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Kultur

Zeitzeugen als Gedächtnis der Nation

Das Wunder von Bern, der Bau der Mauer, die deutsche Wiedervereinigung: Historische Ereignisse werden durch Schilderungen von Zeitzeugen lebendig. Deren Erinnerungen werden in Deutschland jetzt systematisch archiviert.

Der Bus, in dem Zeitzeugen interviewt werden, steht vor dem Brandenburger Tor in Berlin (Foto: Gedächtnis der Nation)

Savina Draak erinnert sich noch ganz genau, obwohl das dramatische Ereignis fast 50 Jahre zurückliegt. Die Bilder der verheerenden Sturmflut von 1962 in Hamburg, der 340 Menschen zum Opfer fielen, haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt. Ein elfjähriges Kind war Savina damals, als jemand an ihr Fenster klopfte und brüllte: "Das Wasser! Das Wasser!" Ihre Mutter dachte zunächst, es handele sich um einen Rohrbruch. Doch als der Vater die Wohnungstür öffnete, schwappte das Wasser gleich knöchelhoch hinein.

Diese Erinnerungen der inzwischen 60 Jahre alten Hamburgerin gehören jetzt zum reichhaltigen Fundus des Zeitzeugen-Archivs "Gedächtnis der Nation", das auf Initiative des TV-Historikers Guido Knopp und des "Stern"-Journalisten Hans-Ulrich Jörges in Form eines Internet-Portals entstanden ist. Zum Start am 6. Oktober stellte Guido Knopps Haus-Sender, das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF), rund 1600 Zeitzeugen-Interviews ins Netz, die wichtige deutsche Themen und Ereignisse des 20. Jahrhunderts abdecken. Aber auch die erste Dekade nach der Jahrtausend-Wende und zukünftige Ereignisse sollen in das "Gedächtnis der Nation" eingehen.

Bundespräsident Christian Wullf ist Schirmherr

Die abfotografierte Startseite des Zeitzeugen-Projekts, ein sogenannter Screenshot. Darauf zu sehen ist unter anderem das Gesicht einer älteren Frau, die symbolisch für das Thema Gedächtnis der Nation steht. (Foto: Gedächtnis der Nation)

Startseite des Projekts "Gedächtnis der Nation"

Das Projekt unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Christian Wulff ist auf Dauer angelegt und wird komplett privat finanziert. Für die ersten vier Jahre stehen nach Angaben der Initiatoren zwei Millionen Euro zur Verfügung. Neben dem Magazin "Stern" und dem ZDF engagieren sich weitere Medien- und Wirtschaftsunternehmen sowohl finanziell als auch konzeptionell. Um das Archiv beständig zu ergänzen und zu aktualisieren, tourt ab sofort ein Bus durch Deutschland, ein Videobus, in dem Menschen ihre Erinnerungen in die Kamera sprechen können. Zunächst sollen es vor allem Erinnerungen an die deutsch-deutsche Geschichte in DDR und Bundesrepublik Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sein.

Praktische Unterstützung erhoffen sich die Macher von regionalen Medien, die durch Hinweise auf Termine und Stationen des Busses interessierte und interessante Zeitzeugen zum Mitmachen animieren sollen. Hans-Ulrich Jörges bedauert, dass Westdeutsche "unheimlich große Lücken in der Wahrnehmung der DDR-Geschichte" hätten. Deshalb hofft der "Stern"-Journalist beim ersten aktuellen Zeitzeugen-Projekt für das "Gedächtnis der Nation" auf große Resonanz im Osten des Landes. Entsprechend verläuft die Bus-Route entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze.

Stevens Spielberg als Vorbild

Die Initiatoren und der Geschäftsführer des Zeitzeugen-Projekts posieren vor der Kulisse des Berliner Doms: TV-Historiker Guido Knopp (links), Geschäftsführer Jörg von Bilavsky (Mitte) und der Journalist Hans-Ulrich Jörges (rechts). (Foto: Gedächtnis der Nation)

Projekt-Trio vor dem Berliner Dom: TV-Historiker Guido Knopp (l.), Geschäftsführer Jörg von Bilavsky (M.) und der Journalist Hans-Ulrich Jörges

Ideen-Geber für das Projekt war die "Shoah Foundation" des US-Filmregisseurs Steven Spielberg, die die Erinnerungen von Holocaust-Überlebenden aufgezeichnet hat. Ähnliche Archive haben zahlreiche NS- und DDR-Gedenkstätten angelegt. Kooperationen mit staatlichen Einrichtungen und anderen Medienpartnern sind ausdrücklich erwünscht. Mit dem Deutschen Historischen Museum in Berlin sei bereits eine Zusammenarbeit vereinbart, freut sich Initiator Jörges. Um die geschichtlich und wissenschaftlich korrekte Bearbeitung der Interviews kümmert sich ein Redaktions-Team unter Leitung des Historikers und Journalisten Jörg von Bilavsky, der zugleich Geschäftsführer des gemeinnützigen Vereins "Gedächtnis der Nation" ist.

Interviews sollen Schul-Unterricht bereichern

Im Idealfall könnte das schon bestehende und künftige Video-Material im Schul-Unterricht zum Einsatz kommen, hofft von Bilavski. Für die Qualitäts-Kontrolle ist ein hochkarätig besetzter Beirat zuständig. Mitglieder sind unter anderem der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Joachim Gauck, und der wissenschaftliche Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Peter Steinbach. Vorsitzender des Gremiums ist der jüngst auf einen Lehrstuhl an der Universität Glasgow berufene Historiker Sönke Neitzel.

Kuratoriumsmitglied Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien, lächelt in die Kamera. (Foto: Gedächtnis der Nation)

Kuratoriumsmitglied Bernd Neumann, Staatsminister für Kultur und Medien

Zusätzliche Unterstützung für das "Gedächtnis der Nation" kommt von einem Kuratorium, dem neben dem Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann, zahlreiche Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Medien angehören. Einige von ihnen sind in dem Online-Portal als "Jahrhundertzeugen" selbst Teil des Projekts. Dazu gehören der langjährige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher und die ehemalige FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, die sich im Umfeld der NS-Widerstandsgruppe "Weiße Rose" bewegte.

"Der größte Feind des Historikers ist der Zeitzeuge"

Bei aller Relevanz historisch bedeutender Figuren soll aber der Blick "von unten" im Mittelpunkt des Projekts stehen. In welchem Spannungsfeld man sich dabei bewegt, ist dem Team bewusst. Initiator Guido Knopp, seit vielen Jahren beim ZDF für Zeitgeschichte zuständig, zitierte ein schon klassisch zu nennendes Bonmot: "Der größte Feind des Historikers ist der Zeitzeuge." Sönke Neitzel, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats, geht damit sehr gelassen um. Der Historiker ist sogar ein großer Anhänger der im Angelsächsischen als "Oral History" bezeichneten Form der Geschichtsschreibung.

Für einen anderen thematischen Schwerpunkt, den Widerstand gegen die NS-Diktatur, sei man besonders darauf angewiesen. Ohne Zeitzeugen wäre die deutsche Widerstands-Forschung praktisch tot, wenn es zum Beispiel um das gescheiterte Attentat auf Adolf Hitler im Jahre 1944 gehe, meint Neitzel. "Wir müssten dann sagen: Irgendwann am 20. Juli ist eine Bombe explodiert, mehr wissen wir nicht."

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Marlis Schaum

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