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Wirtschaft

Zinsfeuerwerk

Mit 0,5 Prozentpunkten auf nunmehr 1,25 Prozent hat die amerikanische Notenbank Mittwoch überraschend deutlich die Leitzinsen in den USA gesenkt. In Europa blieben die Zinsen dagegen unverändert. Rolf Wenkel kommentiert.

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Auf den ersten Blick sieht es merkwürdig aus: Den großen Volkswirtschaften diesseits und jenseits des Atlantiks geht es gleichermaßen schlecht, die amerikanische Notenbank FED senkt daraufhin die Leitzinsen überraschend deutlich, doch die Europäer tun nichts dergleichen - das Zinsgefälle zwischen Europa und den USA wird immer größer. Wie passt das zusammen? Ganz einfach: Die Europäer bilden sich nicht ein, mit Leitzinssenkungen die Konjunktur ankurbeln zu können - sie sind viel mehr an einem stabilen Euro interessiert, nach innen und nach außen.

Zwei Botschaften

In den USA dagegen wollte US-Notenbankpräsident Alan Greenspan mit seiner kräftigen Leitzinssenkung zwei Botschaften vermitteln: Erstens: Die beginnende Konjunkturerholung droht schon wieder zum Stillstand zu kommen, und zweitens: Seht her, wir tun etwas dagegen. Aber beide Botschaften sind eher psychologisch einzuschätzen und werden realwirtschaftlich kaum etwas bewirken. Zwölf mal hat die FED seit 2001 die Zinsen gesenkt, ohne nennenswerten Erfolg. Immer kam etwas dazwischen. Erst platzte die Seifenblase der New Economy, dann lösten milliardenschwere Bilanzskandale eine tiefgreifende Vertrauenskrise bei den Anlegern aus, die - anders als in Europa - zu großen Teilen ihre Altersvorsorge in Aktien angelegt haben.

Und seit einigen Monaten lähmt ein wild zum Krieg entschlossener US-Präsident die Wirtschaft, sorgt für weltweiten Attentismus. Welcher Konsument leiht sich in Zeiten eines drohenden Krieges Geld, um ein Haus oder ein Auto anzuschaffen, welcher Unternehmer leiht sich in diesen Zeiten Geld, um seine Maschinen zu erneuern oder seine Fabrikhalle zu erweitern, selbst wenn das Geld so billig ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr? Das Zinsniveau in den USA ist bereits das niedrigste seit 40 Jahren, ein Auto kann man sich für Null Zinsen anschaffen - trotzdem halten sich die Amerikaner zurück, ist das Verbrauchervertrauen auf dem tiefsten Stand seit neun Jahren.

Das ärgert den großen alten Mann der amerikanischen Geldpolitik. "Große Unsicherheit, zum Teil wegen erhöhter geopolitischer Risiken, bremsen derzeit Investitionen, Produktion und die Schaffung von Arbeitsplätzen", heißt es wörtlich in der Begründung für den Zinsschritt in den USA. Eine klarere Anspielung auf den Schaden, den US-Präsident Bush mit seinem Säbelrasseln gegenüber dem Irak der Wirtschaft zufügt, kann man sich kaum vorstellen. Aber ändern kann Alan Greenspan nichts, eben weil keine Zentralbank der Welt mit niedrigen Zinsen allein die Konjunktur ankurbeln kann. Und schlimmer noch: Bald hat Alan Greenspan sein Pulver verschossen, es bleiben ihm nur noch eineinviertel Prozent, bis er bei japanischen Verhältnissen angelangt ist.

Kluge EZB

Die Europäische Zentralbank ist da klüger. Sie hält sich ihr Pulver trocken, auch wenn das die Aktienmärkte erst einmal enttäuschen mag. Sie weiß, dass eine Konjunktur nicht in Gang kommt, nur weil das Geld billig ist. Und sie will weiter an Reputation und Glaubwürdigkeit gewinnen, indem sie weder dem Druck der amerikanischen Zentralbank nachgibt noch den Forderungen europäischer Politiker nach Leitzinssenkungen. Sollen die erst einmal ihre Staatshaushalte konsolidieren, und zwar ohne die Hilfe der Geldpolitik. Die EZB ist einzig und allein der Geldwertstabilität verpflichtet, und damit nimmt sie es sehr ernst. Sie hatte auch kaum Spielraum. Das Wachstum der Geldmenge in Euroland bricht mit sieben Prozent nach oben aus, was ein Inflationspotenzial signalisiert. Und die Inflationsrate selbst liegt deutlich über der von der EZB angestrebten Marke von zwei Prozent, unter anderem wegen deutlich gestiegener Mineralöl- und Treibstoffpreise - Präsident Bush lässt grüßen.

Insgesamt gesehen hat die EZB damit eine kluge Entscheidung getroffen. Sie gewinnt an Glaubwürdigkeit, weil sie sich nicht der Illusion hingibt, mit Geldpolitik Konjunkturpolitik betreiben zu können. Und - wie gesagt - sie hält sich ihr Pulver trocken. Denn aufgeschoben ist ja bekanntlich nicht aufgehoben.