1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Wirtschaft

Zinserhöhung gegen Inflationsängste in Europa erwartet

Ein fast schon tot geglaubtes Gespenst geht wieder um. Die Inflationsrate in der Eurozone hat im Juni erstmals die Vier-Prozent-Marke erreicht. Wie wird die Europäische Zentralbank darauf reagieren?

EZB-Chef Trichet (Quelle: AP)

EZB-Chef Trichet will nicht, das Risiken Realität werden

Alles wird teurer! So kann man es jeden Tag in deutschen Supermärkten hören, beim Bäcker, beim Friseur genauso. Auch wenn das so nicht stimmt - die sogenannte gefühlte Inflation ist überall. Erst recht seit der Euro scheinbar alles teurer gemacht hat - und er deswegen längst den Beinamen "Teuro" mit sich trägt. Doch aus der gefühlten Inflation ist mittlerweile eine schleichende Inflation geworden.

"Deutschland profitiert vom Ölpreis"

Preistreiber Nummer eins sind die hohen Energiepreise. Schon werden erste Befürchtungen laut, dass sich der enorme Preisauftrieb - ausgehend von rasantem Anstieg des Ölpreises - zu einer ernsthaften Bedrohung für die Weltwirtschaft entwickeln könnte. Nach Ansicht von Jörg Krämer, dem Chefvolkswirt der Commerzbank, muss es nicht so schlimm kommen. "Ich denke, der hohe Ölpreis ist dafür verantwortlich, dass das Wachstum hierzulande nachlassen wird. Aber es ist kein Faktor, der uns in die Rezession treiben kann." Vielmehr würden wir mit dem hohen Ölpreis auch die Integration Chinas in die Weltwirtschaft zahlen, sagt Krämer, von der wir ja letztendlich auch profitieren.

Dennoch sind die Mienen der Währungshüter in der Europäischen Zentralbank derzeit genauso angespannt wie die ihrer Kollegen von der Federal Reserve, der US-Notenbank. Denn beim Thema Inflation werden viele schnell nervös. Denn wenn das Geld seinen Wert verliert, dann kann das dramatische Folgen haben.

Wenn der Konsum kränkelt

Hände mit Geld vor Gemüsestand

Die Verbraucher entscheiden, was mit dem Konsum passiert

Wer investiert schon noch, wenn er heute weiß, dass sein investiertes Geld schon morgen nichts mehr wert ist, geschweige denn Gewinne abwirft. Und der Verbraucher reagiert ähnlich. Dem vergeht die Lust zum Einkaufen größerer Dinge, weil das ganze Geld fürs tägliche Leben draufgeht. Ökonomen nennen das dann Kaufkraftverlust.

Das größte Problem dabei sind die dann aufkommenden Verteilungskonflikte. Sie waren in den jüngsten Lohn- und Tarifverhandlungen in Deutschland ansatzweise zu besichtigen. Die Gewerkschaften wollen den unvermeidlichen Verlust an Kaufkraft nicht hinnehmen und deutlich höhere Lohnabschlüsse für die Arbeitnehmer durchsetzen.

Gefährliche Spirale

Aber wenn die Löhne im Gleichschritt mit der Inflationsrate über die Maßen steigen, dann sprechen Ökonomen von einer Lohn-Preis-Spirale oder auch sogenannten Zweitrundeneffekten. "Wenn sie das durch höhere Löhne versuchen zu kompensieren, dann führt das am Ende zu noch höherer Inflation", sagt auch Krämer. "Und es gibt eben erste Anzeichen, das es zu einer solchen Spirale kommen könnte." Schließlich würden höhere Löhne ja nichts daran ändern, dass der gesamten deutschen Volkswirtschaft Kaufkraft verloren gegangen ist.

Trichet mit klarer Botschaft

Ein Beispiel dafür ist der Ölpreis-Schock der 70er-Jahre, der eine solche Lohn-Preis-Spirale ausgelöste. In Folge des gestiegenen Ölpreises - von drei auf fünf Dollar pro Fass - verschärfte sich die Wirtschaftskrise in Deutschland. Das führte zu hoher Verschuldung, steigende Sozialausgaben und Streiks. Im öffentlichen Dienst beispielsweise setzte die Gewerkschaft eine elfprozentige Tariferhöhung durch.

Doch zu hohe Lohnabschlüsse vernichten Arbeitsplätze und würgen am Ende die Konjunktur ab. Dies vor Augen, hört beim Präsidenten der Europäischen Zentralbank, bei Jean-Claude Trichet, der Spaß auf. Beim Thema Inflation findet er deutliche Worte: "Wir sagen allen: Wir werden es nicht tolerieren, wenn Ihr die Inflationsspirale in Gang setzt. Wir rufen dazu auf, sich den gegebenen Umständen entsprechend zu verhalten."

Weniger Konsum ist gut

Zapfsäule

Der Ölhahn kann zur Waffe werden

Und so kündigte Europas oberster Währungshüter für die kommende Sitzung der EZB an diesem Donnerstag (03.06.2008) ungewöhnlich deutlich eine Zinserhöhung an. Damit werden Kredite teurer, der Konsum wird noch weiter nachlassen. Unternehmen werden kaum noch höhere Preise für ihre Produkte durchsetzen können. Weniger Nachfrage gleich sinkende Preise - so das Kalkül.

Dass dadurch die Konjunktur-Lokomotive abgebremst wird, ist ein gewollter Effekt. Denn weniger Wachstum heißt weniger Ölverbrauch. Weniger Ölverbrauch bedeutet weniger Nachfrage - weniger Nachfrage ist gleich sinkender Ölpreis. So will man die Spirale von steigenden Preisen und Löhnen anhalten.

Mahnung an die Gewerkschaften

Immer vorausgesetzt, die Gewerkschaften spielen mit. Der Abschluss im Öffentlichen Dienst in Deutschland vom Frühjahr, der unter dem Strich ein Plus von acht Prozent brachte, blieb bislang die Ausnahme. Klaus Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, mahnt dennoch: "Wir empfehlen den Gewerkschaften insgesamt, auf dem Teppich zu bleiben."

Die große Unbekannte in all diesen Rechnungen aber bleibt der Ölpreis. Weil über die Ursachen für den exorbitanten Anstieg Uneinigkeit besteht, werden sich kaum geeignete Maßnahmen finden lassen, den Anstieg durch staatliche Eingriffe zu bremsen.

Die Redaktion empfiehlt