1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Europa

Zigaretten für Dschihadisten

Schmuggel ist ein lukratives Geschäft für Terroristen. Einer Recherche nach gelangen auch Waren aus Europa in die dortigen Islamisten-Hochburgen: Zigaretten aus Montenegro.

Schon die offiziellen Zahlen des Statistikamtes in Montenegro lassen staunen: Das kleine Adrialand exportierte in den vergangenen drei Jahren 3.409 Tonnen Zigaretten im Wert von rund einer halbe Milliarde Eure nach Libyen - mehr als in seine zwölf anderen Abnehmerländer zusammen. Die Recherche eines Verbundes investigativer Journalisten, deren Ergebnisse auch von der DW veröffentlicht werden, legt nahe, dass es sich um schmutzigen Handel mit islamistischen Terroristen handelt.

Auf wiederholte Anfrage bestätigte die montenegrinische Zolldirektion, dass die meisten Zigaretten in drei libysche Häfen verschifft wurden: nach Tobruk, wo die international anerkannte Regierung ihren Sitz hat, vor allem aber nach Bengasi und Misrata. In Misrata herrschen Rebellen, der Hafen von Bengasi wurde bis vor Kurzem von der terroristischen Gruppierung Ansar al-Scharia kontrolliert, die lose mit dem sogenannten "Islamischen Staat" verbunden ist und für den blutigen Angriff auf das amerikanische Konsulat in der Stadt im Jahr 2012 verantwortlich gemacht wird.

Der Zigarettenschmuggel sei eine wichtige Einnahmequelle der Extremisten, sagt ein libyscher Geheimdienstler, der anonym bleiben möchte. Er bejaht, dass Zigaretten auch aus Montenegro ins Land kommen. Auf dem Territorium des zerfallenden libschen Staates könne dieser Schwarzhandel aber kaum verhindert werden. Nach einigen Angaben sind derzeit 1.200 verschiedene bewaffnete Gruppierungen in Libyen unterwegs.

Mit staatlichem Segen

Stellt sich die Frage, warum nicht wenigstens montenegrinische Behörden zur Aufklärung der dubiosen Geschäfte beitragen können. Immerhin ist das Balkanland offizieller EU-Anwärter und soll schon bald NATO-Mitglied werden. In Montenegro aber tut man so, als sei das alles Unsinn: "Denken Sie wirklich, dass diese Gruppen auf Ladungen aus Montenegro warten, um ihren Wunsch nach Nikotin oder Profit zu stillen?", spottet Slavoljub Vukašinović, bis vor kurzem Direktor des "Tabak-Kombinates Podgorica (DKP)" aus der montenegronischen Hauptstadt, auf die Frage der Jornalisten.

Stadt Berane in Montenegro (Foto: CIN-MG (Zentrum für investigativen Journalismus Montenegro)

Auch in Montenegro kann man illegale Zigaretten einfach finden - hier eine Szene vom Markt in der Stadt Berane

Wichtig dabei: Das Kombinat DKP war von 2012 bis 2016 für die umstrittenen Exporte verantwortlich. Und bis Februar 2016 war es in staatlichem Besitz. In die Schlagzeilen kam es aber nicht wegen fragwürdigem Tabakhandel, sondern wegen der Dauerproteste der Arbeiter, deren Lohn trotz immenser Zigarettenexporte oft ausblieb. Seit Februar gehört die Firma einem arabischen Investor.

Arabische Connection

Das Business mit Libyen wurde jahrelang mit der Firma "Liberty Fze" aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gemacht. Diese hatte nach Medienberichten dem montenegrinischen Tabakwarenhersteller die Lizenz zur Produktion der ägyptischen Marke "Cleopatra" besorgt. In mehreren Interviews rühmte sich Vukašinović damit, dass die arabischen Kultzigaretten nun in Montenegro produziert würden. Gleichzeitig hieß es aber aus Ägypten, dass "Cleopatra" aus Montenegro eine Fälschung sei. Auch eine Klage gegen den staatlichen Hersteller aus der Hauptstadt Podgorica wurde angekündigt.

Das alles hinderte das staatliche Kombinat DKP aber nicht daran, seine Cleoparta-Produktion sowie Produkte unter anderen Namen im großen Stil nach Nordafrika zu verfrachten. Mehrmals wurden die Schiffe aus dem montenegrinischen Hafen Bar auf ihren Weg über das Mittelmeer von der griechischen Küstenwache angehalten - wie etwa im März vergangenen Jahres, als griechische Behörden 146 Tonnen der gefälschten "Cleopatra" beschlagnahmten.

Vertrautes Geschäft

Dabei ist der Zigarettenschmuggel ein alles andere als unbekanntes Thema in Montenegro. Das Land sei ein wichtiges Drehkreuz für illegale Tabakwaren, die auch in EU-Länder verkauft werden, schreibt die Brüsseler Polizeibehörde Europol in einem Bericht von 2012. Die italienische Staatsanwaltschaft bezeichnete den heutigen Regierungschef Milo Đukanović sogar als Patron des Zigarettenschmuggels in den 90er-Jahren. Doch Đukanović, der seit 1991 die höchsten Staatsämter bekleidet, blieb samt seinen engsten Mitarbeitern auch für die italienische Justiz unantastbar. Die stellte ihre Ermittlungen 2009 ein.

Der Seehafen in montenegrinischen Bar (Foto: CIN-MG (Zentrum für investigativen Journalismus Montenegro)

Der Seehafen im montenegrinischen Bar. In der eingekreisten Halle lagern Zigaretten

Im Gegensatz zum Ölschmuggel wurde der Verkauf illegaler Zigaretten als Einnahmequelle der islamistischen Terroristen bisher wenig beachtet. Dabei sei das Geschäft in Nordafrika jährlich rund eine Billion US-Dollar schwer, schrieb 2013 die Londoner Tageszeitung "The Guardian". Etwa drei Viertel der in Libyen gerauchten Zigaretten würden illegal verkauft. Milizen wie Ansar al-Scharia verdienten entweder an einer "Steuer" für die sichere Passage oder übernähmen den Vertrieb gleich selbst. Die Hauptrouten, so steht es im Guardian-Artikel, führen aus illegalen Fabriken in China und Vietnam über Westafrika in den Maghreb.

Dass das winzige europäische Land Montenegro in dem großen Schattengeschäft eine Rolle spielen könnte, war bisher hingegen unbekannt. Die montenegrinische Staatsanwaltschaft zeigt bis heute kein Interesse daran, sich mit den Vorwürfen zu beschäftigen. Offen bleibt, ob die in den vergangenen Jahren genutzte Route nach Bengasi und Misrata weiter funktioniert. Als die Reporter das in der sogenannten Freizone des montenegrinischen Hafens Bar checken wollten, versperrten ihnen Sicherheitsleute den Weg. "Eingang nur für Mitarbeiter", hieß es.

Die Autoren Vladimir Otašević (vom "Montenegrinischen Zentrum für investigativen Journalismus"), Marko Vešović (von der Tageszeitung "Dan" aus Podgorica) und Hassan Haidar Diab (von der Tageszeitung "Večernji list" aus Zagreb) sind mehrfach ausgezeichnete Journalisten. Die Recherche, auf Deutsch exklusiv von der DW publiziert, wurde gleichzeitig in mehreren regionalen Medien veröffentlicht.