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Sprachbar

Zeitwörter

Wenn der "Gummiadler" mit der "Fluppe" im Schnabel die "Wählscheibe" bedient, dann geschieht was? Er landet in der großen Sammlung von Mumien-Wörtern, von Wörtern, die nicht mehr in Mode sind.

Im Jahr 1950 fand die erste Wahl zur Miss Germany statt. "Warum nicht mitmachen", mochte sich die damals 24-jährige Susanne Erichsen aus Berlin gedacht haben. Sie war eines der ersten Mannequins in der blutjungen Bundesrepublik Deutschland.

Von Mannequins und Models

Susanne Erichsen

Das "Mannequin" Susanne Erichsen

Heutzutage würde man Model sagen. Frau Erichsen gewann die Wahl und ging zwei Jahre später nach Amerika als – wie es in Pressemeldungen hieß – "Botschafterin der deutschen Mode". Die junge Frau machte einen nachhaltigen Eindruck in den Vereinigten Staaten.

Man hatte Bilder vom Bund Deutscher Mädchen gesehen, den BDM-Mädels, Bilder der so genannten Trümmerfrauen in den Ruinen des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Berlins. Und jetzt kam da diese Erichsen und versetzte die Neue Welt in Erstaunen. Dergestalt, dass man schließlich vom deutschen "Fräuleinwunder" sprach. Und dieses Wunder verkörperte nicht nur die erste Miss Germany – es gab immer mehr solcher "Fräuleins" in Deutschland.

Verblassende Begriffe

"Mannequins" – "Trümmerfrauen" – "Fräuleinwunder": Begriffe aus einer Zeit, die immer mehr verblasst, Begriffe, die irgendwann niemand mehr verstehen wird. Auch Wörter sind vergänglich; sie unterliegen der Zeit, sie sind eben Zeitwörter.

Und es sind nicht nur die Wörter aus der Szene- und Jugendsprache. So sind beispielsweise Krawallbrause für Bier oder Fluppe für Zigarette gewissermaßen sprachliche Eintagsfliegen.

Wählscheibe?

Ein altes Telefon mit Wählscheibe

Da wählte man sich die Finger wund!

Aber wer hätte gedacht, dass einmal das Wort Wählscheibe aus der deutschen Sprache verschwinden würde, und das wegen der technischen Entwicklung. In einer Radiosendung wurden einmal junge Leute auf der Straße gefragt, ob sie denn wüssten, was eine "Wählscheibe" sei. Erst jemand, der in einem Handy-Laden arbeitete, konnte den Begriff erklären.

Er stammt noch aus der Zeit der alten Telefone mit Wählscheibe. Ein Aufschrei der Erleichterung ging durch die Telefongemeinde, als die Tastentelefone auf den Markt kamen. Denn mancher hatte sich manchmal im wahrsten Sinne des Wortes "die Finger wund gewählt", weil am anderen Ende der Leitung ständig besetzt war.

Bandsalat

Die technische Entwicklung bringt auf allen Gebieten jede Menge neuer Begriffe hervor und verdrängt die vorherigen Wörter.

Nur die Älteren werden noch wissen, dass "Bandsalat" keine neue Salatsorte ist, sondern dass es sich dabei nur um ein schwer zu entwirrendes Knäuel Tonband handelte, wenn sich eine Audiokassette im Rekorder verhakelt hatte. Im digitalen Medienzeitalter von "Audio-Files" spielt das "Magnet-Tonband" keine Rolle mehr.

Altes stirbt

Ausschnitt aus dem Musical Starlight Express

Auf Rollschuhen unterwegs

So wie sich alles ändert, stets im Fluss ist, so ändert sich auch die Sprache. Neues tritt an die Stelle des Alten oder das Alte stirbt einfach. Das klingt dramatisch, aber es gibt sie – die aussterbenden Worte, die ihre Zeit, ihre Lebenszeit, hatten. Und das ist ja auch ganz normal.

Fährt eigentlich noch jemand Rollschuhe? Zwar gibt es noch die Sportart Rollhockey, die aber zusehends vom Inlinehockey verdrängt wird. Ansonsten sehen wir auf den Straßen Inline-Skater und keine Rollschuhfahrer. Ist ja auch etwas anderes: Vier Räder in einer Reihe hintereinander und nicht zwei nebeneinander vorne und hinten.

Neues kommt

Die Beispiele lassen sich beliebig fortführen: Aus dem Hagestolz wurde ein Single, aus dem Gabelfrühstück ein Brunch, aus dem Stelldichein ein Date, aus dem Steckenpferd ein Hobby, aus dem Backfisch ein Teenager, aus dem Drahtesel ein Bike, und so weiter.

Man darf gespannt sein, wie lange sich Wörter halten werden, die in der früheren DDR ihre Heimat hatten. Zum Beispiel der Broiler.

Der Broiler

Grill-Hähnchen in einem Imbiss

Ganz viele leckere Gummiadler

Dass Broiler nun ausgerechnet ein Wort angloamerikanischen Ursprungs ist, nämlich aus der Fachsprache der Geflügelzüchter, mag man als Ironie der Sprachgeschichte betrachten. Broiler ist das Wort für ein zur Mast bestimmtes Hähnchen. Ungefähr mit Beginn der 60er Jahre hießen im DDR-Sprachgebrauch die Grillhähnchen "Broiler".

In der Werbung tauchte gar der "Goldbroiler" auf, was im Volksmund zu den ironisierenden Bezeichnungen "Silber-" beziehungsweise "Bronzebroiler" führte. Letzterer fand sein westdeutsches Gegenstück im Gummiadler, ebenfalls ein Wort, das man kaum noch hört und das irgendwann in den Tiefen der Sprachgeschichte verschwinden wird.

Ossis und Wessis

Zwei Weihnachtsengel

jahresendflügelfiguren

Was hierzulande die Portion Pommes, Nudeln, Reis oder Kartoffelsalat ist, war in der DDR die Sättigungsbeilage. Auf den Speisekarten einfacher Gasthäuser in der tiefen ostdeutschen Provinz findet man das Wort vereinzelt noch. Was im Westen das Kondom war, kam in der DDR als Gummifünfziger daher. Und die Jahresendflügelfigur war der Weihnachtsengel.

Eines Tages wird auch die begriffliche Teilung der deutschen Bevölkerung in Wessis für diejenigen aus der alten Bundesrepublik und in Ossis für diejenigen aus der früheren DDR nicht mehr im Sprachgebrauch auftauchen.

Die gute alte Zeit

Aber das kann dauern. Alles hat eben seine Zeit. Auch die Wörter. Und wer ein bisschen Nostalgie pflegen will, dem bietet das Internet eine Fülle von Stöbermöglichkeiten. Die Retter der aussterbenden Wörter sorgen dafür, dass aus den Zeitwörtern Wörter auf Zeit werden.

Fragen zum Text

Als Fräuleinwunder wurde ursprünglich bezeichnet …

1. Marlene Dietrich.

2. Susanne Erichsen.

3. Heidi Kabel.

Als Wort gibt es im Deutschen nicht: …

1. Flappe.

2. Floppe.

3. Fluppe.

Ein Gummiadler ist …

1. ein Raubvogel aus Gummi.

2. ein gegrilltes Hähnchen.

3. eine Kaugummi-Verpackung, die aussieht wie ein Adler.

Arbeitsauftrag

Spielen Sie ein Spiel: Einer in Ihrer Gruppe erstellt eine Liste mit bis zu zwanzig "Mumien"-Wörtern. Er trägt diese der Reihe nach vor. Die Gruppenmitglieder erklären deren Bedeutung. Wer falsch rät, muss ein weiteres Wort zu der Liste beitragen.

Autorin: Anke Berlin

Redaktion: Beatrice Warken

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