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Welt

Zerreißprobe für libysche Rebellen

Die Ermordung des libyschen Rebellen-Generals Abdel Fattah Junis könnte in den eigenen Reihen geplant worden sein. Wer für den Mord verantwortlich ist, ist noch unklar. Spaltet der interne Machtkampf die Rebellen?

Ein libyscher Rebell mit Fernglas und Waffe (Foto: AP)

Ein Weg? Die Rebellen scheinen doch nicht so einig

Der Mord an Abdel Fattah Junis vergangene Woche gilt als herber Rückschlag für die Rebellen und die westlichen Mächte im Hintergrund. Mit seinen großen militärischen Erfahrungen war der General der militärische Kopf des Aufstandes. Junis war aber auch umstritten: Er war an dem Putsch beteiligt, der Gaddafi 1969 an die Macht brachte. Und er diente dem Machthaber mehr als 40 Jahre lang.

Deswegen misstrauten ihm Teile der Opposition. Seine Ermordung könnte ein Zeichen für die Spaltung der Rebellen sein. Die Familie Junis machte "Verräter" in den eigenen Reihen für die Tat verantwortlich. Der libysche Oppositionelle Ashour Al Shames glaubt allerdings, dass Junis von Gaddafis "fünfter Kolonne" getötet wurde. "Gaddafi ist der Einzige, der vom Tod Abdel Fattah Junis profitiert, weil Junis ihm jahrelang sehr nahe stand und weiß, was kein anderer weiß", sagt er. Junis hätte eines Tages eine Menge von diesen Geheimnissen lüften können. Deswegen wurde er als gefährlich eingestuft.

Gespaltene Reihen

Getöteter Rebellen-General Abdel Fattah Junis (Foto: AP)

Getöteter Rebellen-General Abdel Fattah Junis

Inwieweit diese Vermutung stimmt, ist noch unklar. Denn die Umstände des Mordes sind noch nicht geklärt, nur die mutmaßlichen Täter wurden gefasst. Nach Ansicht von Beobachtern ist Junis von einigen Rebellen nie akzeptiert worden, weil er als Gaddafis Vertrauter gegen Dissidenten besonders hart vorgegangen war.

Libyen-Experte Alfred Hackensberger glaubt dagegen, dass die Ermordung von Junis das Werk der Rebellen war. Für ihn steht fest, dass es schon von Anfang an Risse in deren Reihen gegeben hat: "Es gibt verschiedene Milizen, darunter auch islamistische und Privatmilizen, die von einigen Leuten unterhalten werden. Angeblich soll es sogar Pro-Gaddafi-Milizen gegeben haben, die man offensichtlich ziemlich lange geduldet hat." Seiner Meinung nach ist diese Tatsache in der Medienberichterstattung untergegangen.

Laut Hackensberger gibt es Unterschiede zwischen den Rebellen im Osten und im Westen des Landes. Die Rebellen im Westen, nahe der tunesischen Grenze, bestehen zum größten Teil aus Berbern und zu einem geringeren Teil aus Arabern, die in den Nafusa-Bergen im Hochplateau in der Nähe von Tripolis leben. Trotz ethnischer Unterschiede zeichnet sie große Einigkeit im Kampf gegen Gaddafi aus. Kleinere islamistische Gruppierungen unter ihnen spielen angeblich keine große Rolle.

Soldaten im Kampfanzug knien zum Gebet (Foto: dpa)

Von ungläubig bis islamistisch - die Rebellen unterscheiden sich

Dagegen ist die Rebellengruppe im Osten heterogener. Sie bildet nur dann eine Einheit, wenn es um den militärischen Einsatz gegen Gaddafi geht. Kleinere islamistische Gruppierungen sorgen für Unruhe. Sogar der libysche Oppositionelle Al Shames gibt zu, dass es "in Bengasi einige bewaffnete Milizen gibt, die teilweise fanatisch sind". Allerdings habe der Übergangsrat kein komplettes Bild über die Gruppierungen, die sich in die Rebellengruppen eingeschlichen hätten. Nur langsam würden sie ans Licht kommen und entsprechend behandelt.

Einigkeit zeigen

Die Vermutungen, dass Islamisten hinter der Ermordung von Junis stehen, bringen den Nationalen Übergangsrat der Rebellen ein wenig in die Bredouille. Er ist offensichtlich um Schadensbegrenzung bemüht und versucht Einigkeit zu zeigen. Gerade jetzt, wo er große diplomatische Erfolge verbucht hat und inzwischen von mehr als 30 Ländern anerkannt wurde.

Ashour Al Shames versucht, islamistische Gruppierungen als unbedeutende Randerscheinungen darzustellen: "Es gibt einzelne Personen, aber keine richtigen Organisationen, die Interesse haben, die Arbeit des Übergangsrats zu torpedieren. Alle, auch die Islamisten, haben das gleiche Ziel: Gaddafi und das Regime in Tripolis loszuwerden." Die Gruppierungen im Osten des Landes seien nicht groß und nicht organisiert.

Islamismus in Ostlibyen

Trotzdem werden laut Medienberichten islamistische Strömungen innerhalb der Reihen der Rebellen als maßgeblich eingestuft, vor allem in Ostlibyen. Viele ehemalige Afghanistan- und Irak-Kämpfer sollen heute hohe Ämter in der Militärstruktur bekleiden. Sie sollen früher an der Seite von Al Kaida gekämpft haben. Der Sicherheitschef der Hafenstadt Darna ist einer von ihnen. Er soll sogar mit Osama bin Laden trainiert haben. Inzwischen unterhält er eine eigene Miliz.

Rebellen in Ras Lanuf (Foto: AP)

Rebellen in Ras Lanuf

Viele Islamisten aus den Rebellengruppen gehörten der "Islamischen Kampfgruppe" an, einer Terrorgruppe mit engen Beziehungen zu Al Kaida. Sie wurden vor der Revolte, nach einer Amnestie Gaddafis, aus den Gefängnissen entlassen. Sie sollen ihr militärisches Können an andere Aufständische weitergegeben haben, meint Libyen-Experte Hackensberger. Bengasi selbst oder Ostlibyen seien wesentlich konservativer als der Rest des Landes. Dort gebe es auf der Straße keine Frauen zu sehen. "Islamisten sind dort allgegenwärtig, auch im Kampf. Einige Journalisten haben berichtet, dass die härtesten und best geschulten Kämpfer an der Front Islamisten waren", so Hackensberger.

Geld könnte Streit verschärfen

Es scheint aber auch, dass nicht nur politische Auseinandersetzungen den inneren Streit der Rebellen bestimmen. Auch wirtschaftliche Interessen könnten eine Rolle spielen. Denn 30 Milliarden Euro sollen insgesamt nach Bengasi fließen, Geld aus dem eingefrorenen Vermögen der libyschen Führung unter Gaddafi. Frankreich hat den Rebellen am 1. August schon 250 Millionen Dollar zur Verfügung gestellt. Auch andere europäische Länder hatten diesen Schritt schon gemacht.

Für Alfred Hackensberger ist es kein Zufall, dass bestimmte Konflikte gerade jetzt auftreten: "Das jetzt gerade Konflikte nach oben brodeln, nach der Tötung des Kommandanten, könnte natürlich damit zusammenhängen, dass die Verteilung der eingefrorenen Gelder ansteht." Offiziell soll dieses Geld für die Versorgung von Zivilisten in Libyen verwendet werden.

Autorin: Lina Hoffmann
Redaktion: Katrin Ogunsade

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