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Politik & Gesellschaft

Zeitzeugen erinnern sich an den Super-GAU

Auch 25 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl leiden noch viele Menschen an den Folgen dieses Unglücks. Die Regierung der Ukraine möchte das am liebsten vergessen machen. Sie plant neue Atomkraftwerke.

Verlassene Gebäude vor dem Atomkraftwerk von Tschernobyl (Archivfoto: ap)

Die Region um das AKW ist noch heute unbewohnbar

An einem Samstag vor 25 Jahren, am 26. April 1986, explodierte der vierte Block des Atomkraftwerks in Tschernobyl, in der heutigen Ukraine. Vladimir Anatolevich Gudov war damals junger Reservist der Sowjetarmee und wurde schon bald darauf zum Einsatz befohlen - als Liquidator, als atomarer Aufräumarbeiter.

Vladimir Gudov (Foto: IPPN)

Vladimir Gudov war auch Liquidator

Er war einer der rund 800.000 Menschen, die abkommandiert wurden, um die gefährliche Strahlung irgendwie einzukapseln, damit sie sich nicht noch weiter verbreitet - von der damaligen Sowjetunion nach Europa, über den gesamten Globus. "Sechs Monate lang – in 206 Tagen und Nächten – wurde der Sarkophag über dem vierten Reaktor gebaut", berichtet Gudov. "Das war eine gigantische, eine titanische Arbeit."

"Die Strahlung kann man nicht sehen, nicht riechen und nicht schmecken", betonte Svetlana Kabanzova auf einer Konferenz der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW), die kurz vor dem 25. Jahrestag in Berlin stattfand. Und "über die Gefahren wurden die Menschen wenig informiert", klagte Kabanzova.

Sie ist Deutschlehrerin in Kostjukovitschi in Weißrussland und erinnert sich an die ersten Tage nach dem Super-GAU. Sie war mit dem Auto unterwegs: "Wir sind auf einer sandigen Straße steckengeblieben. Auf den Feldern links und rechts arbeiteten die Bauern im radioaktiven Staub. Auch die Kinder spielten im Freien. Es war ja so herrliches Wetter."

Schlimmer als Krieg

Erst allmählich handelten die Behörden und evakuierten die Menschen aus den besonders verstrahlten Gebieten. Für viele kam die Evakuierung zu spät, sie starben an den unmittelbaren Folgen. Andere wiederum leben zwar bis heute. Doch die Zahl der Krankheiten nimmt zu. Die Strahlenbelastung verursacht nicht nur Tumore und Krebserkrankungen aller Art, auch Herzinfarkte kommen bereits bei Kindern und Jugendlichen vor. Entzündungen, neurologische Erkrankungen, Missbildungen und vorzeitige Alterungsprozesse sind im Strahlungsgebiet überdurchschnittlich verbreitet.

Valentina Smolnikova, Ärztin in Buda-Koscheljowo in der weißrussischen Region Gomel, kennt viele leidvolle Geschichten. Sie hat die Menschen dort behandelt, und oft hat sie ihnen bis zum Tod beigestanden. "Die Geburtenrate sinkt, die Sterblichkeit steigt, die Lebensqualität sinkt dramatisch und die Zahl der Waisen nimmt zu", fasst sie zusammen. Ihre Bilanz ist bitter: "Tschernobyl und Fukushima sind schlimmer als Krieg."

Hilflos gegen die Strahlung

Svetlana Kabanzova (Foto: IPPN)

Svetlana Kabanzova

Mehr als die Hälfte der Kinder in der Region Gomel werden nach Angaben von Experten heute mit Missbildungen und Krankheiten geboren. Verschiedenste Bestandteile der atomaren Strahlung sind längst in der Nahrungskette angekommen - im Kohl, in den Kartoffeln, in der Milch. Manche Lebensmittel, vor allem Obst und Gemüse, werden von weither geliefert, berichtet Kabanzova. "Es soll keine Strahlung haben, soll sauber sein". Aber schon lange wachsen offenbar die Zweifel an den Messungen und Richtwerten, die das gesundheitliche Risiko angeblich minimieren sollen. "Wir lernen viel über Messungen", sagt die Lehrerin. "Aber wir wissen nicht, was gefährlich ist?"

Und wie lange? Zunehmend zeigen sich die Folgen vom Super-GAU in der nächsten und übernächsten Generation. Dass die Strahlung offenbar die Chromosomen schädigt und die Gene verändert, bestätigen inzwischen viele Ärzte und mehrere Studien. Nach Berechnungen des russischen Umweltexperten Yablokov leben heute über acht Millionen Menschen in den stark strahlenbelasteten Zonen in Russland, Weißrussland und der Ukraine.

Keine Öffentlichkeit

Übernahme von Verantwortung? Fehlanzeige. Diagnosen mit dem Stichwort "Strahlenschäden" kommen in der Ukraine nicht vor, sagt Gudov. Rentenzahlungen etwa würden gekürzt oder gar nicht bewilligt. Die Kranken fühlten sich allein gelassen. "Wir können uns nicht einfach in medizinische Behandlung begeben, obwohl das ukrainische Grundgesetz eine kostenlose medizinische Behandlung vorsieht", berichtet Gudov weiter. Für alle Kosten müsse man selbst aufkommen. Und die Operationen seien sehr teuer. "Und so scheiden die Liquidatoren schnell aus dem Leben. Es ist eine moralische Belastung und auch eine physische." Eine stille Last für jeden, die nicht in die Öffentlichkeit dringe.

Wegziehen, weggehen aus der krankmachenden Umgebung ist für die Ärztin Valentina Smolnikova keine Option. Wie und wohin sollte sie gehen? Sie fühlt und lebt mit den Menschen in ihrer Heimat. Will der zerstörerischen Moral, die Tschernobyl auch auf die Gesellschaft hat, etwas entgegensetzen. Sie will verantwortlich handeln für etwas, was sie nicht zu verantworten hat. Wächst in ihr keine Wut über die Atompolitik einer Weltgemeinschaft, die vor Jahren Tschernobyl und jetzt Fukushima hervorgebracht hat?

Kriegsbegriffe und Hoffnungslosigkeit

Valentina Smolnikova (Foto: IPPN)

Kinderärztin Valentina Smolnikova

Nicht Wut, sondern Mitgefühl kommt ihr als erstes über die Lippen. Anteilnahme für die Menschen, die evakuiert werden müssen und die niemals wieder in die unmittelbare Umgebung ihrer Heimat zurückkehren könnten. "Es ist zwar kein Krieg", fährt sie fort, "aber es taucht plötzlich dieses Vokabular auf: Evakuierung, Todeszone… und Humanverluste. Was heißt denn das? Eben, dass Menschen leiden, erkranken und sterben."

Die Schäden würden noch sehr lange andauern. Und man wisse ja auch nicht, ob es nicht noch zu weiteren Explosionen komme. Man dürfe die Atomkraft nicht weiter nutzen, meint sie. "Damit verbindet sich keine Hoffnung, nirgendwo."

Die Ukraine plant - wie viele andere Länder auch - gerade zwei weitere Atomkraftwerke. Gudov, der gemeinsam mit drei weiteren Männern den Einsatz seiner Einheit in Tschernobyl angeführt hat, erinnert sich an die Arbeit nach der Explosion vor 25 Jahren: "Wir bekamen gesagt, was getan werden muss. Dann zogen wir uns um und liefen zur Arbeit. Wir haben den radioaktiven Müll mit Besen, Schaufeln und Schubkarren aufgesammelt und abtransportiert ... Im Inneren [des AKW] mussten wir dann eine 'Deaktivierung' durchführen," fährt er fort. "Wir mussten die Wände mit Wasser und einem Deaktivierungsmittel abspritzen."

Bittere Erfahrungen

Von den vier Einsatzleitern ist Gudov der Einzige, der überlebt hat. Damals gab es keine Möglichkeit, "nein" zu sagen. "Es war eine Frage der nationalen Sicherheit, ein Ausnahmezustand und eine Befehlskette", beschreibt er die Situation. Aber was würde er tun, wenn er noch einmal vor eine solche Aufgabe gestellt wäre. Würde er noch einmal gehen?

"Diese Frage haben wir Überlebenden schon einmal bei einer Gedenkfeier auf dem Friedhof diskutiert", antwortet der heute 55-Jährige. Und, ja: "Ich würde noch mal gehen." Schließlich sei er schon alt und habe die Erfahrung. Sie waren sich offenbar einig damals auf dem Friedhof: "Wir würden nicht die Jungen schicken."

Seine Erfahrungen hat Vladimir Gudov nicht nur kürzlich in Berlin erzählt. Er hat viele erschütternde Geschichten der Liquidatoren als Buch herausgegeben. Das hatte unmittelbare Folgen: Seine ohnehin knappe Rente wurde um ein Viertel gekürzt.

Die Geschehnisse von damals haben ihn vor allem eines gelehrt, sagt er: "Wie grenzenlos groß die Dummheit der Menschen ist."

Autorin: Ulrike Mast-Kirschning
Redakteurin: Helle Jeppesen

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