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Flüchtlingskrise

Zivile Seenotretter am Limit

Mehr als 8000 Menschen wurden am Osterwochenende vor dem Ertrinken gerettet. Dabei gerieten auch Schiffe privater Hilfsorganisationen in Seenot. Jetzt fordern die NGOs mehr Unterstützung durch staatliche Akteure.

Erneut sind tausende Menschen von Libyen in Richtung Europa gestartet – mildes Wetter und ein zunächst ruhiger Seegang versprachen gute Bedingungen am Osterwochenende. Dennoch gerieten wieder Tausende in Seenot – insgesamt wurden mehr als 8.300 Menschen aus seeuntüchtigen Holz- und Schlauchbooten gerettet.

Carlotta Sami, Pressesprecherin des UNHCR twitterte, dass Helfer ununterbrochen im Einsatz waren, um Bootsflüchtlingen zu helfen und Leben zu retten. Die Migranten kamen hauptsächlich aus Nigeria und Senegal. Acht Menschen, darunter auch eine schwangere Frau, haben nicht überlebt. Knapp 100 werden vermisst. Die Geretteten wurden an größere Schiffe der italienischen Küstenwache übergeben, die sie nach Süditalien brachten.

Schwerer Seegang und die schiere Anzahl der Flüchtlinge brachten auch die Helfer ans Limit: Zwei private deutsche Rettungsschiffe gerieten in Seenot und setzten Notsignale ab. Die Iuventa der Organisation "Jugend rettet" hatte bereits über 600 Flüchtlinge an Bord, als der umfunktionierte Fischkutter von einem Holzboot mit knapp 800 weiteren Flüchtlingen gerammt wurde. In Panik waren viele ins Wasser gesprungen und auf die schon überfüllte Iuventa geklettert. Danach war das Schiff manövrierunfähig – so war es auch der Fall bei der "Sea-Eye" der gleichnamigen Organisation aus Regensburg, die wegen eines zusätzlichen Motorschadens ein "Mayday" an die zentrale Leitstelle für Seenotrettung MRCC in Italien funkte.

Illegale Route

Weil es keine legalen Routen nach Europa gibt, nehmen die Migranten die gefährliche Route über das Mittelmeer auf sich und legen ihr Schicksal gegen teures Geld in die Hände von Schleppern, die die Boote organisieren. "Es ist klar, dass mit besserem Wetter auch mehr Schlepper Flüchtlinge aus Auffanglagern losschicken", sagte Leonard Doyle, Pressesprecher von der Internationalen Organisation für Migration (IOM). „Die Schmuggler haben ganz offensichtlich damit gerechnet, dass sie auf dem offenen Meer gerettet werden."

Schätzungen von IOM zufolge werden rund 20.000 Menschen von kriminellen Banden in illegalen Internierungslagern in Libyen festgehalten. Auch die Bootsflüchtlinge, die am Osterwochenende auf dem Meer waren, befanden sich nach Aussage von IOM zuvor in libyschen Lagern. Sie zahlen den Schmugglern Geld, um auf überfüllte Boote zu steigen, die ohne fremde Hilfe niemals die ganze Strecke nach Europa bewältigen könnten – alles für eine Chance nach Europa zu kommen.

Die Hilfe der NGOs

Mehr als 35 Rettungsschiffe waren am Osterwochenende im Einsatz – darunter Boote der europäischen Grenzschutzagentur Frontex, der italienischen und libyschen Küstenwache sowie 12 Handelsschiffe, die angesichts der Dramatik zur Hilfe kamen.

Unter den privaten Hilfsorganisationen war die maltesische Gruppe „Migrant Offshore Aid Station" (MOAS), die seit 2014 in der zivilen Seenotrettung aktiv ist. Seit ihrer Gründung hat die Organisation rund 30.000 Flüchtlinge gerettet. Das Osterwochenende war für sie jedoch eine schlimme Eskalation der Lage: „Niemand hat jemals etwas Vergleichbares gesehen, wie wir an diesem Wochenende", sagte der Gründer von MOAS gegenüber dem US-Sender CNN.

Neben den Booten von Jugend Rettet und Sea Eye mit ihren freiwilligen Helfern waren auch die deutsche Organisation Sea Watch, die spanische NGO Proactiva Open Arms sowie die Hilfsorganisationen Save the Children und SOS Méditerranée im Einsatz. Diese Boote patroullieren in der Regel mit Erlaubnis der MRCC (Leitstelle für Seenotrettung) 20 bis 50 Kilometer vor der libyschen Küste.

Mittelmeer Küste Libyen Rettungsaktion Flüchtlinge (Reuters/D. Zammit Lupi)

Rettungsaktion der MOAS vor der Küste von Libyen

Die NGOs arbeiten auf unterschiedliche Weise. Die größeren Organisationen wie MOAS oder SOS Méditerranée haben große Schiffe, sie können vollständige Hilfsaktionen durchführen und die geretteten Personen auch bis an die italienischen Häfen an Land bringen. Die kleineren NGOs wie Sea Watch oder Proactive Open Arms sind auf kleineren Schiffen unterwegs, sie halten Ausschau nach Flüchtlingsbooten, nehmen Personen in Seenot an Bord, verteilen Rettungswesten und versorgen die Flüchtlinge medizinisch. Sie warten dann auf größere Schiffe, um die Menschen zu übergeben.

Über elftausend Euro am Tag

Seit der Schließung der Balkanroute vor einem Jahr wählen immer mehr Migranten die zentrale Mittelmeerroute. 24.000 Personen sind so in diesem Jahr bereits von Libyen nach Italien gekommen - das sind 6.000 mehr als noch im Vorjahr zu diesem Zeitpunkt. Im Vorjahr sind über 5.000 Menschen ertrunken. In diesem Jahr sind bereits 900 Menschen im Meer verblieben oder gelten als vermisst.

Trotz der massiven Gefahren gibt es kein staatliches Rettungsprogramm - der Fokus der EU-Agentur Frontex beispielsweise liegt auf dem Grenzschutz und dem Kampf gegen Schmugglernetzwerke.

Anders bei den privaten NGOs, deren explizite Mission die Rettung von Menschenleben ist. Die NGOs auf dem Mittelmeer werden zumeist durch Privatspenden finanziert. „Jugend rettet" wird als gemeinnütziger Verein geführt; durch Crowdfunding über die Spendenplattform betterplace.org können die freiwilligen Helfer genug Gelder sammeln, um ihre Einsätze zu finanzieren. Auch Proactiva Open Arms ist eine Crowdfunding-Initiative: sie nutzt den Hashtag #HelpOpenArms; ihr Einsatz kostet nach eigenen Angaben  5.435 Euro für einen Tag auf See. Der größte Anteil (42 Prozent) fließt in die Ausgaben für Schiffskraftstoff, gefolgt von 28 Prozent für das Management und die Koordinierung der Hilfsmissionen. Die Ausgaben der großen Rettungsschiffe sind deutlich höher; die zivile europäische Organisation SOS Méditerranée gibt täglich rund 11.000 Euro für den Einsatz der Aquarius auf See aus. Auch sie rufen zum Spenden auf.

Dennoch reichen die Spendenaufkommen nicht aus, es sterben nach wie vor Menschen. NGOs wünschen sich außerdem mehr Engagement durch staatliche Akteure. Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk betonte der Kapitän der "Sea Eye” Arne Schmidt: "Im Moment ist es leider so, dass wir von staatlicher Seite sehr wenig Unterstützung bekommen, zu wenig, um ausreichend Menschen retten zu können."

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