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Alltagsdeutsch – Podcast

Zimtzicke und Co.

Sie stehen meist in der Schmuddelecke einer Sprache: die Schimpfwörter. Schimpfwort ist jedoch nicht gleich Schimpfwort. Es gibt sehr beleidigende, ordinäre, aber auch humorvolle.

Sprecher:

Wenn Schulbücher die deutsche Sprache vermitteln wollen, gehen sie dabei meist von einem idealtypischen Deutsch aus. Sie erklären die korrekt gestaltete Grammatik, welche Bedeutung einzelne Redewendungen haben, und manchmal auch welche Sprachfärbungen sich durch Mundarten ergeben. Nun wissen wir längst, dass Umgangssprache sich oft gerade nicht an die korrekte Grammatik hält. Im Alltagsgespräch sind unfertige, grammatisch unkorrekte Sätze ganz normal. Eine gewisse Nachlässigkeit signalisiert Entspanntheit. Allzu korrekte Sätze würden im munteren Geplauder nur überheblich klingen. Zur Umgangssprache gehören auch Wörter, die meist keinen Platz in Schulbüchern und Unterrichtsstunden haben: die Schimpfwörter. Einige benutzen sie gern und ausgiebig, andere haben Geschimpftes zumindest oft still gedacht. Natürlich gibt es da viel Grobes und Ordinäres – was wir Ihnen ersparen möchten –, doch oft auch Munteres und viel humorvoll verpackte Kritik. Unsere Reporterin hat sich für uns dieses Mal auf den Weg gemacht, um zu erfahren, wie die Deutschen schimpfen.

Sprecherin:

Mit dem Schimpfen ist es wie mit dem Nasebohren. Jeder macht es, aber wenn man die Leute fragt, wollen es nur die wenigsten zugeben. Deshalb führt mich mein erster Weg zu einem Fachmann für Schimpfwörter. Dr. Gerhard Müller ist Germanist. Er weiß nicht nur, dass Schimpfen weit verbreitet ist, sondern auch, wozu es gut und wichtig sein kann.

Dr. Gerhard Müller:

"Geschimpft wird immer, geschimpft wurde immer. Man hat Ärger, man hat Frust, man ist wütend. Manche fressen 's in sich hinein, bekommen Magengeschwüre, manche lassen sozusagen Dampf ab wie es heißt, sie schimpfen. Oder sie fluchen – eine Steigerung. Ein Wort, das die Situation wie der Blitz und das Gewitter die schwüle Atmosphäre reinigt. Schimpfwörter jeder Art gehen ihnen dann von den Lippen. Die Situation wird nicht säuberlich beschrieben, sie wird nicht analysiert, sie wird über die Emotion – und das ist das Zentrale – über die Emotion das Gefühl sprachlich geleistet. Es gibt im Grunde für alle Situationen des Lebens – sofern sie sich ärgerlich oder hemmend oder gleichwie frustrierend auf sie auswirken – gibt es eben Schimpfwörter."

Sprecher:

Man kann also nicht nur eine Speise in sich hineinfressen sondern auch Ärger. Ein umgangssprachliches Wort für den Ärger ist der Frust. Da war wohl manchen das Wort Frustration zu lang und zu fachlich nüchtern. Wenn Menschen sich aufregen, schimpfen oder fluchen, lassen sie Dampf ab – ganz so wie sich ein überhitzter Kessel Platz verschafft, um nicht zu explodieren.

Sprecherin:

Schimpfen befreit also, ist sprachliches Ventil für den Ärger mit sich und den anderen. Bei der Vielzahl von Schimpfwörtern, die im Laufe der Zeit gebildet wurden, ist vor allem eines auffällig: Tiernamen sind besonders beliebt, um dem einen Langsamkeit, dem anderen Dummheit oder Gemeinheit vorzuhalten.

Dr. Gerhard Müller:

"Denken wir an das Allerweltsschimpfwort – und das gilt für viele Kulturen – das Allerweltsschimpfwort Hund. Das kann man jetzt zusammensetzen, es gibt dann auch ein Hundewetter, und so weiter, hundsgemein ist ja auch ein Schimpfwort. Andere Tiere, Kamele, Hammel, Hornochse, Ziege, Lustmolch, dann gibt es eben diese zusammengesetzten Schimpfwörter Lackaffe, Salonlöwe, Sauhund, Mistvieh – also die Zahl dieser Schimpfwörter von Tierbezeichnungen hergenommen ist Legion. Mitunter sind sie aber recht possierlich und nett gemeint: eine Wasserratte, eine Leseratte – das ist kein Schimpfwort im eigentlichen Sinne, gehört aber auch in diesen Raum des Emotionalen in der Sprache. Ein Mädchen, ist eine niedliche Kröte, oder Krabbe oder eine wilde Hummel, Schmeichelkätzchen, Schmusekatze und so weiter. Das ist der positive Aspekt."

Sprecher:

Die Bedeutungen von Kamel über den Hammel bis zum Hornochsen sind ähnlich. Da hat sich jemand dumm oder vermeintlich dumm verhalten – ob es nun derjenige ist, der gerade Mutters schönste Salatschüssel fallen lässt oder der bummelnde Autofahrer auf der Landstraße, der den Zorn der Nachkommenden auf sich zieht. Schimpfwörter sind eben nicht sachlich oder konkret, sondern vor allen Ventil. Gerhard Müller stellte fest, dass es auch nett gemeinte Tierbezeichnungen für seine Nächsten gibt. Einer, der häufig schwimmt, wird da Wasserratte genannt und ein anderer, der gerne und viel liest, ist eben eine Leseratte.

Sprecherin:

Nun aber genug mit der Gelehrsamkeit. Wollen wir doch mal sehen, was den Leuten auf der Straße zum Stichwort Schimpfwörter einfällt.

O-Töne:

"In dem Kreis, wo ich so beschäftigt bin, hat sich das irgendwie so bisschen eingebürgert, das Wort Drecksack. Angenommen, ich les' jetzt hier die Zeitung, wenn ich Leute hab', die so 'n bisschen nach oben steigen, nach unten treten, dass die jetzt, wollen wir sagen, ihren Nächsten so bisschen unnebuttern.

Sprecher:

Ein Mensch, der seinen Nächsten unterbuttert, ist für unseren letzten Sprecher ein Drecksack. Unterbuttern – oder wie er im weichen hessischen Tonfall sagte unnebuttern – bedeutet, einen anderen zu unterdrücken oder zu benachteiligen. Und wenn unser Hesse so jemand sieht, fängt er nicht etwa ein großes Palaver – also ein langes Hin- und Hergerede an, sondern sagt einfach mit dem Schimpfwort Drecksack seine Meinung. Das Wort Drecksack selbst hat genau wie Kamel und Hammel keine genau definierte Bedeutung, sondern drückt nur etwas derber aus, dass sich jemand gemein gegenüber anderen verhält.

Sprecherin:

Aber kommen wir doch noch mal zu den Tiernamen. Es gibt ja nicht nur Kamel, Hund und Hammel, sondern auch allerlei Fantasiebegriffe und Wortzusammensetzungen. Was mich als Kind immer besonders faszinierte, war die Zimtzicke, besonders wenn meine Mutter das Wort aussprach oder besser halblaut zischte, immer wenn der Besuch von Tante Frieda endlich vorbei war. Meine Mutter schimpfte oder fluchte sonst nie. Nur die Zimtzicke konnte sie nicht zurückhalten. Wollen mal sehen, was die Leute auf der Straße unter einem solch exotischen Tier verstehen.

O-Töne:

"Eine, sag'n wir mal, primitive Emanze. / Zimtziege? Die unzufrieden ist, eine. Das ist 'ne Zimtzicke. / Streitsüchtig würde ich eher sagen. / Zimtzicke das ist 'ne eingebildete Frauenzimmer. Ne Zimtzicke. / Zimtzicke ist für mich 'ne Person, die etepetete ist, woll'n mer sagen."

Sprecher:

Streitsüchtig ist die Zimtzicke, eingebildet und – wie der Mann zuletzt sagte – etepetete. Etepetete ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für einen Menschen, der sich besonders geziert gibt und übermäßig empfindlich zeigt. Und um noch deutlicher auszudrücken, dass die eingebildete Frau einen unangenehmen Charakter hat, spricht man statt von einer Frau von einem Frauenzimmer. Aber hören Sie noch andere Fußgänger, die unsere Reporterin nach ihrer Vorstellung von einer Zimtzicke gefragt hat.

O-Töne:

"Ja, die so igelig ist, ekelig, ne Zimtzicke, die so wie soll ich sagen, na ja, die sich überall reinmischt und wissen Se und über jeden schlecht spricht. / Ne Zimtzicke is', die 'n bisschen affektiert ist, eingebildet, hochnäsig oder so – dann sacht man als Kölsche – man dat it vielleicht 'ne Zimtzicke.' Mit der Kleider kann es auch zu tun haben, wenn sich eine – sag 'n wir mal – jetzt extravagant oder soso überkandidelt ante 'Man wat is' dat denn für 'ne Zimtzicke', ne, sagt man so."

Sprecher:

Die Zimtzicke kann also auch sehr neugierig sein. Manchmal ist sie auch nur besonders ausgefallen, also extravagant gekleidet. Und wenn sie ihre ausgefallene Kleidung sehr demonstrativ vorzeigt, sich also für etwas ganz Besonderes hält, dann ist sie überkandidelt.

Sprecherin:

Nur gibt es natürlich nicht nur weibliche Zimtzicken. Eingebildete und überkandidelte Männer werden aber nicht etwas Zimtböcke genannt, sondern einer ganz anderen Tierart zugerechnet.

O-Töne:

"Lackaffe. / Die et Näschen etwas hoch tragen, da rein riechen, et aber nit verdient haben. Das ist für mich 'nen Lackaffe. / Lackaffe ist, wenn einer so eingebildet ist. Wie soll ich Ihnen das sagen, Lackaffe: auffallend, arrogant. / Ja, wenn dat so 'n eingebildeter Fatzke is, ne. / Ein Lackaffe ist einer, der sich so parfümiert, so, so wat, is' für mich 'n Lackaffe. Dat kann jung und alt sein."

Sprecherin:

Hunde, Ziegen, und Affen werden somit versammelt. Fehlt nur noch ein besonders beliebtes in der Hitliste der Schimpfwörter: das Schaf.

O-Töne:

"'N Schaf ist ja normalerweise im … Volkstümlich ist dat 'n dummes Tier, ne. / Dat sacht man aus, wenn se irgendwie sich dumm anstellt 'Mein Gott bist du ein dummes Schaf'. Ne? Weil gut, die frisst und mehr kann et nit, ne? In dem Sinne. Ein Schaf, das frisst und damit hat es sich / 'N Mensch, der der nicht schnell schaltet im Kopf, ja."

Sprecher:

Dumm und langsam ist das Schaf und lässt alles mit sich geschehen. Übertriebene Unterwürfigkeit drückt auch die Redewendung aus Zu allem Ja und Amen sagen. Wenn jemand keine eigene Meinung zeigt, also immer nur dem Willen anderer folgt, dann sagt er eben zu allem Ja und Amen.

Sprecherin:

Für jede unangenehme Eigenschaft scheint es ein spezielles Tier zu geben. Hunde sind gemein, Kamele sind dumm, Schafe naiv und folgsam. Kein Wunder, dass langsame Menschen da nicht ungeschoren bleiben.


O-Ton:

"Sag ich mal so unter dem Motto Komm ich nicht heute, komm ich morgen. Is mir im Prinzip egal, ob ich dat jetzt noch heute schaffe oder morgen, und da sagt man ja Trantüte oder Tranfunzel, dat is' mir dann also egal, wann ich das mache, aber irgendwann mal, ne. Es muss nicht unbedingt jetzt gerade sein."

Sprecherin:

Schimpfwörter sind immer Grenzgänge. Nennt man jemanden Lump oder Gauner wird er sich kaum darüber freuen. Nennt man ihn stattdessen Filou kann das zwar das Gleiche bedeuten, hört sich aber viel netter an, weil der Filou auch gleichzeitig ein Schelm und Schlaukopf ist. Nicht nur, dass es grobe und humorvolle Schimpfwörter gibt: Oft entscheidet einfach die Situation, wie etwas aufgefasst wird. Was den einen erheitert, macht den anderen ärgerlich und schließlich ist die Betonung noch wichtig. Was die Wendung Der Ton macht die Musik sehr schön ausdrückt. Wie wichtig die Betonung der Worte sein kann, weiß Karl Heinz Müller sehr genau. Als Schiedsmann ist er Schimpfwortspezialist besonderer Art.

Karl-Heinz Müller:

"Die Hauptbeschäftigung ist die Körperverletzung und die Beleidigung. Und bei der Beleidigung ist es so, es sind fast immer die gleichen Worte, die dort kommen. Da ist der Dummkopf, da ist der Betrüger, da ist der Halsabschneider. Nun der Ausdruck für Mädchen, die – wie man so schön sagt – auf den Strich geht, da kommt die Schlampe, die Bordsteinschwalbe und der Zuhälter."

Sprecher:

Schiedsmänner und -frauen sind in Deutschland ehrenamtliche Mitarbeiter in der Rechtspflege. Ihre Aufgabe besteht darin, kleinere Streitigkeiten zu schlichten, um die Gerichte zu entlasten. Richten dürfen sie nicht, nur vermitteln. Das tun sie jedoch mit einigem Erfolg, denn nur ein Zehntel der Menschen, die den Schiedsmann um Rat fragen, gehen später vor Gericht.

Fragen zum Text

Dem Schaf wird folgende Eigenschaft zugeschrieben: …

1. Extravaganz.

2. Dummheit.

3. Hinterlist.

Kein Schimpfwort ist: …

1. Lackaffe

2. Zimtzicke

3. etepetete

Eine Trantüte ist …

1. jemand, der extravagant ist.

2. ein langsamer und träger Mensch.

3. eine Bezeichnung für eine naive Frau.

Arbeitsauftrag

Notieren Sie alle Schimpfwörter in diesem Text, die sich aus zwei Wörtern zusammensetzen. Setzen Sie das Wort jeweils in die Grundform und ordnen Sie ihm den richtigen Artikel zu – zum Beispiel Hundewetter: der Hund; das Wetter.

Autor: Günther Birkenstock

Redaktion: Beatrice Warken

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