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Europa

Zocken gegen die Finanzkrise

In Madrid soll es bald eine neue Touristenattraktion geben. Vor den Toren der Stadt ist ein riesiger Casino-Komplex geplant. Doch 'Eurovegas' sorgt für Ärger.

Madrid ist ein Fest für die Sinne: Im weltberühmten Prado Museum faszinieren Goya-Gemälde, unter den mittelalterlichen Arkaden der Plaza Mayor locken feine Restaurants und im Bernabeú-Stadion begeistert Real Madrid als eine der besten europäischen Fußballmannschaften. Seit Jahrhunderten ist die kastilische Stadt geographischer, politischer und kultureller Mittelpunkt Spaniens. Die EU kürte Madrid 1992 sogar zur "Kulturhauptstadt Europas".

Eine Porträtaufnahme von Adelson (Foto: REUTERS)

Sheldon Adelson, Multimillionär und Eigentümer von Las Vegas Sands

Eine Ehrung, die einige Lokalpolitiker wohl vergessen haben. Denn was die Stadtoberen und US-amerikanische Investoren dreizehn Kilometer südwestlich von Madrid aus dem Boden eines Stoppelfeldes stampfen wollen, hat mit traditionellem Kulturverständnis kaum etwas zu tun. Im Madrider Vorort Alcorcón ist ein riesiger Casino-Komplex mit dem Namen Eurovegas geplant. Strahlend, glitzernd, berauschend soll es werden, ein Mini-Las-Vegas für Europa. Das sagen die Macher. In erster Linie aber soll das Megaprojekt eine Gelddruckmaschine werden: für die Unternehmer aus Übersee ebenso wie für die Regionalregierung des Großraums Madrid, die wie alle Verwalter spanischer Regionen unter akuter Geldknappheit leidet. Denn die Finanzkrise hat tiefe Spuren hinterlassen, vor allem leere Haushaltskassen.

Bürgermeister hofft auf Arbeitsplätze

Die Zahlen zu dem Megaprojekt lesen sich phantastisch. Geplant sind zwölf Hotelkomplexe mit 36.000 Zimmern. Sechs Kasinos sollen mindestens 1000 Roulette-Tische und 18.000 Spielautomaten umfassen. Außerdem sind mehrere Theater und Golfplätze sowie ein Stadion mit 15.000 Sitzplätzen vorgesehen. Die prognostizierten Gesamtkosten liegen bei 17 Milliarden Euro. Der Bau soll bis zu 250.000 Arbeitsplätze schaffen, hoffen die Madrider Landesregierung und die Investoren der Unternehmensgruppe Las Vegas Sands, deren Eigentümer der Multimillionär Sheldon Adelson ist.

"Wir reden hier davon, dass allein die erste Bauphase etwa 20.000 Arbeitsplätze schaffen wird" sagte der Bürgermeister von Alcorcón, David Pérez, der Deutschen Welle. Das zeige das enorme wirtschaftliche Potential dieser Investition. "Und in der nächsten Phase wird sich die Zahl der Jobs verzehnfachen, wenn der gesamte Komplex in Betrieb geht." Doch der Vergnügungspark, bereitet vielen Bürgern kein Vergnügen. Noch bevor die Croupiers an den Roulettetischen ihr erstes "Rien ne va plus" ansagen, rufen erboste Madrilenen und spanische Umweltschützer zum Stopp des Projekts auf.

Menschen mit Plakaten und Transparenten auf denen Eurovegas No steht. (Foto: AP)

Kein Bock auf Zocker: Bürger protestieren gegen das Kasinoprojekt

Warnung vor einem riesigen Baugrab

Sie machen mit der Initiative Eurovegas No mobil, demonstrieren, informieren die Medien und lancieren Internetkampagnen. Nach der geplatzten Immobilienblase, die Spanien in den Sumpf der Finanzkrise gezogen habe, könne sich das Land kein weiteres "Baugrab pharaonischen Ausmaßes" leisten, so die Sprecherin von Eurovegas No, Ana Revuelta. "Unsere Hauptkritik an dem Projekt ist die Tatsache, dass wir damit das ökonomische Modell, das uns in die Krise gebracht hat, nicht aufgeben." Sie glaube nicht, dass Spanien  mit dieser Art von unnachhaltiger Wirtschaft aus der Krise komme. "Sie wird sie eher vertiefen."

Ana Revuelta beklagt zudem mangelnde Transparenz von Seiten der US-amerikanischen Investoren und der Regionalregierung. Die Bürger seien über die Planungen nicht genügend informiert worden. Ihren Informationen nach wird außerdem nur etwa ein Drittel der Kosten von Investitionen der Unternehmensgruppe Las Vegas Sands gedeckt, der Rest muss von den Banken kommen. Einige lokale Bau– und Handwerksbetriebe denken allerdings erst mal an volle Auftragsbücher. "Natürlich wäre es toll, wenn das Projekt käme", sagt beispielsweise der Baustoffhändler José Antonio. "Bei all der Arbeitslosigkeit hier, brauchen wir die Jobs. Dann käme endlich wieder Leben in den Bausektor."

Ein Foto des Hotels (Foto: AP)

Bald auch in Madrid? Ein Kasino-Hotel der Unternehmensgruppe Las Vegas Sands in Macao.

Casino-Bau dauert mehrere Jahre

Immerhin werden bis zur Fertigstellung von Eurovegas einige Jahre vergehen. Baubeginn soll  2016 sein, die Eröffnung ist für 2022 vorgesehen. Die Unternehmensgruppe Las Vegas Sands sieht Eurovegas als Prestigeobjekt; als Chance, nach Geschäften in den USA und Asien auch in Europa Fuß zu fassen. Ihr Vorstandsvorsitzender Mike Leven rührt kräftig die Werbetrommel. "Wir schaffen Steuereinnahmen und Jobs. Wir kurbeln den Tourismus, das Veranstaltungsgeschäft und ähnliches mehr an."

Die Bürgerrechtlerin Ana Revuelta traut solchen Worten nicht. Nach Berechnungen der Bewegung Eurovegas No würden höchstens zwanzig Prozent der angekündigten Arbeitsplätze geschaffen. Die meisten von ihnen seien voraussichtlich nur für die Bauzeit sicher. Später gebe es allenfalls Bedarf an gering qualifizierten Arbeitnehmern für Service-Bereiche, in denen es kaum soziale Sicherheit gebe, betont Revuelta. Las Vegas Sands sei ein Unternehmen, das Gewerkschaften nicht zulasse. "Die Arbeitnehmer ihrer Filialen in Singapur und Macao haben nicht die gleichen Rechte und Garantien, wie sie Arbeitnehmern in Spanien zustehen würden."

Rechtliche Schritte gegen Eurovegas

Eingestelltes Bauvorhaben auf Fuerteventura: Auswirkungen der Immobilien- und Finanzkrise führten dazu, dass viele im Baumboom überdimensionierte Bauvorhaben nicht fertig gestellt bzw. keine Käufer gefunden werden konnten.

Viele Bauprojekte in Spanien sind gescheitert

Die Bürgerrechtsbewegung Eurovegas No will ihre Öffentlichkeitsarbeit verstärken und rechtlich gegen den geplanten Glücksspielkomplex vorgehen. Alle Seiten pokern hoch. Allerdings scheinen die Einsätze ungerecht verteilt zu sein. Sollte Eurovegas nicht profitabel wirtschaften, könnte sich Las Vegas Sands aus Spanien zurückziehen. Madrid hätte zu Lasten seiner Steuerzahler unter anderem umsonst in begleitende Infrastrukturmaßnahmen investiert. Die spanische Landschaft würde von einer weiteren monströsen Bauruine verschandelt. Dann hieße es in dem Madrider Vorort Alcorcón endgültig: Rien ne va plus – nichts geht mehr.

 

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