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Afrika

Zentralafrika wartet auf Rettung

Der UN-Sicherheitsrat will die Friedenstruppe in der Zentralafrikanischen Republik stärken. Frankreich verspricht 1000 Soldaten zu entsenden. Die Bevölkerung hofft auf ein Ende des Chaos.

Schon in Friedenszeiten war die Lage in der Zentralafrikanischen Republik dramatisch. "Die Kindersterblichkeit etwa war in großen Teilen des Landes bereits höher als in Somalia", berichtet Sylvain Groult von Ärzte ohne Grenzen aus der Hauptstadt Bangui. "Jetzt ist es noch katastrophaler", sagt der Helfer. Infolge der Gewalt und des weitgehenden Zusammenbruchs der staatlichen Ordnung in den vergangenen Monaten seien nahezu alle der ohnehin spärlich ausgestatteten Gesundheitszentren geschlossen worden. "Fast alle Ärzte und Mitarbeiter sind geflohen, die Gebäude wurden geplündert und die Medikamente gestohlen", so Groult.

Nach einer Schätzung der Vereinten Nationen (UN) benötigt rund ein Drittel der etwa 4,5 Millionen Einwohner der Zentralafrikanischen Republik dringend Lebensmittel- und medizinische Hilfe. Die meisten von ihnen sind auf der Flucht vor Übergriffen der ehemaligen Rebellen-Koalition Séléka oder vor bewaffneten Anhängern des im März gestürzten Ex-Präsidenten Francois Bozizé. "Viele Menschen verstecken sich im Wald und trauen sich aus Angst vor den Rebellen nicht zurück in ihre Dörfer", sagt Sylvain Groult von Ärzte ohne Grenzen. Diese Menschen seien von jeder Versorgung abgeschnitten. Vor allem viele Kinder würden an Durchfall und anderen im Normalfall einfach zu behandelnden Krankheiten und Verletzungen sterben.

Mehr Truppen aus Frankreich

Polizisten vor einem Pick-up in Bangui (Foto: AFP PHOTO / PACOME PABANDJI) (Photo credit should read PACOME PABANDJI/AFP/Getty Images)

Nur in der Hauptstadt Bangui hat die Gendarmerie die Lage einigermaßen unter Kontrolle

Im März 2013 hatten die Séléka-Rebellen Präsident Bozizé entmachtet und Michel Djotodia als dessen Nachfolger installiert. Offiziell hat dieser inzwischen die Séléka aufgelöst. Doch Kämpfer würden nun als "völlig unkontrollierbare" Banden durchs Land ziehen, sagt Thibaud Lesueur, der für die Nichtregierungsorganisation International Crisis Group in der Zentralafrikanischen Republik arbeitet.

Nach Monaten vergeblicher Appelle von Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen ist nun allerdings Bewegung in die internationale Diplomatie gekommen. Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian kündigte am Dienstag (26.11.2013) an, sein Land werde 1000 zusätzliche Soldaten in die Zentralafrikanische Republik schicken. Etwa 400 hat Frankreich bereits zum Schutz des Flughafens sowie französischer Bürger in der Hauptstadt Bangui stationiert. Die neuen Truppen sollen die von der Afrikanischen Union geführte Friedensmission MISCA unterstützen.

Der UN-Sicherheitsrat, der am Montag (25.11.2013) über die Lage in der Zentralafrikanischen Republik beriet, soll kommende Woche über eine Ausweitung des MISCA-Mandats entscheiden. Die Truppe, die derzeit etwa 2500 Soldaten umfasst, war erst im Sommer 2013 gebildet worden mit dem Auftrag, die zentralafrikanischen Sicherheitskräfte zu unterstützen. Um das Land zu stabilisieren, reiche das allerdings bei weitem nicht aus, sagt Crisis-Group-Experte Lesueur. "Es gibt keinen Frieden mehr, den eine solche Truppe sichern oder bewahren kann. Man muss die öffentliche Ordnung von Grund auf wiederherstellen."

Warnungen vor einem Völkermord

Karte der Zentralafrikanischen Republik (DW-Grafik: Peter Steinmetz)

Das Chaos in der Zentralafrikanischen Republik droht eine unruhige Region im Zentrum Afrikas weiter zu destabilisieren

Mit Blick auf die vermehrt zwischen christlichen und muslimischen Bevölkerungsteilen eskalierende Gewalt hatte der Außenminister der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich vergangene Woche gewarnt, die Zentralafrikanische Republik stehe "am Rande eines Völkermords". Die Sorge, dass das Ende der Gewaltspirale noch nicht erreicht ist, teilt auch das US-Außenministerium. Dessen für Afrika zuständiger Staatssekretär sprach vom "Vorstadium eines Genozids".

Hinter diesen dramatischen Warnungen steckt die Befürchtung, dass die Gewalt eskalieren könnte: zwischen den muslimisch dominierten Séléka-Gruppen auf der einen und Anhängern des alten Regimes sowie Selbstverteidigungsmilizen der christlichen Bevölkerungsmehrheit auf der anderen Seite. Zwar gibt auch die aus der Rebellenbewegung hervorgegangene Übergangsregierung inzwischen zu, die Kontrolle in Teilen des Landes verloren zu haben, der Sprecher des Übergangspräsidenten Djotodia, Guy Simplice Kodegue, hält allerdings die Sorge vor einem Religionskrieg für unbegründet. "Das würde das zentralafrikanische Volk nie akzeptieren."

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Ein französischer Soldat in Bangui (Foto: REUTERS/Joe Penney)

Die französische Armee sichert den Flughafen in Bangui

Schuld an der ausufernden Kriminalität und dem "Banditentum" sind laut dem Präsidentensprecher dagegen die Selbstverteidigungsmilizen, hinter denen in Wirklichkeit Anhänger von Ex-Präsident Bozizé steckten. Diese versuchten, den von der neuen Regierung angestrebten Transformationsprozess zu sabotieren. Dieser Darstellung widersprechen allerdings Augenzeugen, die der Séléka schwere Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung vorwerfen. Die Selbstverteidigungsgruppen seien dagegen verzweifelte "Jugendliche, die mit Jagdgewehren und Macheten" versuchten, ihre Dörfer gegen die marodierenden Rebellen zu verteidigen, berichtet der Erzbischof von Bangui, Dieudonné Nzapalainga, der betroffene Regionen des Landes bereist hat.

Die Leidtragenden sind in jedem Fall die Zivilisten, denen nichts anderes übrig bleibt als zu fliehen. Verlässliche Zahlen zu den Opfern der Gewalt gibt es nicht. Obwohl Ärzte ohne Grenzen seine Hilfsprojekte aufgestockt habe und versuche, auch entlegene Gebiete mit mobilen Kliniken zu erreichen, sei die Versorgung bei weitem nicht ausreichend, sagt Sylvain Groult. Insbesondere die großen UN-Hilfsorganisationen wagten sich bisher nicht in viele betroffene Landesteile. Und dies habe auch Signalwirkung für andere, private Organisationen. Ohne ein massives internationales Eingreifen, da sind sich fast alle Beobachter einig, ist eine Besserung der Situation nicht in Sicht. Er hoffe, sagt Erzbischof Nzapalainga, "dass die Appelle endlich dazu führen, dass die internationale Gemeinschaft der zentralafrikanischen Bevölkerung zu Hilfe eilt".

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