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Alle Macht dem Volk?

Ziviler Widerstand: der Alptraum aller Tyrannen

Die Weltgemeinschaft sollte nicht zwischen Abwarten und Angriff lavieren, um Diktatoren zu stürzen, fordert Peter Ackerman. Stattdessen sollte sie die unterdrückten Völker lehren, zivilen Widerstand zu leisten.

Seit dem Kalten Krieg sind weltweit immer mehr Konflikte von "normalen" Bürgern ausgetragen worden, die autoritäre Führer stürzen wollten. Ich glaube, dass dieser Trend sich fortsetzen wird. Nach landläufiger Meinung haben unterdrückte Völker nur zwei Alternativen: Entweder sie akzeptieren den Status Quo, oder sie zetteln einen blutigen Aufstand an.

Mein Traum ist es, dass eines Tages alle Menschen dieser Erde lieber den Weg des zivilen Widerstands als den der bewaffneten Revolte gehen werden. Und ich hoffe, sie treffen diese Wahl, weil sie verstanden haben, dass ziviler Widerstand – eben der gewaltfreie Konflikt oder die Macht des Volkes – ein effektiveres Mittel ist, um für die Freiheit zu kämpfen.

Vor zehn Jahren habe ich das "Internationale Zentrum für gewaltfreien Konflikt" (International Center on Nonviolent Conflict-ICNC) gegründet, um der Welt genau das zu beweisen. Das ICNC teilt seine praktischen Erfahrungen mit Aktivisten, Wissenschaftlern, Journalisten und politischen Entscheidungsträgern. Diese Erfahrungen haben schon Menschen aus 139 Ländern geholfen, die ihre Zukunft verändern wollten. Unser Ziel ist es, unzählige Leben zu retten, die sonst vielleicht in Volksaufständen zu Tode kämen.

Das syrische Beispiel

Man muss sich nur die zwei Phasen des syrischen Konflikts anschauen: Von März bis September 2011 gab es eine Kampagne zivilen Widerstands, die das Assad-Regime mehr schwächte, als das in den 40 Jahren zuvor je der Fall war – weniger als 3000 Menschen starben bei dieser Aktion.

Der Erfolg dieser Kampagne ermutigte einen großen Teil des syrischen Militärs, dem Regime abtrünnig zu werden und sich den unzufriedenen Aktivisten der Freien Syrischen Armee (FSA) anzuschließen. Leider wurde der zivile Widerstand in der zweiten Phase des Konfliktes in den Hintergrund gedrängt, weil viele fälschlicherweise überzeugt waren, dass man sein Ziel ohne Gewalt nicht erreichen könne. Und so nahm der bewaffnete Kampf gegen das Regime seinen Lauf. Mittlerweile sind mehr als 70.000 Todesopfer zu beklagen, ein Ende dieses Krieges gegenseitiger blutiger Attacken ist nicht abzusehen. Assads Gegner haben so vor allem eines bewiesen: Ein blutiger Aufstand bringt nicht das gewünschte Resultat.

Eine Studie von führenden Experten, die vom ICNC unterstützt wurde, bringt den historischen Beweis, dass gewaltsamer Widerstand nicht sehr effektiv ist. Die Untersuchung analysiert die Folgen von 323 gewaltsamen und gewaltfreien Aktionen zwischen 1900 und 2006. Das Ergebnis wurde 2011 in dem Buch "Why Civil Resistance Works" ("Warum ziviler Widerstand funktioniert") von Erica Chenoweth and Maria Stephan veröffentlicht. Die Autorinnen erhielten dafür von der "American Political Science Association" (Anmerkung der Redaktion: der führende Berufs- und Fachverband von Politikwissenschaftlern in den USA) den "Woodrow Wilson Award" für das beste in den USA veröffentliche Buch zum Thema Regierung, Politik und internationale Angelegenheiten. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass 53 Prozent aller zivilen Widerstandkampagnen erfolgreich waren, aber nur 26 Prozent aller gewaltsamen Aufstände den gewünschten Erfolg brachten.

Eine zielorientierte Strategie

Diese Zahlen überraschen nicht. Der bewaffnete Kampf zielt darauf ab, ohne Ansehen der Person all diejenigen zu töten, die irgendwie an den Hebeln der Macht sitzen; ein sinnvoller ziviler Widerstand hingegen unterscheidet zwischen den wenigen wahren Machthabern einer Gesellschaft und ihren zahlreichen Handlangern wie Bürokraten, Soldaten und Geschäftsleuten, die Befehle ausführen oder einfach opportunistisch handeln.

Mit Streiks, Boykotts und Massendemonstrationen kann die zivile Widerstandsbewegung diese Handlanger auf ihre Seite bringen und Änderungen an der Spitze erzwingen. Die Strategie, die Macht eines Unterdrückers zu unterminieren und auszuhebeln, verspricht im Kampf gegen eine gut bewaffnete Diktatur eher Erfolg als der gegenseitige Vernichtungskrieg.

Ebenso ist es viel wahrscheinlicher, eine demokratische Zukunft mit zivilem Widerstand aufzubauen als mit Gewalt. Eine Studie von 2005, deren Co-Autor ich bin, trägt den Titel: "How Freedom is Won" (Wie man die Freiheit gewinnt) und identifiziert den zivilen Widerstand als Schlüsselfaktor, der zwischen 1972 und 2005 50 von 67 Nationen vom autoritären Regime in eine Übergangsgesellschaft führte.

32 dieser 50 Übergangsgesellschaften, das entspricht 64 Prozent, bekamen Regierungen, die die Rechte und die Freiheit der Bevölkerung in hohem Maße respektieren. Wenn der Widerstand sich allerdings gewaltsam entlud, sanken die Chancen auf eine demokratische Entwicklung auf 20 Prozent. Diese Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache und sollten uns klarmachen, dass die Antwort "ziviler Widerstand" lautet.

Nicht die Elite ist maßgebend

Die meisten Fachleute führen ins Feld, dass gewisse Grundstrukturen nicht von einer Bewegung kontrolliert werden können, aber trotzdem maßgeblich für den Ausgang eines Aufstands mitverantwortlich sind: Dazu gehören die Gewaltbereitschaft eines Herrschers gegenüber seinem Volk, der Grad digitaler Freiheit und die Frage, ob es in der Gesellschaft schon eine Mittelschicht gibt oder nicht.

Sowohl meine als auch andere Untersuchungen können aber keine Verbindung zwischen diesen Faktoren und dem Ausgang gewaltfreier Konflikte feststellen. Ganz im Gegenteil: Die Taktiken einer Bewegung, ihre Botschaften, ihre Disziplin, das Schmieden von Koalitionen und andere Aktionen sind weitaus relevanter als die anfangs beschriebenen Hindernisse.

Während des Arabischen Frühlings verdrängten ganz gewöhnliche Tunesier und Ägypter Zine al-Abidine Ben Ali und Hosni Mubarak aus ihren Ämtern – anders als von Experten vorausgesagt, die sich auf das Verhalten der Elite konzentriert hatten.

Schon vor Jahrzehnten zeigten sich Fachleute ähnlich überrascht, als ziviler Widerstand die autokratische Herrschaft Ferdinand Marcos auf den Philippinnen beendete und General Augusto Pinochet in Chile bezwang, zum entscheidenden Schlag gegen das kommunistische Regime in Polen ausholte, die Apartheid in Südafrika besiegte und Slobodan Milosevics Schreckensherrschaft in Serbien hinweg fegte.

Wissen als Schlüsselfaktor

Seit ich vor 35 Jahren meine Doktorarbeit zu diesem Thema geschrieben habe, durfte ich Zeuge zahlloser Durchbrüche werden, die durch gewaltfreie Bewegungen initiiert wurden – organisiert von Leuten, die nicht länger gewillt waren, sich unterdrücken zu lassen. Sehr oft konnte ich feststellen, dass eine disziplinierte Bewegung Strategien des Massenwiderstands entwickeln kann, die einen unerträglichen Druck auf brutale Machthaber ausüben können und deren Legitimität in Frage stellen.

Die internationale Gemeinschaft darf sich nicht mehr von der falschen Entscheidung leiten lassen, sich mit einem Diktator zu arrangieren oder ihn anzugreifen; stattdessen sollte sie aus der Geschichte lernen. Unterdrückte Menschen, die den zivilen Widerstand einzusetzen wissen, können ihre Rechte in Eigeninitiative erobern. Die Gewalt, vor der sie sich fürchten, muss nicht eingesetzt werden, um eine Gewaltherrschaft zu beenden. Sie können die Freiheit erreichen, die sie so sehr begehren  - wenn wir ihnen dabei helfen, sich das nötige Wissen dazu anzueignen.

Übersetzt aus dem Englischen von Suzanne Cords

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Peter Ackerman ist der Gründer des "International Center on Nonviolent Conflict (ICNC)" und Aufsichtsratmitglied im Rat für auswärtige Beziehungen, einem renommierten US-amerikanischen Think Tank. Seit den achtziger Jahren arbeitet er außerdem als Banker und ist Direktor der privaten Investmentfirma Rockport Capital.

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