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Afrika

Zentralafrikanische Muslime fliehen aus der Hauptstadt

Hunderte Muslime verlassen die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Sie haben Angst vor christlichen Milizen. Beobachter warnen vor einer Spaltung des Landes durch den Bürgerkrieg.

"Libération!" - "Befreiung!" rufen hunderte Christen im zentralafrikanischen Bangui und stürmen das Stadtviertel PK 12. Sie jubeln, während rund 1300 muslimische Bewohner des Viertels in Lastwagen die Stadt verlassen. Eskortiert werden sie von Soldaten der Mission der Afrikanischen Union in Zentralafrika (MISCA). Vor deren Augen zerstören und plündern die zurückbleibenden Christen die Häuser der fliehenden Muslime. So beschreiben Augenzeugen, was sich am Sonntag (27.04.2014) in der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik ereignet hat. Es ist eine weitere besorgniserregende Entwicklung in dem Land, das seit dem Sturz des früheren Präsidenten François Bozizé vor einem Jahr zunehmend in einer Spirale der Gewalt zwischen christlichen und muslimischen Bevölkerungsgruppen gefangen ist.

Nach dem Putsch 2013 erklärte sich Michel Djotodia zum Übergangspräsidenten - ein Muslim, der sich jedoch noch im gleichen Jahr von der muslimisch geprägten Séléka-Allianz distanzierte und diese formell auflöste. Doch die Milizionäre setzten ihre Gewalt an der Bevölkerung ungehindert fort, worauf Djotodia im Januar 2014 auf internationalen Druck zurücktrat. Die neue Interimspräsidentin

Catherine Samba-Panza

- eine Christin - versucht nun, die beiden Gruppen zu versöhnen.

Räumung der Muslime in der Zentralafikanischen Republik (Foto: AFP)

Viele Muslime fühlen sich in Bangui nicht mehr sicher

Doch seit Djotodias Rücktritt scheint sich die muslimische Minderheit in der Hauptstadt nicht mehr sicher zu fühlen. "Die meisten Muslime brechen freiwillig aus den Städten im Westen und aus Bangui auf", sagt Thierry Vircoulon von der International Crisis Group im Gespräch mit der DW: "Das liegt daran, dass sie dort von einer feindlich gesinnten Bevölkerung und zum Teil von den christlichen

Anti-Balaka-Milizen

umzingelt sind." Diese Milizen hatten sich nach dem Putsch der Séléka-Allianz 2013 gebildet. Seitdem tobt die Gewalt zwischen den beiden Gruppen im ganzen Land.

Spaltung der Bevölkerung?

Doch die Muslime in der Hauptstadt Bangui sehen sich vor allem als Opfer. "Wir zentralafrikanischen Muslime sind friedliebende Menschen. Wir haben keine Probleme mit den ganzen Christen hier. Wir haben noch nie einen Christen getötet", sagt Aboubakar Amdjoda, der im Stadtviertel PK5 wohnt - einem weiteren muslimischen Stadtteil von Bangui. Amdjoda lebt noch in Bangui, so wie viele seiner Glaubensgenossen. Doch auch er möchte weg: Alle verbleibenden Muslime würden nun gerne in den muslimischen Norden ziehen, wo sie sicher seien, sagt Amdjoda der DW. Doch diese Sicherheit stellen Menschenrechtsorganisationen in Frage. Amnesty International spricht gegenüber der Presseagentur EPD von einer "kurzfristigen Lösung" und die Gesellschaft für bedrohte Völker warnt in einer Pressemitteilung vor einer "Spaltung des Landes in einen christlich dominierten Süden und einen muslimischen Teil im Norden".

Die Hauptstadt Bangui ist christlich geprägt und liegt im Süden des Landes. Der Nordosten steht noch immer unter der Kontrolle der Séléka-Rebellen. Indem sie Muslime aus Bangui in den Norden bringe, unterstütze die Internationale Gemeinschaft den Wunsch der Séléka-Rebellen nach einem unabhängigen Staat im Norden, warnt gar die Ministerin für Versöhnung Antoinette Montaigne. Doch die Internationale Organisation für Migration (IOM), die zu den Vereinten Nationen gehört und an der Evakuierung der Muslime aus dem Stadtteil PK12 beteiligt war, beruft sich auf den Wunsch der muslimischen Bevölkerung, die Stadt zu verlassen. Im Viertel PK5 und nahe der zentralen Moschee hätten die Muslime hingegen bleiben wollen, sagte Giuseppe Loprete von der IOM der Nachrichtenagentur Reuters.

Für Vircoulon von der International Crisis Group ist die Evakuierung eine Notlösung in einer Krise, die noch lange andauern wird. "Es galt, zwischen einer schlechten und einer sehr schlechten Lösung zu wählen", so Vircoulon. Nun habe man sich für die schlechte Lösung - die Evakuierung der Muslime aus einem Viertel - entschieden. "Doch so wurde das Risiko von Ermordungen sehr gemindert."

Machtlose Regierung

Catherine Samba-Panza, Übergangspräsidentin der Zentralafrikanischen Republik (Foto: Reuters)

Übergangspräsidentin Catherine Samba-Panza

Unter der neuen Übergangspräsidentin Catherine Samba-Panza setzt sich die Regierung für eine Versöhnung der verschiedenen Bevölkerungsgruppen ein. Doch sie kann kaum auf funktionierende Verwaltungsstrukturen zurückgreifen. Der Leiter des Hamburger Instituts für Afrikastudien, Andreas Mehler, hält ihren Einfluss daher für minimal. Da helfe es nur bedingt, dass Samba-Panza eine Konsenskandidatin sei, die selbst in keinen der alten Konflikte verwickelt sei. Und auch die rund 8000 afrikanischen und französischen Soldaten in der Zentralafrikanischen Republik bleiben oft Zuschauer in dem großen Land. Das bestätigt ein weiterer Vorfall am Wochenende: Mutmaßliche Séléka-Rebellen griffen am Samstag (26.04.2014) ein Krankenhaus der Organisation Ärzte ohne Grenzen in der Stadt Nanga Boguila im Norden an. Laut Angaben der Agentur AFP kamen dabei mindestens 22 Menschen ums Leben, darunter drei Mitarbeiter der Hilfsorganisation.

Vircoulon von der International Crisis Group hofft nun auf ein verstärktes Engagement der Europäischen Union, die kürzlich über eine

Eingreiftruppe

entschieden hat. Die EU müsse jedoch nicht nur Sicherheit bieten, sondern sich auch für den Dialog in der Zentralafrikanischen Republik stark machen.

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