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Kultur

Zeitungen als Zeugen der NS-Zeit

Zum Nachlesen und Nachdenken anregen will das Projekt "Zeitungszeugen". Wie? Mit kommentierten Zeitungsnachdrucken aus der NS-Zeit. Das will der Freistaat Bayern verhindern.

Die zweite Ausgabe von Zeitungszeugen

Die zweite Ausgabe von "Zeitungszeugen"

Die aktuelle Ausgabe der "Zeitungszeugen" ist zunächst wie geplant in einer Auflage von 150 000 Stück erschienen: Sie beschäftigt sich mit dem Reichstagsbrand vom 27. Februar 1933 und enthält Nachdrucke des sozialdemokratischen "Vorwärts", der bürgerlichen "Vossischen Zeitung" sowie des NS-Parteiorgans "Völkischer Beobachter". Bei einer bundesweiten Aktion jedoch sind auf Anordnung des Amtsgerichts München hunderte dieser Nachdrucke beschlagnahmt worden. Juristische Bedenken haben das bayerische Justiz- und das Finanzministerium. Gegen die Herausgeber und das britische Verlagshaus Albertas wird nun ermittelt wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und Verstoßes gegen das Urheberrecht.

Verbreitung von Nazi-Propaganda?

Das Finanzministerium Bayerns ist zuständig, weil es seit Ende des Zweiten Weltkrieges das Urheberrecht für die meisten nationalsozialistischen Zeitungen hat - übrigens auch für "Mein Kampf" von Adolf Hitler.

Aus prinzipiellen Erwägungen erteilt das Ministerium keine Abdruckgenehmigungen. Es argumentiert mit der Missbrauchsgefahr. Der Verbreitung von nationalsozialistischem Gedankengut solle vorgebeugt werden – auch aus Respekt vor den Opfern. Die erneute Veröffentlichung von NS-Propaganda konfrontiere diese immer wieder mit ihren Leiden, heißt es.

Der Zentralrat der Juden hat sich dieser Argumentation unterdessen angeschlossen. Das Projekt "Zeitungszeugen" mit seinen Originalnachdrucken liefere – so Generalsekretär Stephan Kramer – "Kopiervorlagen für Nachwuchsnazis in jedem Zeitungskiosk". Von seriöser politischer Bildung könne keine Rede sein.

Einige Originalzeitungen aus der NS-Zeit

Einige Originalzeitungen aus der NS-Zeit

Unnötige Mystifizierung

Die Chefredakteurin der Zeitung, die Historikerin Sandra Paweronschitz, weist die Kritik zurück. Auch Historiker, die an dem Projekt mitarbeiten, haben protestiert. In jeder Ausgabe kommentieren renommierte Historiker wie Hans Mommsen oder Wolfgang Benz die Inhalte und Aufmacher der beigelegten Tageszeitungs-Nachdrucke und ordnen sie geschichtlich ein. Aufklärung über die nationalsozialistischen Verbrechen sei "ohne fundierte Analyse der Originaldokumente nicht möglich", schrieben die Experten jetzt in einer Stellungnahme. Das Verbot sei "ein höchst ungeschickter Beitrag zur Mystifizierung und Überhöhung von NS-Propaganda".

Politik und Alltag

Frank Bajohr von der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte ist überzeugt, dass interessierte Laien bei der Lektüre der "Zeitungszeugen" viel über die politische Situation im "Dritten Reich" lernen können. Aber auch unpolitische Informationen seien aufschlussreich. "Man bekommt ein Gefühl dafür, wie eine solche Diktatur im damaligen Alltag funktionieren konnte."

Die "Zeitungszeugen" dokumentieren dies. So konnten am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübernahme Hitlers, Interessierte in den Zeitungen des Deutschen Reichs sehr unterschiedliche Botschaften lesen. Das nationalsozialistische Blatt "Der Angriff" forderte auf seiner Titelseite pathetisch: "Fahnen heraus!" Der kommunistische "Kämpfer" rief Sympathisanten zu "Massenstreik und Massendemonstrationen" gegen die Nationalsozialisten auf. Die rechtskonservative "Deutsche Allgemeine Zeitung" lobte das neue Kabinett Adolf Hitlers, in dem auch deutschnationale Politiker vertreten waren.

Aber auch politisch weniger Brisantes vermittelt einen authentischen Eindruck der Zeit. So wurde etwa berichtet, wie sich "Fräulein Hella Oehmichen" auf den Berliner Presseball vorbereitete – sie wählte schließlich ein teerosenfarbenes Satinkleid. Ein Vortrag über die Speisegewohnheiten steinzeitlicher Höhlenbewohner – angeblich Mehlbrei und Saubohnen – führte zu heftigen Debatten unter Experten. Aus Zürich wurde über "Weinhäuser mit Damenbedienung" berichtet. Hinzu kamen in allen Blättern Kleinanzeigen, Sport, Konzert- und Rundfunkprogramme.

Neonazis keine Zielgruppe

Auch Frank Bajohr ist überzeugt, dass von den nachgedruckten NS-Zeitungen keine politische Gefahr ausgeht.

"Ich kann nicht explizit ausschließen, dass sich der eine oder andere Neonazi an dem einen oder anderen Blatt ergötzt. Ich glaube aber nicht, dass diese Zielgruppe da ernsthaft bedient wird", sagt er.

Zudem würden bestimmte NS-Propaganda-Erzeugnisse wie der antisemitische "Stürmer" bewusst gar nicht erst nachgedruckt. Man berücksichtige andere Perspektiven, darunter beispielsweise auch Zeitungen des deutschsprachigen Exils.

In anderen europäischen Ländern hat das alles auch bereits funktioniert: Ableger von den "Zeitungszeugen" erschienen auch in Spanien, den Niederlanden und Österreich. Dort gab es bislang keine juristischen Auseinandersetzungen.

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