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Politik

Zeitmaschine im Jeansladen

Weblog 9/11 - 10.9.2002: Bernd Riegert über einen New Yorker Jeansladen, in dem die Zeit stehen blieb.

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New York, 10.9.2002

Bernd Riegert

Bernd Riegert

Am Broadway, Hausnummer 196, ist die Zeit stehen geblieben. Um 10.05 Uhr am 11. September zerbarst die Schaufensterscheibe des Jeansladens in Nummer 196. Graubraune Asche legte sich über die gesamten Ladeneinrichtung. Der Südturm des World Trade Centers, nur einen Häuserblock entfernt, war eingestürzt. Scherben, Metallsplitter und Papiere aus einer Firma im obersten Stockwerk des Turms lagen im Laden von David Cohen. Heute, ein Jahr danach, sieht der Schaufensterbereich des Chelsea Jeans-Geschäft noch immer so aus. David Cohen hat die staubbedeckten Regale und Auslagen nicht angerührt, sondern stattdessen einen Glasschrein darum errichtet. "Ich konnte einfach nicht alles wegwaschen", so Cohen. Den hinteren Teil seines Ladens hat er wieder aufgebaut.

Jeansladen in New York nach dem 11. September

Die Besucher strömen ins Geschäft, vor allem um den Glasschrein zu sehen. "Sie kaufen etwa 20 Prozent weniger als vor den Anschlägen und gucken nur," klagt David Cohen. Der sinkende Umsatz zwingt ihn, seinen Laden im nächsten Monat zu schließen. Der Schrein mit den Hosen und T-Shirts unter Asche sei kein Marketing-Gag gewesen, erzählt mir David Cohen. Das hätten seine Konkurrenten gleich gemutmaßt.

Als ich vor einem Jahr nach den Anschlägen als Korrespondent der Deutschen Welle an Ground Zero war, habe ich auch ein Foto von Chelsea Jeans am Broadway 196 gemacht. Jetzt stehe ich wieder vor dem Laden, dessen Schaufenster unverändert ist - ein seltsames Gefühl. Die New York Times nannte das Glasschrein von David Cohen: "A moment frozen in time."

Was nach der Geschäftsaufgabe in vier Wochen mit dem Glasschrein und staubigen Denkmal passieren wird, weiß David Cohen noch nicht. Er hat dem Bürgermeister geschrieben und die Übergabe an ein Museum vorgeschlagen. Bislang bekam er noch keine Antwort.

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