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Bücher

Zeugen des Krieges

Die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch lässt "Die letzten Zeugen" 60 Jahre nach Kriegsende zu Wort kommen. Prosa jenseits der Siegerpose: der Zweite Weltkrieg als Geschichte des menschlichen Geistes.

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Der Sieg der Sowjetarmee in Berlin

Swetlana Alexijewitsch, Jahrgang 1948, stammt lebt heute in Paris. Ihre Bücher sind bereits in mehr als zwei Dutzend Sprachen übersetzt worden. Die Schriftstellerin, die auf Russisch schreibt, ist vor allem mit ihren Werken über den Krieg berühmt geworden: 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, beansprucht sie mit ihren Büchern eine neue, philosophische Dimension des historischen Geschehens und spricht von der Geschichte des menschlichen Geistes. Gerade ist in Deutschland ihr Buch "Die letzten Zeugen" erschienen: Der Zweite Weltkrieg - gesehen mit den Augen der russischen Bevölkerung, von Kindern, die Tod und Zerstörung in jungen Jahren verkraften mussten.

Swetlana Alexijewitsch

Swetlana Alexijewitsch

"Ich wollte über den Wahnsinn des Krieges schreiben - nicht über den Sieg." Damit war Swetlana Alexijewitsch ihrer Zeit weit voraus. Mitte der 1980er-Jahre spalteten ihre Bücher über den Zweiten Weltkrieg die Nation: Gesehen mit den Augen der russischen Frauen, die an der Front waren und aus Sicht der Kinder, die die deutsche Besatzung und die Kämpfe unmittelbar erlebt haben, verlor der Krieg plötzlich seinen heroischen Glanz und wurde zum blutigen Gemetzel, in dem man Todesangst, Schmerzen, und sogar Mitleid mit dem Feind empfand. Niemand in der Sowjetunion hatte bis dahin gewagt, so über den "Großen Vaterländischen Krieg" zu schreiben: "Mir wurde Naturalismus und Pazifismus vorgeworfen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie der Zensor meinte: Wir brauchen diese grausame Wahrheit nicht. Danach wird niemand mehr in den Krieg ziehen, Sie diffamieren unseren Sieg!"

"Warum hat man ihr ins Gesicht geschossen?"

Als Michail Gorbatschow mit seiner Politik der Glasnost und Perestroika eine neue Ära ankündigte, durften die Bücher von Swetlana Alexiewisch zwar herausgegeben werden, doch sie wurden von der sowjetischen Zensur regelrecht verunstaltet, sagt die Schriftstellerin. "Wir hatten eine fast mythische Gestalt der heldenhaften Jungpioniere. Doch ich ließ irgendwelche Kleinkinder zu Wort kommen: Warum hat man meine Mami umgebracht? Sie war doch so schön! Warum hat man ihr ins Gesicht geschossen? Oder eine andere Passage, wo ein kleiner Junge über den zerbombten Friedhof um sein Leben rennt und beim Anblick der aufgewühlten Gräbern daran denkt, dass die Toten zum zweiten Mal getötet wurden."

Auch heute: Überleben

Fast 20 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist der Titel "Die letzten Zeugen" auch auf Deutsch erschienen. Die Neuausgabe beinhaltet nun alles, was die sowjetische Zensur einst gestrichen hatte. Aber auch das, was die Zeitzeugen sich damals - bei der Recherche zu ihrem Buch - einfach nicht getraut haben auszusprechen. Viele hinterließen der Autorin ihre Tagebücher und erzählten neue Einzelheiten: "Meine Bücher kann man nicht zu Ende schreiben. Sie werden von der Zeit geschrieben", sagt Swetlana Alexijewitsch.

Die Zeiten änderten sich und mit ihnen auch die Gesprächspartner von Swetlana Alexijewitsch. Im heutigen Russland werden ihre Bücher über den Krieg als besonders zeitgemäß empfunden. Nicht etwa weil man bald den 60. Jahrestag des großen Sieges feiert, sondern weil Swetlana Alexijewitsch über den Mut zum Überleben erzählt. Über die Würde eines Menschen trotz menschenunwürdiger Bedingungen. Das sei auch heute in Russland aktuell, so die Schriftstellerin: Der Alltag dort sei immer noch ein ständiger Ausnahmezustand.

Gerade deshalb sei auch die Reflektion über die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges, seines Einflusses auf die menschliche Psyche, auf den menschlichen Geist, so wertvoll, sagt die Schriftstellerin. "Doch das Wichtigste war dabei, aus all diesen Geschichten eine neue philosophische Sichtweise auf den Krieg zu entwickeln. Denn die Fakten für sich betrachtet wären nichts anderes als eine Sammlung von Horrorgeschichten. Davon haben wir aber auch heute genug: Man braucht nur den Fernseher einzuschalten!"

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