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Wirtschaft

Zerstörte Umwelt als Chance für Unternehmer

Nach der Wende mussten Ideen her, um die maroden DDR-Anlagen zu sanieren und umzurüsten. Vor allem die verschmutzte Umwelt machte Probleme. Zwei Unternehmer sahen darin ihre Chance. Von Bettina Thoma.

Wenn Kurt Itzigehl vor seine Firma tritt, blickt er direkt auf die bis in den Himmel ragenden Schlote des Deuna Zementwerkes. Jahrelang wurden hier Baustoffreste ungefiltert in die Luft gepustet. "Der Zementstaub überzog die Dächer der Häuser, die Bäume und die Felder mit einem gräulichen Film", erinnert sich der Ingenieur. Als ob jemand den Farbfilm in dem kleinen Ort im nordwestlichen Thüringen vergessen hätte.

In der Garage fing alles an

05.11.2014 WIKO Indu 01

Kurt Itzigehl (links)

Jahrelang arbeitete der heute über 70-jährige in der DDR-Zementfabrik in Deuna (heute im Freistaat Thüringen). Dann kam die Wende. "Sie war das beste, was mir passieren konnte", erklärt Kurt Itzigehl. Der Ingenieur ergriff die Chance und gründete seine eigene Firma, die InduServ GmbH. Zu Hause, in seiner Garage baute er aus alten Filtern für die Zementindustrie, neue, bessere.

Doch mit dieser ersten Geschäftsidee machte er eine Bauchlandung: Denn die Zementwerke, die sich schnell an neue Umweltstandards anpassen mussten, bekamen für umgebaute Filter kein Geld vom Staat. Subventionen gab es nur für neugebaute Filter. "Da habe ich mich hingesetzt und wir haben das Konzept verändert. Wir haben die Rekonstruktion verworfen und den ersten neuen Filter entwickelt." Einen sogenannten Taschenfilter, der 1993 zugelassen wurde.

In der DDR gab es viel zu filtern

Födisch 01

Holger Födisch

Und der fand reißenden Absatz. Denn in der DDR gab es eine Menge zu filtern: Ruß, Staub und Dämpfe. Und das im gesamten Bereich der Baustoffindustrie. Schon bald zog die Firma aus der Garage in ein neues Gebäude und expandierte. Kurt Itzigehl holte ehemalige Kollegen aus der Branche, gab ihnen einen neuen Job. Heute hat seine Firma InduServ rund 70 Mitarbeiter.

Auf großen weißen Plänen in der Werkstatt stehen die Anleitungen für die Anlagen: Die Komponententeile werden zentimetergenau zugeschnitten, "wie beim Schneider", und dann zusammengeschweißt. Itzigehls Firma entwickelt und baut inzwischen nicht nur Filter, sondern ganze Anlagen.

25 Jahre nach der Wende und nach der Gründung seiner Firma kommen Kurt Itzigehls Kunden nicht mehr nur aus der Zementindustrie, sondern auch aus dem Bergbau. Seine Mitarbeiter sind inzwischen in ganz Deutschland unterwegs, um die Filteranlagen zu montieren und zu warten. Überall dort, wo es was zu filtern gibt.

Hässlichste Firma Deutschlands

Födisch 04

Firmensitz im Jahr 1991...

Die Messgeräte dazu lieferte Holger Födisch. Auch er gründete nach der Wende sein eigenes Unternehmen. Der 30-jährige verhandelte mit der Treuhand und übernahm für damals 300.000 D-Mark "die hässlichste Firma Deutschlands", wie er sagt. Sie war ein Teil eines Betriebes für Entstaubungstechnik in Markranstädt bei Leipzig in Sachsen. Dort hatte er als Abteilungsleiter gearbeitet.

Födisch 03

... und im Jahr 2011

Ähnlich wie bei Kurt Itzigehl war die Anfangszeit schwierig. Die ersten Jahre arbeitete der promovierte Verfahrenstechniker noch als Dozent, um die Firma über Wasser zu halten. "Wir haben mit Dienstleistungen wie Abnahmemessungen in Kraftwerken angefangen. Als die Aufträge ausblieben, haben wir vermehrt darauf gesetzt, eigene Geräte zu entwickeln", erzählt der heute 54-jährige.

Export wird immer wichtiger

Das Experiment gelang. Die Firma baut, installiert und betreut Geräte, die die Staub- und Gasbelastungen in den verschiedensten Industrieanlagen messen. Heute gehört die Aktiengesellschaft mit 250 Mitarbeitern in Deutschland zu den führenden Unternehmen im Bereich der Umweltmesstechnik. 29 Millionen Umsatz machte Födisch im vergangenen Jahr zusammen mit seinen Tochterfirmen und setzt immer mehr auf den Export. Im europäischen Ausland und in Südafrika sitzen die Kunden.

Wichtigster Wachstumsmarkt: China

Der wichtigste Wachstumsmarkt aber ist China. Die Umsätze dort sind enorm gestiegen, vor allem seitdem die Regierung in Peking sich den Kampf gegen Umweltprobleme auf die Fahnen geschrieben hat. Viele Kohlekraftwerke werden mit neuer Technologie ausgerüstet, unter anderem mit Staubmessgeräten. Inzwischen fliegt Holger Födisch zweimal im Jahr dorthin, um mit Kunden zu verhandeln.

Und auch das Firmengebäude in Markranstädt, dort wo alles anfing, ist längst saniert. Heute steht ein helles Gebäude mit großen Fenstern auf dem Gelände. Von der "hässlichsten Firma Deutschlands" ist nichts mehr zu erkennen.

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