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Amerika

Zeitungskrise: Die selbsterlebte Story

In den USA schreiben Printjournalisten unfreiwillig ihre eigene Geschichte: Sie werden massenhaft entlassen, Zeitungen geschlossen. Einen Reporter zog es nun von Washington D.C. zu einem Provinzblatt in der Wüste.

Das erleuchtete Hochhaus der New York Times in New York.

New York Times-Hochhaus: Erneut 100 Redakteure entlassen

Wenn man im Journalismus von „Fallhöhe“ spricht, dann meint man damit die Dramatik einer Geschichte. Bei einem Millionär etwa, der von heute auf morgen sein ganzes Hab und Gut verliert. Die Zeitungsjournalisten der USA müssen im Moment nicht lange suchen nach einer Story mit großer Fallhöhe. Sie erleben sie gerade selbst.

Der US-Zeitungsmarkt befindet sich in seiner bisher größten Krise. Seit Anfang 2008 verloren 32.000 Mitarbeiter ihre Jobs, mehrere namhafte Zeitungen mussten schließen. Erst am Dienstag (20.10.2009) teilte die New York Times mit, dass sie weitere 100 Redakteure auf die Straße setzen werde. In San Francisco ist der „Chronicle“ akut bedroht. Die Stadt könnte die erste US-Metropole werden, die keine eigene Tageszeitung hat.

Von Washington in ein Wüstendorf

Der US-Journalist Michael Sprengelmeyer gibt der Zeitungskrise ein Gesicht. Auch seine persönliche Geschichte hat eine Fallhöhe, nach der Journalisten oft akribisch suchen. Sprengelmeyer schrieb für die „Rocky Mountain News“ aus Denver. Er war Reporter in Washington, berichtete über den Wahlkampf von Barack Obama, reiste in den Irak und nach Afghanistan. Heute arbeitet er in einem 2500-Seelen-Dorf in der Wüste von New Mexico. Als im Februar der „Rocky“ schließen musste und alle Mitarbeiter entließ, wagte Sprengelmeyer ein Experiment.

Michael Sprengelmeyer sitzt bei einem Recherchegespräch vor einer US-Fahne.

Lokaljournalismus: Michael Sprengelmeyer bei der Recherche

Der 42-jährige Journalist kaufte eine winzige Zeitung in Santa Rosa, New Mexico, den „Guadalupe County Communicator“. Auflage: 2100, sie erscheint einmal pro Woche. „Nach meiner Kündigung wusste ich, dass ich nie wieder einen so großen Job kriegen würde“, sagt Sprengelmeyer. „Zu viel Krise im Moment.“ In Santa Rosa ist er nun Besitzer und Chefredakteur in einem. Sprengelmeyer schreibt nun nicht mehr über Obama oder den Obersten Gerichtshof der USA. Er schreibt jetzt über Sitzungen im Rathaus von Santa Rosa, oder über den Zirkus, der das Dorf besucht. „Aber auch das ist Journalismus. Und ich mag es, mein eigener Herr zu sein.“

Hassliebe zum World Wide Web

Experten sehen vor allem zwei Gründe für Probleme der Zeitungen. Die Wirtschaftskrise zum einen. Leser bestellen ihre Abonnements ab, Unternehmen schalten weniger Anzeigen. Auf der anderen Seite das Internet.

Es ist eine gewisse Hassliebe, die Print-Journalisten zum World Wide Web hegen. Ohne das Netz geht es nicht, da sind sich alle einig. Aber gerade das Internet schnappt den Zeitungen Leser und Anzeigenkunden weg. Es scheint oft, als habe man sich da sein eigenes Grab geschaufelt. Professor Caja Thimm verweist darauf, dass ein Großteil des Anzeigenmarktes von den Zeitungen ins Internet gewandert ist. „Da fehlt jetzt richtig Geld“, sagt die Medienwissenschaftlerin der Universität Bonn. Denn Profit machen im Netz ist schwierig.

Sprengelmeyer berät sich mit einer Mitarbeiterin in den Redaktionsräumen.

Kleines Team: Sprengelmeyer und seine Mitarbeiterin

Zu viele Internet-Plattformen bieten sich als Anzeigenmarkt an. So ist der Autoverkauf über Seiten wie Ebay günstiger, als mit einer herkömmlichen Zeitungsannonce. Auch mit Nachrichtenjournalismus im Netz können die Verlage kein Geld verdienen. Zwar verschlingen gute Nachrichten eine Menge Geld, sie werden vom Nutzer jedoch kaum honoriert. Wer für News Geld verlangt, den bestraft der Leser: Er surft einfach zur nächsten Website.

Caja Thimm rät den Verlagen, auf Spezialangebote zu setzen. Für bestimmte Services seien Internet-Nutzer bereit, Geld auszugeben. Im Print-Bereich, so Thimm, solle man verstärkt auf Qualität und Hintergründe setzen. Ein Beispiel sei die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" die sogar steigende Auflagen verbuchen könne. Dennoch: Für Thimm sind die großen Zeiten des Printjournalismus vorüber. Zu computeraffin sei die junge Generation von Lesern, zu groß die Vorteile des Online-Journalismus. Eine Chance sieht die Wissenschaftlerin nur für bestimmte Nischenprodukte, Magazine etwa, die ein "Ästhetikum" seien.

Michael Sprengelmeyer will nicht so pessimistisch sein. "Ich glaube immer noch an Print", sagt er. "Die Leute wollen die Geschichten ausschneiden und greifen können." Seit Sprengelmeyers Einstieg in Santa Rosa hat der "Guadalupe County Communicator" seine Auflage um 20 Prozent erhöht. Die kleine Zeitung aus der Wüste von New Mexico wird wohl überleben. Denn detaillierte Artikel über die letzte Schulratssitzung in Santa Rosa bietet keine Internet-Seite. Die Zukunft der großen Tageszeitungen hingegen, scheint mehr als ungewiss.

Autor: Benjamin Hammer

Redaktion: Oliver Pieper    

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