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Kultur

Zementierte Grenzen

Nach dem Fall der Berliner Mauer war die Hoffnung groß, dass auch andere Mauern fallen würden. Stattdessen sind weitere hinzugekommen. Einer hat sie fotografiert - und nutzt Reste der Berliner Mauer als Passepartout.

Zaghaft blickt eine Frau durch eine Lücke in dem Betonwall, der ihre Heimatstadt Bagdad in zwei Teile spaltet: in ihr eigenes Viertel und das der anderen. Errichtet von den amerikanischen Besatzern im Jahr 2006 als Schutz gegen Anschläge schottet die Mauer von Bagdad die Wohngebiete von Schiiten und Sunniten streng voneinander ab. Ein Bollwerk, das Gewalt verhindert – aber auch den Kontakt von Menschen unterschiedlichen Glaubens.

"Eine Mauer kann einen politischen Konflikt niemals lösen", sagt der Fotograf Kai Wiedenhöfer, der die Szene dokumentiert hat. "Das wissen gerade wir Deutschen sehr genau." Als junger Student hatte der gebürtige Schwabe aus Süddeutschland den Fall der Berliner Mauer mit seiner Kamera festgehalten – für ihn das aufregendste und positivste politische Ereignis, das er jemals erlebt hat. Für viele war es ein Zeichen der Hoffnung: Der "Eiserne Vorhang" in Europa wurde zum Fall gebracht, nun könnten auch weitere Mauern auf der Welt gestürzt werden. Stattdessen aber kamen weitere Trennwände hinzu. Wiedenhöfer, den das Thema nicht mehr losließ, machte sich auf, um diese neuen Mauern zu fotografieren.

Der Fotograf Kai Wiedenhöfer steht vor einem seiner Panoramabilder auf der Berliner Mauer (c) REUTERS/Thomas Peter (GERMANY - Tags: ENTERTAINMENT)

Der Fotograf Kai Wiedenhöfer

Von Belfast bis Bagdad, von Mexiko bis Korea

Grenzen mit Mauern und Militärbewachung zu dokumentieren ist kein leichtes Unterfangen. Er reiste an den Grenzzaun zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und Mexiko, den jeden Tag unzählige Menschen überspringen, und nach Nordkorea, wo die seiner Meinung nach unüberwindbarste aller Mauern steht. Er setzte seine Reisen nach Ceuta und Melilla fort, wo Drahtzaunanlagen afrikanische Flüchtlinge abhalten sollen. Dann folgte Israel, das mit seiner Mauer die Menschen im Westjordanland einsperrt. Wiedenhöfer ging bis ins nordirische Belfast und die zyprische Hauptstadt Nikosia, wo die letzten Mauern innerhalb des sonst so grenzenlosen Europas stehen.

Nicht immer waren die verantwortlichen Behörden glücklich über Wiedenhöfers Vorhaben, die Stellen zu fotografieren, an denen das Land an seine eigenen Grenzen stößt – und doch gewährte man ihm Zugang. Im Gegensatz zu den Menschen, die vor Ort leben, sind die Mauern für ihn als Ausländer durchlässig. Die Fotografien, die bei seinen Reisen entstanden sind, stellt er nun an Wänden aus, die an Symbolkraft wohl nicht zu überbieten sind: an den Resten der Berliner Mauer. Über eine Länge von 364 Metern hat er seine Panoramaaufnahmen auf die Betonwände aufgezogen. "Für das breite Format der Fotos ist das der perfekte Ort", sagt Wiedenhöfer, "außerdem kann sie hier jeder sehen – auch die Leute, die sonst nicht in eine Ausstellung gehen würden."

Fotos der Ausstellung „Wall on Wall“ werden angebracht (c) DW/ Theresa Tropper Juli 2013

Die Fotografien werden auf die Mauer geklebt

Kritische Blicke auf das Wall-on-Wall-Konzept

Fast sechs Jahre hat es gedauert, bis er diese Idee Wirklichkeit werden lassen konnte. Denn nicht alle fanden das Wall-on-Wall-Konzept so gut wie Wiedenhöfer selbst. Vor allem von den Künstlern der East Side Gallery, die die andere Seite der Mauer bemalt haben, gab es Widerstand. "Das wäre eine Verfälschung", empörte sich der Vorsitzende der Künstlerinitiative bis zuletzt, "der Ort muss authentisch bleiben".

Für Wiedenhöfer ist das nicht nachvollziehbar. "Die Mauer sah doch ohnehin längst nicht mehr so aus wie zu Zeiten der deutschen Teilung", bemerkt er und spielt damit auf die vielen Graffitis an, die den ursprünglich einheitlich getünchten Beton der Mauerreste zieren.

"Eine Botschaft an die Welt"

Bei den Besuchern kommt die Mauerkunst an. "Die Fotos sehen toll aus", schwärmt eine junge Frau aus München, "und in dieser Größe sind sie wirklich eindrucksvoll". Schon kurz nach der Eröffnung posieren die Ersten für Schnappschüsse – zwischen den koreanischen Grenzsoldaten etwa oder neben der verschleierten Frau in Bagdad. Und immer wieder entstehen Gespräche über Mauern und ihre Auswirkungen auf die Menschen in ihrer Umgebung.

Besucher der Ausstellung „Wall on Wall“ (c) DW/ Theresa Tropper Juli 2013

Bei den Besuchern kommt die Ausstellung gut an

Das ist ganz im Sinne der Berliner. "Hier in Berlin haben wir es geschafft, eine Mauer zu überwinden", sagt Bezirksbürgermeister Franz Schulz. "Mit dieser Ausstellung wollen wir darauf aufmerksam machen, dass das an vielen Stellen leider noch nicht gelungen ist." Die Ausstellung sei deshalb nicht nur Fotokunst, sondern auch eine Botschaft – und, wie Kuratorin Adrienne Goehler ergänzt, "eine Aufforderung an die Welt, es uns gleichzutun".

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