals die Wiedervereinigung erleben würden. Ganz ehrlich: haben Sie vor 1989 an ein wiedervereintes Deutschland geglaubt?

In dem Zeitrahmen hätte ich die Wiedervereinigung bestimmt nie vorausgesagt. Aber wir erkannten doch relativ früh, dass das Eis des Kalten Krieges Risse bekam, und dass wir auf alle Eventualitäten gefasst sein müssten.

Eines haben allerdings die meisten Menschen, sogar Historiker, übersehen: Präsident Bush war noch nicht so lange im Amt, da tat er beim NATO-Gipfel im Mai einen ziemlich kühnen Schritt. Er sorgte dafür, dass das Thema Atomwaffenkontrolle - noch zu Reagans Zeiten hoch im Kurs - in den Hintergrund geriet und zwar zugunsten des höchst offensiven Vorschlags, konventionelle Streitkräfte in Mittel- und Osteuropa zu reduzieren und anzupassen.

USA Weltbank Robert Zoellick

Robert Zoellick

Damit griff er zum einen der Debatte um Kurzstrecken-Raketen voraus, die ja bei einem Gleichgewicht auf konventioneller Ebene an Bedeutung verlören. Zum anderen aber veränderte er damit die Dynamik: die Vorstellung, man könne die Sowjettruppen dazu bringen, Mittel- und Osteuropa zu verlassen. Dieser NATO-Gipfel war also entscheidend, er etablierte Bush als Führer der Allianz; das Thema Kurzstreckenraketen wurde zur Nebensache, wichtiger war der Beginn der geradezu historischen Partnerschaft mit unseren deutschen Kollegen Bundeskanzler Kohl und Außenminister Genscher.

War es der Regierung von Busch senior und auch Ihnen immer klar, dass Deutschland wirklich wiedervereinigt werden sollte?

Was das betrifft, standen wir als enges Team von Präsident [George H.] Bush gemeinsam mit ihm auf jeden Fall auf der richtigen Seite der Geschichte. Ich habe das immer als Versprechen der Vereinigten Staaten an das Deutsche Volk empfunden. Die Tatsache, dass das amerikanische Volk ganz selbstverständlich der Idee eines vereinten Deutschland positiv gegenüberstand, machte aus amerikanischer Sicht die Diplomatie einfacher als in Großbritannien, Frankreich oder Italien.

Aber ich möchte Ihnen gerne aus meiner Perspektive ein Erlebnis aus dem Dezember 1989 erzählen. Die Mauer war offen - und das spiegelt die Debatte darüber wider, was mit dem Osten geschehen sollte. Und das Botschaftspersonal in Ost Berlin hatte Kontakt zu diesen wirklich mutigen Dissidenten, viele davon Protestanten. Diese sprachen von einem "Dritten Weg" und versuchten, eine andere Struktur für die DDR zu finden. Ich erinnere mich an eine Nacht im Dezember, als Baker und ich in der Potsdamer Nikolaikirche waren; es war sehr bewegend zu sehen, wie die Pastoren und die vielen Laien, die sich so mutig gegen das totalitäre Regime gestellt hatten, zur Kenntnis nehmen mussten, dass die meisten Ostdeutschen gar keinen Dritten Weg wollten.

Sie wollten das, was ihre Verwandten in Westdeutschland hatten. Diese Eigendynamik zeigte uns, dass es keine Fusion geben würde, sondern eine Übernahme. Das hatte wiederum Konsequenzen: es ging darum, wie man das mit dem Grundgesetz Artikel 23 vereinbaren würde, und es hatte auch Folgen für die Diplomatie.

Da wir gerade von Diplomatie sprechen: welche Hürde war während er Zwei-plus-Vier-Gespräche am schwersten zu nehmen?

Im frühen Stadium - und hier haben Präsident Bush und Außenminister Baker großartige Arbeit geleistet - mussten wir sicherstellen, dass die Allianz eine gemeinsame Position vertrat. Frankreich und Großbritannien zeigten sich zögerlich. Es schien sogar kurzzeitig so, als habe Präsident [Francois] Mitterand gegenüber Präsident [Michail] Gorbatschow angedeutet, es gebe eventuell einen Weg, das Ganze zu stoppen. Und was interessant ist: Berichten zufolge argwöhnte Gorbatschow, die Franzosen hätten die Sowjetunion hereinlegen wollen, daher entschied er sich dafür, mit Bundeskanzler Kohl und Präsident Bush zusammenzuarbeiten. Die wirkliche Herausforderung kam später: wie bettet man ein wiedervereintes Deutschland in die NATO und die europäischen Strukturen so ein, dass nicht nur andere europäische Länder beruhigt sind, sondern auch eine Architektur für zukünftige Sicherheit und Stabilität im transatlantischen Raum und der damaligen Sowjetunion geschaffen wird.

Die Ereignisse überschlugen sich derart, dass die Sowjets aus dem Gleichgewicht gerieten - und gerade hier ist die öffentliche Dynamik recht wichtig. Die Menschen forcierten das Thema geradezu, während die Sowjets es offensichtlich ausbremsen wollten. Sie wollten keine Wiedervereinigung; sie versuchten, den Status quo zu halten. Da mussten wir uns anstrengen, gemeinsam mit unseren westdeutschen Partnern eine Erklärung für die Sowjetunion auszuarbeiten, die ihr das Gefühl gab, die Wiedervereinigung werde für sie nicht von Nachteil sein.

Mein Büro machte schließlich den Vorschlag, das alles nicht mit der gesamten KSZE [Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa] oder den vier Mächten auszumachen, sondern eine Zwei-plus-Vier Runde zu bilden. Mit Bedacht haben wir die Zwei vor die Vier gesetzt: wir wollten betonen, dass den zwei Teilen Deutschlands hier die Führung zukam. Das wiederum mussten wir den Europäern und den Sowjets verkaufen.

Wie beurteilen Sie das vereinte Deutschland heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall?

Ich denke es ist ein großer Erfolg. Damals hatte ich befürchtet, das Zusammenwachsen würde länger dauern; ich dachte, die Folgen für die Menschen im Osten wären nicht so leicht zu bewältigen.

Heute überlegt die Bundesrepublik auf einer größeren Bühne, welche Pflichten sich aus ihrem Einfluss ergeben. Das wurde am Beispiel der wirtschaftlichen Rolle, die Deutschland während der Finanzkrise gespielt hat, deutlich. In seiner Rede vor der Münchner Sicherheitskonferenz Anfang des Jahres hat Bundespräsident [Joachim] Gauck eine Reihe von Fragen zur Verantwortung Deutschlands in der Welt aufgeworfen, sei es im Russland-Ukraine-Konflikt, im Nahen Osten, in Afrika oder China - und ich denke, für die Deutschen ist es an der Zeit, sich damit auseinanderzusetzen.

Aber das müssen die Deutschen selbst entscheiden. Meiner Meinung nach wird es zwar zwangsläufig in einigen Fällen Unstimmigkeiten zwischen den USA und der Bundesrepublik geben, aber ich denke, die Gemeinsamkeiten zwischen Amerikanern und Deutschen und anderen Europäern werden überwiegen und das ist etwas, an dem man weiter arbeiten muss.

Und auf eines bin ich stolz: obwohl Amerikaner manchmal anderswo Ärger bekommen, weil sie davon ausgehen, dass andere Menschen auch wie Amerikaner denken, hat sich in diesem Fall die Verbrüderung mit der Freiheit als wunderbarer Beitrag herausgestellt. Denn - anders als viele Europäer - sagten die Amerikaner ganz selbstverständlich, 'natürlich wollen die Deutschen vereint, frei und demokratisch sein. Das sollten wir unterstützen.'


Robert Zoellick war der US-Chefunterhändler bei den Zwei-Plus-Vier-Verhandlungen, die zur deutschen Wiedervereinigung führten. Darüber hinaus bekleidete er Schlüsselpositionen als US-Handelsbeauftragter, Vizeaußenminister der Vereinigten Staaten und Präsident der Weltbank.

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