1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Sprachbar

Zeugnissprache

Bemüht, fähig zu delegieren, gesellig, geradlinig und offen, einfühlsam und stets pünktlich. So sind sie, die Arbeitnehmer. Aber nur in der Sprache ihrer Arbeitszeugnisse.

Wer stets "voll hinter seinem Arbeitgeber gestanden hat", muss nicht unbedingt zu viel Alkohol getrunken haben. Allerdings lässt eine solche Formulierung die Vermutung zu, dass es sich da nicht um einen ausschließlich loyalen, solidarischen Mitarbeiter gehandelt hat.

Geschminkte Wahrheit

So unmissverständlich und gerade heraus würde Trunksucht wohl kaum in Zeugnissen angesprochen werden. Wenn überhaupt. Denn - da ist das Arbeitsrecht vor – qualifizierte Arbeitszeugnisse müssen nach den beiden Grundsätzen des Wohlwollens und der Wahrheitspflicht erstellt werden.

Zeugnistexte sind Musterbeispiele für sprachliche Verschlüsselungen. Spitzenkräfte zu beurteilen ist einfach. Was aber ist mit den faulen Säcken, den Quasselstrippen und Kolleginnengrabschern? Wie schreibt man, dass - "Keine Feier ohne Meier" – der Typ aus dem Versand immer einen im Tee hat, sprich: zu viel Alkohol trinkt?

Die Codes

Zeugnissprache – Geheimsprache könnte man sagen. "Herr Meiers außergewöhnlich gesellige Art“ zum Beispiel ist der diskrete, aber unmissverständliche Hinweis auf sein Alkoholproblem. Raffiniert sind Formulierungen wie "kann konzentriert arbeiten". Ja, was denn sonst, möchte man fragen.

Wenn Selbstverständliches mit Nachdruck attestiert wird, darf man davon ausgehen, dass der Betreffende genau das Gegenteil getan hat. Das lobende Erwähnen von Pünktlichkeit ist nicht nur die Betonung einer Selbstverständlichkeit, sondern jeder weiß, dass die verehrte Kollegin, der verehrte Kollege stets auf den letzten Drücker und außer Atem ins Büro gestürzt kommt.

Worte statt Noten

Einer echten Spitzenkraft zu bescheinigen, dass sie „nach klarer eigener Planung stets optimale Ergebnisse erreicht hat“; damit hat wohl kein Chef ein Problem. Wie aber geht man mit den Nullnummern um? Wer immer "bemüht" war, "zu brauchbaren und weiterführenden Arbeitsergebnissen zu kommen", ist der innerbetriebliche Totalausfall gewesen.

In Schulnoten bewertet läge das zwischen mangelhaft und ungenügend. Ebenso die Kollegin und der Kollege, die "großes Verständnis für ihre Arbeit zeigten". Klartext: Es wurden keine brauchbaren Leistungen erbracht.

Durch die Blume

Wem im Arbeitszeugnis bescheinigt wird, er oder sie sei "aufgrund fundierter Allgemeinbildung eine geschätzte Gesprächspartnerin", kann davon ausgehen, als Quasselstrippe enttarnt worden zu sein. Wer seine Zeit mit Privatgesprächen verbringt, kommt halt nicht zum Arbeiten, dafür müssen dann andere herhalten.

"Sie verstand es, alle ihr übertragenen Aufgaben mit großem Erfolg zu delegieren". Klingt erst mal ganz gut, ist aber ein vernichtendes Urteil. Auch die "geradlinige Offenheit gegenüber Kollegen und Vorgesetzten" darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Besserwisserei und penetrantes Vorlaut-Sein gemeint sind.

Einfühlung

Wer Kolleginnen gerne und oft über die Schulter schaut, hat nicht unbedingt den Monitor oder Arbeitsunterlagen im Blick. Vermeintliche Hilfsbereitschaft ist nicht selten schlecht getarnte Annäherung, die schon mal handgreifliche Formen annehmen kann.

Für notorische Anmacher im Kollegenkreis hat die Zeugnissprache eine hintergründige Formel parat: "Für die Belange der Belegschaft bewies er immer umfassendes Einfühlungsvermögen."

Einvernehmen

Tja. Und irgendwann erfolgt dann die fristlose Kündigung. "Im beiderseitigen Einvernehmen" stünde im Zeugnis zu einem so genannten 'krummen Datum'. Beispielsweise dem 17. eines Monats. Jeder kundige Zeugnisleser weiß, da hat es ordentlich im Karton gerappelt und der einfühlende Kollege ist rausgeschmissen worden.

Normalerweise erfolgt die Auflösung eines Arbeitsverhältnisses nämlich zum Monatsende. Handelt es sich wirklich um eine "einvernehmliche" Kündigung, so wird dies mit "im besten beiderseitigen Einvernehmen" umschrieben.

Fragen zum Text

Was ist eine Quasselstrippe?

1. Jemand, der viel redet.

2. Ein Telefon.

3. Eine Süßspeise.

Wann ist eine Kündigung einvernehmlich?

1. Wenn der Arbeitgeber die Kündigung ausspricht.

2. Wenn der Arbeitnehmer die Kündigung ausspricht.

3. Wenn beide die Kündigung wollen.

Was bedeutet der Satz "Sie verstand es, alle ihr übertragenen Aufgaben mit Erfolg zu delegieren" in der Zeugnissprache?

1. Sie konnte alle Aufgaben erfolgreich lösen.

2. Sie versuchte, die Aufgaben zu lösen, machte aber alles falsch.

3. Sie gab ihre Aufgaben einfach an andere weiter.

Arbeitsauftrag

In der Zeugnissprache können "Geradlinigkeit und Offenheit", zwei eigentlich positive Eigenschaften, "Unverschämtheit" bedeuten. Sammeln Sie in Partnerarbeit ein paar Ideen, wie man andere Schwächen eines Mitarbeiters (z.B. Faulheit, Langsamkeit oder häufiges Fehlen) freundlich und humorvoll umschreiben könnte.

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links

Audio und Video zum Thema

Downloads