1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politik

Zerreißprobe am Zapfhahn

2,61 Dollar, umgerechnet 2,13 Euro: Der Durchschnittspreis, den die Amerikaner in diesen Tagen für eine Gallone Benzin zu zahlen haben. In Europa lächelt man müde über den Aufschrei, der durch die Bevölkerung geht.

default

Eine Gallone entspricht 3,78 Litern und von umgerechnet 0,56 Euro pro Liter kann man in Deutschland nur träumen. Dass die Amerikaner dennoch besorgt die Spritpreisentwicklung verfolgen, liegt maßgeblich daran, dass sich der Benzinpreis in den letzten drei Jahren verdoppelt hat.

Preisschock an der Pumpstation

Der Spritpreis in den USA hat in den vergangenen 14 Tagen mit über drei Dollar in Kalifornien beinahe täglich neue Rekordstände erreicht. Und er klettert munter weiter. Nach einer neuerlichen Preisrunde an den Zapfsäulen sind die Kosten für das Benzin so hoch wie seit 1981 nicht mehr. Damals entsprach der Preis einer Gallone inflationsbereinigt 3,04 Dollar. Dass sich die Spritpreise in den USA wieder der Drei-Dollar-Marke nähern und diese in manchen Regionen zeitweilig schon überschritten wurde, erfüllt die Amerikaner mit Sorge. "Gas prices approach milk" – "Spritpreise nähern sich den Milchpreisen", schreibt die Washington Post in ihrer Mittwochsausgabe. In der Tat, denn eine Gallone Vollmilch kostet im Schnitt 3,39 Dollar. Eine Gallone Magermilch sogar nur 2,99 Dollar. Wagt man es nun noch, den Vergleich zu einer Gallone handelsüblichen Wassers zu ziehen – 7,36 Dollar – möchte man die Diskussion ganz schnell wieder fallen lassen. Benzin ist in den USA quasi zum Schnäppchenpreis zu haben. Und dennoch: die amerikanischen Autofahrer sind entrüstet und stehen ob der ungekannten Spritpreiszahlen irritiert vor den Tanksäulen. Seit Beginn des Irak-Krieges, im März 2003, sind die Benzinkosten um das Doppelte gestiegen. Besonders ärgerlich für viele: Die Kostenexpansion fällt in eine Zeit, in der viele Amerikaner mit dem Auto im Urlaub unterwegs sind.

Ölpreis schlägt wieder mal Kapriolen

Aber nicht nur der hohe Rohölpreis ist Schuld am unliebsamen Stopp an der Füllstation. Im August und September drohen wieder Hurrikans übers Land zu fegen; die Sturmsaison hat Hochkonjunktur. Sollte tatsächlich ein Wirbelsturm im Golf von Mexiko aufbrausen und an den Ölstationen Schaden anrichten, droht der Ölpreis auf seinem historischen Höhenflug weiter anzusteigen. Und das bekommt letztlich der Fahrer an der Tankstelle zu spüren. Da hilft nur: Den Wagen in der Garage stehen lassen und sich per pedes auf den Weg machen. Oder aber man sattelt auf das Zweirad um. Doch damit ist es in den USA nicht allzu weit bestellt; Fahrradfahrer sind zumindest in der Großstadt eine Rarität.

Das Laster der Bequemlichkeit

Selbst zum Supermarkt um die Ecke fährt man mit dem Auto, und hat man nur die Tüte Chips für den Fernsehabend vergessen. Da ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass einer neuen Studie zufolge die amerikanische Bevölkerung immer fettleibiger wird. Die dadurch verursachten Gesundheitsschäden kosten den Staat jährlich Milliarden. Und dennoch hat Präsident Bush, bevor er in den Sommerurlaub nach Crawford entschwunden ist, noch schnell den Sportunterrichts-Etat für 2006 um 25 Prozent gekürzt. Ein Grund mehr, das Auto stehen zu lassen. Doch selbst die Bosse großer Ölgesellschaften sind erstaunt: Die Nachfrage nach den Benzin schluckenden Super-Trucks ist schier ungebremst. Die US-Bürger haben sich an die bequemen Riesen gewöhnt: an die Geländewagen "SUV" (Sport Utility Vehicle), die Pick-ups und an die geräumigen Vans. Allesamt durstige Straßenkreuzer.

Unattraktive Alternativen

Da haben es umweltschonendere Kleinwagen oder energiesparende Motoren, vor allem solche mit Hybridantrieb, vergleichsweise schwer. Auch Begriffe wie "alternative Energien" treffen meist auf taube amerikanische Ohren. Gleichwohl ist ein zaghaftes Interesse für umweltfreundlichere Automobilmodelle zu verzeichnen; das Herz der Amerikaner konnte der so genannte "Light Truck" jedoch noch nicht erobern.

Und überhaupt: Solange sich das Fahrverhalten nicht grundlegend ändert, müssen die Amerikaner die volatilen Spritpreise und die Mehrbelastung wohl oder übel lernen, hinzunehmen. Fluchen und Ertragen lautet die Devise.