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Fokus Osteuropa

Zentralasien fürchtet „uigurischen Terrorismus“

Die Volksgruppe der Uiguren gilt in China als separatistisch. In Zentralasien fürchtet man, dass der Wunsch nach Autonomie auch die dort lebenden Uiguren erreichen könnte. Schon gelten sie als Sicherheitsrisiko.

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Muslimische Uiguren beim Gebet

Das an Kasachstan und Kirgisistan grenzende Uigurische Autonome Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China wird häufig das „chinesische Tschetschenien“ genannt. Die autochthone Bevölkerung dieser Region sind die Uiguren, die, wie Peking behauptet, seit Mitte der 90er Jahre für einen eigenen Staat und die Loslösung von China kämpfen.

Separatismus als Terrorgefahr?

Bachtijar Mirkasymow, Politologe beim russischen Institut für strategische Forschung, sagte der Deutschen Welle, es gebe 27 uigurische Organisationen, die mehr oder weniger für eine Unabhängigkeit des Uigurischen Autonomen Gebiets Xinjiang von China eintreten: „Sie kämpfen mit verschiedenen Methoden, manche bewaffnet, manche mit Terror. Deswegen ist das ein dringendes Problem in Zentralasien, weil die Lage dort auch auf die Situation in Xinjiang Einfluss hat.“ Mirkasymow betonte, es habe Fälle in zentralasiatischen Ländern gegeben, in denen Uiguren mit Terror versucht hätten, ihre Ziele zu erreichen. „In Zentralasien sind vier oder fünf solcher uigurischer Organisationen im Untergrund tätig, vor allem in Kirgisistan und Kasachstan. In Bischkek haben vor einigen Jahren Vertreter einer solchen Organisation den ersten Sekretär der chinesischen Botschaft ermordet. Später gab es einen Überfall auf einen Bus mit chinesischen Händlern. In Kasachstan hingegen lehnt die uigurische Gruppierung den bewaffneten Widerstand gegen die Staatsmacht ab“, sagte Mirkasymow.

Nach Einschätzung des Politikwissenschaftlers Mirkasymow finden die separatistischen Bestrebungen im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang Unterstützung bei der uigurischen Diaspora in Zentralasien. Ihm zufolge wurden in Zentralasien zwei Organisationen gebildet, die als terroristisch gelten. Das ist das Internationale Komitee zur Befreiung Ostturkestans und die Organisation zur Befreiung Uiguristans. Die kirgisischen Behörden haben mehrfach erklärt, uigurische Separatisten seien an mehreren aufsehenerregenden Verbrechen beteiligt gewesen. Dem Geheimdienst des Landes nach ist der ermordete Abgeordnete Bajaman Erkinbajew ethnischer Uigure gewesen. Die Rechtschutzorgane vermuten, dass er mit einer uigurischen extremistischen Organisation in Verbindung stand.

Unbegründete Vorwürfe

Der Vorsitzende der kasachischen Vereinigung Nationalverband der Uiguren, Scheripschan Nadyrow, vertritt eine andere Meinung. Im Gespräch mit der Deutschen Welle sagte er: „Es gibt in Zentralasien keine uigurischen extremistischen Organisationen, aber es gibt Organisationen, die unbegründet als extremistisch bezeichnet werden. Eine von ihnen ist die Organisation zur Befreiung Ostturkestans. Diese Organisation wurde vom kasachischen Justizministerium registriert. Sie wurde von Jusupbek Muchlisow geleitet, der vergangenes Jahr im Alter von 92 oder 93 Jahren verstarb. Diese Organisation bestand aus drei Personen: aus ihm, seiner Frau und deren Sohn, der derzeit wegen Diebstahls im Gefängnis sitzt. Mit Muchlisows Tod ist die Organisation tot. Was die Organisation zur Befreiung Uiguristans betrifft, so war diese Organisation einst in Kasachstan zugelassen. Aber 1994 und 1995 lehnte das Justizministerium eine Registrierung ab. Dieser Organisation gehörten vor allem Einwanderer aus China an, die 1955 aus China repatriiert wurden. Damals waren sie zwischen 20 und 30 Jahre alt, heute sind sie alte Menschen. Unter ihnen gab es sehr wenige junge Leute. Diese Organisation existiert auch nicht mehr, weil ihr Führer, Sabid Abdrachmanow, im Sommer 2005 bei einem Verkehrunfall ums Leben kam. Die restlichen Mitglieder sind nicht in der Lage, selbständig aktiv zu sein.“ Nadyrow betonte, dass diese Organisation legal tätig war und keine Terroranschläge verübt habe.

Uiguren sind keine Bedrohung

Eine Quelle im kirgisischen Geheimdienst teilte im Gespräch mit der Deutschen Welle mit, Kirgisistan und Kasachstan hätten bis zuletzt das Problem des uigurischen Terrorismus in Zentralasien auf Drängen Chinas immer wieder auf die Tagesordnung gesetzt. So wurde wegen des Überfalls auf jenen Bus mit den chinesischen Händlern eine große Gruppe Uiguren festgenommen. Über ein Dutzend Personen seien an China ausgeliefert worden, obwohl der kirgisische Geheimdienst gewusst habe, dass sie unschuldig seien. Wegen des Drucks der Behörden der zentralasiatischen Länder auf die uigurischen Organisationen würden in letzter Zeit immer mehr Uiguren die Region verlassen und sich, so die Quelle, in Pakistan, in der Türkei in arabischen Ländern und Europa niederlassen. Dorthin werde auch die Tätigkeit einer Reihe uigurischer Organisationen verlegt.

Dem hochrangigen Vertreter des kirgisischen Geheimdienstes zufolge sind die uigurischen Organisationen nicht Teil eines Terrornetzes. Sie würden für Kirgisistan und Kasachstan keine Bedrohung darstellen. Wegen ihrer anti-chinesischen Forderungen seien sie aber für die Länder ein unbequemer Faktor in den Beziehungen zu China. Die Quelle im kirgisischen Geheimdienst sagte der Deutschen Welle, dass Uiguren auch in Afghanistan und Pakistan wegen des Verdachts auf eine terroristische Betätigung festgenommen und in das Gefängnis in Guantanamo gebracht worden seien. Die amerikanische Seite habe ihnen jedoch nichts nachweisen können. Insgesamt seien mehr als 70 Personen uigurischer Nationalität verhaftet worden. Andererseits, so die Quelle, gebe es Uiguren in organisierten kriminellen Gruppierungen, die in Zentralasien aktiv seien. Aber diese Gruppierungen seien weder nach ethnischen noch nach politischen Kriterien aufgebaut.

Solto Temir, Oras Saryjew, Bischkek

DW-RADIO/Russisch, 13.12.2005, Fokus Ost-Südost